«Die Linke müsste meine rassistischen Eltern ansprechen»

Der schwule Schriftsteller Édouard Louis sagt, seine Eltern seien «reaktionär, misogyn und homophob». Trotzdem versteht er, warum sie den Front National wählen.

«Meine Eltern haben das Gefühl, dass der Front National die einzige Partei ist, die sie wahrnimmt»: Édouard Louis. Foto: Philippe Matsas (Opale, Leemage)

«Meine Eltern haben das Gefühl, dass der Front National die einzige Partei ist, die sie wahrnimmt»: Édouard Louis. Foto: Philippe Matsas (Opale, Leemage)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Édouard Louis wurde 1992 als Eddy Bellegueule in Hallencourt, einem Dorf der französischen Picardie, geboren. Sein Vater war lange arbeitslos und verdient heute sein Geld als Strassenfeger. Seine Mutter durfte nach dem Willen des Vaters nicht arbeiten. Louis' autobiografischer Roman «Das Ende von Eddy» (Fischer-Verlag) gilt als Buch der Stunde. Kurz vor dem Gespräch in einem winzigen Pariser Café hat er mit seiner Mutter telefoniert. Sie wird bei der Wahl am Sonntag den rechtsextremen Front National wählen.

Stimmen Ihre Eltern inhaltlich mit dem Front National (FN) überein, oder sind ihre Stimmen für Marine Le Pen nur ein Stein ins Schaufenster des Pariser Politbetriebs?
Meine Mutter und mein Vater sind Rassisten. Sie sind auch reaktionär, misogyn und homophob. Aber unhinterfragbar ist der FN für sie aus einem anderen Grund. Sie haben das Gefühl, dass er die einzige Partei ist, die sie wahrnimmt. Meine Mutter hat früher täglich gesagt, niemand sieht uns, niemand spricht mit uns. Die Stimme ist eine Art Daseinsbeweis: Es gibt mich, ich bin da.

Hat Ihre Mutter denn recht? Hat die Politik sie völlig aus dem Blick verloren?
Natürlich. Die konservative Revolution seit den Achtzigern hat auch die Sozialdemokratie oder «die Linke» erfasst. Linke Politiker haben die soziale Frage vernachlässigt und sich in technokratisches Gewäsch geflüchtet. Früher gab es Begriffe wie Hunger, Arbeit, Erschöpfung, Ausbeutung oder soziale Klassen. Die heutige Pseudolinke spricht von sozialem Dialog, Zusammenleben und Gemeingut. Leerdrehender Habermas. Meine Eltern spüren körperlich, dass der «Dialog der Sozialpartner», von dem der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron spricht, eine Phrase ist. Weil sie instinktiv wissen, dass es etwas wie den sozialen Dialog nicht gibt.

Dabei heisst es oft, nur Macron könne Marine Le Pen noch besiegen.
Blödsinn. Politiker wie Macron haben Le Pen stark gemacht. Sie gaben sich als Linke und haben lupenrein rechte Politik gemacht, die Banken unterstützt, das Parlament geschwächt. Wenn er im ersten Wahlgang gewinnt, hat Le Pen im zweiten Wahlgang gute Chancen. Weil sie in erster Linie das Produkt des Ekels vor dieser konservativen Linken ist. Ich habe meine Mutter vor der letzten Wahl überzeugt, für Präsident François Hollande zu stimmen. Heute sagt sie, du hast mich betrogen, er hat vier Jahre lang Politik gegen uns gemacht. Jetzt ist sie geradezu besessen von Le Pen.

In Hallencourt, Ihrem Geburtsort, haben bei der Europawahl 55 Prozent Front National gewählt. Warum?
Strukturschwache Gegend, Massenarbeitslosigkeit, kaum Schulabschlüsse. Wenn die Nichtwähler auch noch gewählt hätten, wäre der FN sogar auf 70 Prozent gekommen. Umso erstaunlicher, dass mir mein 18-jähriger Bruder gerade in einer SMS schrieb, dass er jetzt Wahlkampf macht für den Sozialisten Jean-Luc Mélenchon.

