Deutschland muss diesen Bürgern antworten

Viele glauben, dass die AfD wieder verglühen wird. Das ist leider wenig wahrscheinlich.

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Christ- und Sozialdemokraten haben bei den drei deutschen Landtagswahlen teilweise erdrutschartig verloren, die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) gewaltig dazu­gewonnen. Mitten in der Flüchtlingskrise ist das Votum ein gellender Protest gegen die Willkommenspolitik der Kanzlerin und ihrer Regierung. Fürs Erste wird der Aufschrei von rechts freilich wenig ausrichten, weil die regierenden Parteien noch eine deutliche Mehrheit haben. Aber eine Drohung für die Zukunft ist er allemal.

Ist das nun ein dramatischer Rechtsrutsch? Ja, aber auch nein. Schon lange vor dem Aufstieg der AfD gab es in Deutschland ein nationalistisches, elitenskeptisches und fremdenfeindliches Lager von rund einem Fünftel der Be­völkerung. Dieses war aber teils noch in den Volksparteien CDU/CSU gebunden oder versank im schwarzen Loch der Minderheit von Nichtwählern. Die AfD ist nun die erste Partei, die diesen Bürgern über den Protest der Stunde hinaus eine Stimme und eine Heimat gibt.

Der Erfolg der AfD bringt eine historische Zäsur. Das Trauma der Nazivergangenheit hatte zur Folge, dass rassistische und nationalistische Kräfte in Deutschland während sechs Jahrzehnten erfolgreich stigmatisiert wurden. Die Eliten unternahmen alles, um zu ver­hindern, dass sie sich in einer grossen Partei am rechten Rand organisieren. Dieses Tabu ist Geschichte. Man mag das be­klagen, aber helfen tut es nichts. Von links wird zwar panisch «Nazi» gerufen, doch die alten Bannsprüche wirken nicht mehr. Gleichzeitig, und das ist die gute Nachricht, ist die ­deutsche Demokratie längst reif genug, um mit der neuen Heraus­forderung umzugehen.

Nahezu überall in Europa gibt es rechts der konservativen Volksparteien populistische Anti-Elite-Parteien, die sich erfolg­reich als Anwälte des «Volkes» gerieren und eine kulturelle Revolution von rechts anstreben. Nun auch in Deutschland.

Viele glauben, dass die AfD wieder verglühen wird, sobald die Flüchtlingsfrage nicht mehr alles dominiert. Das ist leider wenig wahrscheinlich. Im Unterschied zu einem Modephänomen wie den Piraten ist die AfD eine ernsthafte Anti-System-Partei. Sie versammelt jene erstaunlich vielen, die sich selbst in einem reichen Land wie Deutschland von der Politik grundsätzlich nicht ernst genommen und sozial am Wegrand liegen ge­lassen fühlen. Jene er­schreckend vielen, die mit der Identität ihres sich rasant wandelnden Landes und der liberalen Demokratie überhaupt fremdeln.

In der AfD werden diese Bürger sichtbar. Es ist kein ­schönes Bild, das sich zeigt. Aber diesen Bürgern muss das Land ins Gesicht sehen und antworten, wenn es seine Zukunft gestaltet.

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(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.03.2016, 21:22 Uhr)

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