Der brave Herr Meuthen

Der Wirtschaftsprofessor Jörg Meuthen ist das respektable Gesicht, das der AfD in Westdeutschland zum Erfolg verhilft.

Ein Gemässigter unter Radikalen: AfD-Politiker Meuthen. Foto: Felix Kästle (Keystone)

Ein Gemässigter unter Radikalen: AfD-Politiker Meuthen. Foto: Felix Kästle (Keystone)

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In den Gründungszeiten der Alternativen für Deutschland, vor drei Jahren, wurde sie oft die «Partei der Professoren» genannt. Damals stritt Deutschland noch nicht über Flüchtlinge, sondern über die Rettung des Euro, und ultraliberale Ökonomen wie Bernd Lucke setzten die AfD öffentlichkeitswirksam in Szene. Lucke war ein Professor, der hölzern und belehrend sprach. In der Nacht schrieb er lange Mails an die Mitglieder und legte den gültigen Kurs für seine Partei fest, der allerdings oft kaum den nächsten Tag überstand.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Der Euro ist fürs Erste gerettet, Lucke hat die Kontrolle über die AfD längst verloren. Die Nationalkonservativen, die muslimische Flüchtlinge als Gefahr für die deutsche Identität betrachten, haben resolut das Kommando übernommen. Mit Lucke verliessen auch die meisten Professoren die Partei. Einer blieb und setzte sich bereitwillig auf die verlassenen Posten: Jörg Meuthen. Anstelle von Lucke wurde er Co-Chef der Partei, zusammen mit der jungen Frauke Petry. Als Spitzenkandidat der AfD in Baden-Württemberg beerbte er den früheren Rechnungshofbeamten Bernd Kölmel.

Meuthen ist ein Gemässigter unter Radikalen, und das ist auch der Grund, warum er in der deutschen Öffentlichkeit bis vor kurzem nahezu unbekannt war. Die Republik echauffierte sich über die Scharfmacher in der Partei: Petry, die auf Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze notfalls auch schiessen lassen wollte, bevor sie den Aufruf halbherzig zurücknahm. Björn Höcke, AfD-Chef in Thüringen, der vor dem «afrikanischen Ausbreitungstyp» warnte, «1000 Jahre Deutschland» beschwört und das «deutsche Volk» feiert.

Das Zündeln, Aufwiegeln und Brüllen überlässt Meuthen lieber anderen. Der 54-jährige Vater von fünf Kindern sagt stattdessen Dinge, mit denen er problemlos als konservativer Patriot durchgeht. Er ist für eine strikte Begrenzung der Zuwanderung, für nationale Grenzkontrollen, für eine erneute Verschärfung des Asylrechts. Solche Positionen sind gewiss nicht rechtsradikal, man hört sie auch von der bayerischen CSU und vom rechten Rand der CDU.

Meuthens Zurückhaltung hat Methode: Seine Aufgabe ist es, die fremdenfeindliche AfD auch in Westdeutschland respektabel zu machen und damit in Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 die Verwurzelung der Partei im ganzen Land voranzutreiben. Leute wie er sind dazu da, der Union frustrierte Konservative abzujagen. In Baden-Württemberg ist das am Sonntag so gut gelungen wie in Rheinland-Pfalz und zuvor bei den Kommunalwahlen in Hessen.

Bewährte Arbeitsteilung

Meuthen spielt seine Rolle gut. Wie radikal es in ihm drinnen aussieht, weiss niemand. Inhaltlich trenne ihn nichts von seinen Kollegen im Osten, hielt er kürzlich fest, er pflege nur einen anderen Stil. Jedenfalls hat er die Radikalen in der Partei nie verurteilt, sondern immer grosszügig gewähren lassen. Er halte nichts von Ausgrenzung, sagt er. Es reiche ihm, sich selber abzugrenzen.

In der AfD herrscht eine bewährte Arbeitsteilung: Die Radikalen provozieren und sorgen für Aufmerksamkeit, die Zurückhaltenden sammeln den rechten Rand der etablierten Parteien ein. Nur in den ostdeutschen Ländern zahlt sich Radikalität direkt aus. André Poggenburg etwa, dem Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, haben weder seine hetzerischen Phrasen noch der Umstand geschadet, dass er mehrere Haftbefehle wegen unbeglichener Schulden und ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung am Hals hatte.

Meuthens Parcours zur AfD ist typisch für den Weg vieler Parteikader. Schon als Schüler gründete er einen Ortsverein der Jungen Union. Aber es gefiel ihm nicht, wie gönnerhaft die alten Herren von der CDU mit dem «jungen Mann» umsprangen, wie er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» erzählte. Zur Bundeswehr ging er nicht: «Blinder Gehorsam ist nicht meine Sache.» Als Student wollte er erst Journalist werden, wechselte dann zur Volkswirtschaft und schrieb schliesslich eine Doktorarbeit über die Kirchensteuer.

Er arbeitete drei Jahre im hessischen Finanzministerium, das ihm aber wie eine zivile Version der Bundeswehr vorkam: Stechuhr, Zeichnungsketten, das war nichts für ihn. Meuthen flüchtete in die Freiheit der Hochschule. Heute bildet er im badischen Kehl an einer Fachhochschule künftige Bürgermeister und Spitzenbeamte aus.

In der Zwischenzeit wählte der politisch heimatlose Konservative meist die FDP, aber ohne Überzeugung. Erst 2013 fand er eine Partei, in der er sich nicht unterordnen musste, weil er ganz weit oben einstieg: die AfD. Als diese noch eine Professorenpartei war.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.03.2016, 20:38 Uhr)

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