Die Kriegsrhetorik ist verfehlt

Der Terrorismus des IS ist in Westeuropa kein militärisches, sondern ein politisches Problem. Der IS wird seine Ziele nicht erreichen, wenn wir besonnen bleiben.

Einschussloch im Schaufenster des Café La Belle Equipe in der Rue de Charonne in Paris. Foto: Laurentvu, Sipa, Dukas

Einschussloch im Schaufenster des Café La Belle Equipe in der Rue de Charonne in Paris. Foto: Laurentvu, Sipa, Dukas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Drei Tage nach der Schreckensnacht von Paris dominieren weit über den Kreis der Opfer und ihrer Angehörigen hinaus Trauer und Betroffenheit. Sie sind nur vereinzelt zu Wut geworden, vorab am rechten Rand der Gesellschaft. Und auch dort nur scheint man nicht davor gefeit, eine ganze Religionsgruppe mit der Tat in Zusammenhang zu bringen. Die Spitzenpolitiker haben das vermieden, aber einige von ihnen bedienen sich inzwischen allzu leichtfertig der Kriegsrhetorik. Staatspräsident François Hollande war der Erste, der von einem «kriegerischen Akt» gegen Frankreich sprach, um den Ausnahmezustand und verstärkte Grenzkontrollen zu rechtfertigen. Gestern taten es ihm zahlreiche Staatschefs am G-20-Gipfel nach, selbst der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sprach von einem Krieg.

Diese Begrifflichkeit stimmt für Syrien und den Irak, in Westeuropa ist sie verfehlt. Hier gibt es keinen Krieg, sondern im religiösen Wahn exportierte Gräueltaten von Kommandos mit automatischen Waffen und Bombengürteln. Die IS-Terroristen sind angesichts der schwachen Unterstützung selbst in den Banlieues keine reale Gefahr für die politische Stabilität Frankreichs.

Front gegen IS wird breiter

Religiöser Wahn scheint zu Selbstüberschätzung und Wahrnehmungsverlust zu führen. Wer einen grausamen Gott oder einen überirdischen Auftrag hinter sich wähnt und sich selber als dessen Werkzeug zur Erfüllung sieht, scheint jede menschliche und auch politische Regung zu verlieren. In dieser Hinsicht ähneln die schrecklichen Taten am Freitagabend in Paris eher dem Massenmord von Anders Breivik 2011 gegen das Jugendlager auf der norwegischen Ferieninsel Utöya, als dass sie einem politischen Ziel folgen.

Das politische Ziel des IS wird irrationaler denn je. Er kann die westliche Gesellschaft zwar verunsichern, aber er kann sie nicht erschüttern. Frankreich wird seine Bombardierung von IS-­Stellungen wegen der terroristischen Bedrohung nicht einstellen – im Gegenteil: Es wird verstärkt den Anspruch stellen, dass die militärische Front im Kampf gegen den IS breiter wird, zumindest was die Luftangriffe betrifft. Selbst der Einsatz von Bodentruppen wird nach der Schreckenstat von Paris vermehrt zur Diskussion stehen. ­Hollandes Aussagen sind taktisch zu deuten: Wenn Frankreich von einem Kriegsakt betroffen ist, dann kann es auf die Unterstützung der EU-Verteidigungsminister zählen, gegebenenfalls auch auf jene der Nato und selbst der UNO. Vetos im UNO-Sicherheitsrat sind unwahrscheinlicher geworden, Russland war mit dem mutmasslichen Bombenattentat auf den Reisejet im Sinai selber von einer Terrorattacke betroffen, China drohen ähnliche Terrorangriffe durch radikale Uiguren. Die IS-Logik scheint in erster Linie auf eine Zuspitzung des Konflikts zu zielen in der Hoffnung, dass ihm die Grausamkeit des Kriegs neue Unterstützung bringt. Aber der IS lebte mit seinen medienwirksamen Auftritten im Westen gleichzeitig auch davon, bei einem Teil der Immigranten zu einem jugendkulturellen Phänomen zu werden: Er versprach desorientierten Jugendlichen in der Migration Sinn, Gemeinschaft, Abenteuer und ein Leben nach dem Tod. Doch nach den Frontalattacken in Paris und auf dem Sinai ist der Sinn zum Wahnsinn geworden. Und welcher «Prophet» kann für Wahn­sinns­taten wie jene am Freitag in Paris ewiges Leben versprechen? Ein paar Scharlatane, mehr nicht.

Kontrollierte Grenzen

Die Zustimmung zu verschärften ­Sicherheitsvorkehrungen wird nach diesem Freitag nicht nur in Frankreich, sondern in allen westlichen Staaten deutlich steigen: Dazu werden der aufwendige Schutz von Grossanlässen gehören und – problematischer – mehr Überwachung und die sich abzeichnende Wiedereinführung von ­Grenzkontrollen. In Halbtagesdistanz zu Paris auch in der Schweiz, wie von Verteidigungsminister Ueli Maurer in den Sonntagsmedien schon ange­deutet.

Zivile Ziele werden angreifbar bleiben. Das ist traurig und mit unendlichem Leid und Unverständnis verbunden. Aber es ist tröstlich, zu wissen, dass es keine radikale politische Organisation und kein Einzeltäter je geschafft haben, mit solchen Aktionen ihre politische Basis zu verbreitern. Oder hat jemand seit Utöya noch etwas von Breiviks Neuen Tempelrittern gehört? Von jenem marokkanischen Kommando in Spanien, das 2004 Zeitbomben in die einfahrenden Vorortszüge von Madrid legte? Sie trafen in erster Linie Einwanderer, danach rückte die Gesellschaft zusammen.

Das war wirksamer als der Krieg gegen den Terror, den US-Präsident George W. Bush nach 9/11 ausrief. Dieser Krieg hat, Ironie der Geschichte, trotz vordergründiger militärischer Erfolge im Ergebnis zu jenen ge­scheiterten Staaten geführt, die die Basis für den Aufstieg des IS legten. Ein Grund mehr zur Vorsicht in Gebrauch und Anwendung von Kriegsrhetorik.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.11.2015, 23:24 Uhr)

Artikel zum Thema

Der Islamische Staat wird global

Die Anschläge in der Türkei, in Ägypten und nun in Paris zeigen: Das selbst ernannte Kalifat dehnt seinen Terror inzwischen weit über Syrien und den Irak hinaus aus. Mehr...

«Gewalt ist ein menschliches Phänomen, kein religiöses»

Interview Der Präsident der Zürcher Muslime, Mahmoud El Guindi, spricht im Interview über den Pariser Terror und Schweizer Imame. Mehr...

Videobilder deuten auf neunten Attentäter hin

Ein neunter Terrorist soll an den Anschlägen von Paris beteiligt sein, wie Bilder einer Überwachungskamera zeigen. In Deutschland gab es Hinweise auf einen Anschlag. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Geht in sich: Ein Sadhu, ein heiliger Mann des Hinduismus, betet vor der jährlichen Reise zur Pilgerstätte Amarnath im nordindischen Jammu. (30. Juni 2016)
(Bild: Mukesh Gupta) Mehr...