Der falsche Verdächtige

Der Flüchtling Navid Baloch galt erst als Terrorist, jetzt fürchtet er um sein Leben.

Ihm wird in Pakistan vorgeworfen, dem Ruf des Landes geschadet zu haben: Navid Baloch.

Ihm wird in Pakistan vorgeworfen, dem Ruf des Landes geschadet zu haben: Navid Baloch. Bild: Kate Connolly/ The Guardian

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Die Geschichte war zu schön, um wahr zu sein. Direkt nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt am Montag vor Weihnachten verfolgte ein Passant den Fahrer des Lastwagens, der gerade zwölf Menschen getötet hatte. Unterwegs kontaktierte er die Polizei und sorgte dafür, dass diese den Verdächtigen etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt verhaftete.

Einen Tag lang galt der festgenommene Pakistaner als dringender Tatverdächtiger – sogar der deutsche Innenminister nannte ihn so. Dann liess man ihn frei. Die Ermittler wussten längst, wen sie wirklich suchten – den Tunesier Anis Amri, den die Polizei später in Italien tötete.

Für den 24-jährigen Pakistaner Navid Baloch allerdings sind die Stunden in den Händen der Berliner Polizei lebensbedrohlich geworden, wie er gerade der britischen Zeitung «Guardian» erzählte. «Ich habe Todesdrohungen in Pakistan erhalten», sagte er. «Bisher wusste zu Hause niemand, dass ich geflüchtet bin. Jetzt wissen es alle.» Baloch stammt aus Belutschistan, der Unruheprovinz im Süden Pakistans an der Grenze zu Afghanistan und dem Iran. In der Schweiz wurde Belutschistan 2011 bekannt, als dort zwei Berner Touristen von Taliban entführt wurden.

Als Verräter beschimpft

Navid Baloch behauptet, Mitglied einer Partei zu sein, die für die Unabhängigkeit der an Bodenschätzen reichen Wüstenregion kämpft. «Meine Cousins, die für dieselbe Partei aktiv waren, wurden von den Sicherheitsbehörden umgebracht», sagte er dem «Guardian». Er habe zwei Jahre lang in seiner Heimat auf der Flucht gelebt und alle paar Tage seine Unterkunft gewechselt, bevor ihn pakistanische Sicherheitskräfte verhaftetet und gefoltert hätten. Daraufhin sei er Ende 2015 mithilfe von bezahlten Schleppern nach Deutschland gekommen. Hier wolle er politisches Asyl beantragen.

Seit seiner Freilassung wohnt Baloch in einer geheimen Unterkunft, die ihm die Polizei zur Verfügung gestellt hat. In sein bisheriges Flüchtlingsheim könne er nicht zurückkehren, da ihn die Pakistaner dort als Verräter angreifen könnten. Tatsächlich wird Baloch in Pakistan vorgeworfen, dem Ruf des Landes geschadet zu haben.

Widersprüchliche Aussagen

Seine Darstellung im «Guardian» widersprechen allerdings Berichten in anderen Medien. Die britische «Daily Mail» schrieb letzte Woche, dass ein Cousin von Baloch, der bei dessen Verhaftung dabei gewesen sein will, ihn «mental angeschlagen» genannt habe. Balochs Familie, die in Belutschistan in der Nähe von Turbat wohnt, bestreitet, politisch aktiv zu sein. «Wir gehören nicht zu denen, die der Regierung Probleme machen», wird sein Vater zitiert.

Navid Baloch selbst macht sich Sorgen um die Sicherheit seiner Verwandten: «Man kann sich kaum vorstellen, was sie mit meiner Familie anfangen könnten.» Um sie zu schützen, sei er nun an die Öffentlichkeit gegangen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2016, 19:19 Uhr

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