Wie erklären Sie sich das?
Mélenchon spricht als erster linker Politiker seit Langem eine Sprache, in der sich jemand wiedererkennt, der so ausgeschlossen ist wie mein Bruder. Mélenchon hat in den Umfragen in wenigen Wochen um zehn Prozent zugelegt. Ich finde vieles an ihm problematisch, etwa seine Liebe zu Autokraten. Aber er spricht von sozialem Ausschluss, von Klassen und von der Gewalt, die diesen Menschen angetan wird.

Sie haben in «Das Ende von Eddy» über diese Gewalt geschrieben.
Ja. Ich wollte zeigen, wie meine Eltern und fast alle im Dorf von den Verhältnissen zerschmettert werden. Und wie sie die Gewalt, die ihnen durch soziale Exklusion und Arbeitslosigkeit widerfährt, als Homophobie, Alkoholismus, Rassismus, Misogynie und Alltagsaggressionen weitergeben.

Ihre Mutter war über Ihr Buch empört.
Nur weil ich geschildert habe, wie arm wir waren. Da allen Armen weisgemacht wird, sie seien selber schuld, hat sie sich wegen dieses Punkts geschämt.

Kann man die Welt ändern, wenn die Leidenden sich schämen, laut zu sagen: «Ja, ich leide»? Das ist knifflig.
Genau. Wie kann man über Armut sprechen, wenn die Armen nicht zugeben, dass sie arm sind, weil sie denken, dass diese Armut ihrem Versagen anzulasten ist?

Ist deshalb die Scham ein Leitmotiv in Ihren Büchern?
Die Scham lässt einen verstummen und zementiert damit die Verhältnisse. Manchmal spüre ich das heute noch. Ich war mal im Musée d'Orsay eingeladen. Das Museum war geschlossen, eine Privatgesellschaft spazierte zwischen den impressionistischen Gemälden des 19. Jahrhunderts herum. Irgendwann zeigte eine Frau auf eines der Bilder und sagte: «Ach, die Leute hatten einfach Stil damals, man lebte eindeutig besser als heute. Sehen Sie doch nur, wie kultiviert alle waren.» Ich wollte sie fragen: Sind Sie total bescheuert? Stattdessen habe ich auf meine Schuhe gestarrt. Ich habe nichts herausgebracht, ich war überwältigt von dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich fühlte mich wieder wie das Kind armer Leute. Illegitim. Und das nach all meinen Jahren in Paris.

«Als ich das Eddy-Manuskript an einen berühmten Pariser Verleger schickte, antwortete der mir, er könne das nicht veröffentlichen, weil es die Welt, über die ich da schrieb, nicht mehr gebe.»

Nach Ihrem hochkulturellen Training?
Training ist ein viel zu schwaches Wort. Das ist eiserne, tägliche Dressur.

Sie haben sich neu erfunden, Ihren picardischen Akzent abtrainiert, einen neuen Familiennamen zugelegt, eine intellektuelle Existenz entworfen. Die Linke wirft Ihnen das vor. Warum?
Weil ich angeblich mein Milieu verraten habe. Sie sagen: Du spielst nur eine Rolle. Natürlich tue ich das. Aber ich habe mein Leben lang eine Rolle gespielt. Um zu überleben, musste ich mich in Hallencourt als heterosexueller Junge geben, der sich für Fussball und Mädchen interessiert. Hier in Paris konnte ich endlich eine Rolle wählen.

Steckt in dem Vorwurf auch Sozialromantik?
Natürlich. Weil er davon ausgeht, dass die einfachen Leute so wunderbar authentisch sind. Ich wurde oft gefragt, warum ich in «Das Ende von Eddy» das Leben auf dem Land so grausam darstelle. Die Leute wünschen sich so eine romantisch-gemütliche Sache, dörfliche Szenerien mit knorzigen Typen. An dieser Mystifizierung der Armut haben viele Künstler mitgewirkt, schauen Sie sich Bücher von Jean Genet, Filme von Pier Paolo Pasolini und Ken Loach an. Da gibt es immer die authentischen Armen gegen die verlogenen Bürger. Solche Werke stabilisieren die Verhältnisse, weil der Zuschauer denkt, es geht ihnen doch gut, so ehrlich, wie sie leben, haben sie doch ihre Würde, wozu etwas ändern? Dabei war es eine Hölle der Gewalt, und dagegen schreibe ich an.

Die Solidarität der unteren Schichten, gefeiert von Pasolini und Loach, ist eine Sehnsuchtsprojektion?
Als Homosexueller weiss ich, dass es diese Solidarität nur unter heterosexuellen weissen Männern gibt. Mein Vater hat das Rad seines Nachbarn repariert. Aber er hat meiner Mutter verboten zu arbeiten, weil sie eine Frau war. Und er hat mich als dreckige Schwuchtel behandelt, als Schandfleck.

Auf Ihrer Homepage steht ein schöner Text, in dem ein Pariser Taxifahrer sagt, dass Bücher ohnehin nicht für Menschen wie ihn geschrieben werden. Sie stimmen ihm spontan zu. Warum?
Als ich das «Eddy»-Manuskript an einen berühmten Pariser Verleger schickte, antwortete der mir, er könne das nicht veröffentlichen, weil es die Welt, über die ich da schrieb, seit Émile Zolas «Germinal» nicht mehr gebe. Niemand würde mir glauben. Und niemand würde das kaufen. Die Ausgeschlossenen kommen in Büchern und Filmen so wenig vor, dass dieser hochgebildete Mann reinen Herzens glaubte, dass es diese Menschen schlichtweg nicht gibt. Und diese sehen, dass der Prix Goncourt jedes Jahr an einen bourgeoisen Autor geht, der über die Probleme der Bourgeoisie schreibt. Also wissen sie, dass Literatur sie einfach nicht angeht.

Aber es gibt doch beispielsweise Ihr Buch.
Es gibt die Bücher von Didier Eribon, sein «Rückkehr nach Reims». Die Texte von Geoffroy de Lagasnerie. Die Kunst von Sophie Calle. Die Filme von Xavier Dolan. Wir inspirieren uns und versuchen, eine neue linke Debatte mitzuentwerfen.

Mit Geoffroy de Lagasnerie haben Sie vor zwei Jahren ein «Manifest» veröffentlicht, in dem Sie fordern, man müsse die Stille ins Zentrum des politischen Widerstands stellen. Wie meinen Sie das?
Marine Le Pen, die Rechtsextremen und Rechtskonservativen bestimmen den politisch-kulturellen Diskurs. Wir meinten, dass es nichts nützt, nur ihr hanebüchenes Zeug zu kommentieren und sich die Inhalte vorgeben zu lassen.

Muss man nicht mit ihnen diskutieren?
Wir haben uns geweigert, an einem Podium teilzunehmen, weil die dort verhandelten Positionen in unseren Augen nicht legitim sind. Ich weigere mich, darüber zu diskutieren, ob und inwiefern Islamophobie oder Schwulenfeindlichkeit gerechtfertigt sind. Demokratie bedeutet in meinen Augen, genau diese Fragen als überholt auszumustern und sie schon als Frage zu delegitimieren.

Man warf Ihnen Zensur vor.
Wen zensiere ich, wenn dort nicht spreche? Niemanden. Sie können doch sagen, was sie wollen. Aber sie unterstellen mir Zensur, weil sie für ihre homophoben, antisemitischen, islamophoben Sprüche einen Echoraum brauchen, jemanden, der sich empört und so ihr Gerede legitimiert, denn dann steht ja Aussage gegen Aussage. Und so werden Begriffe wie Nation, Identität, Heimat, Volk zu den zentralen Formeln der Debatte, statt dass wir selbst Begriffe vorgeben wie die soziale Gerechtigkeit. Die Linke müsste Menschen wie meine Eltern ansprechen, ohne soziorassistisch zu sein.

Und das bedeutet?
Dass Menschen am unteren Rand, die Arbeitslosen und Mindestlohnempfänger, gegen Flüchtlinge, Migranten, sexuelle Minderheiten ausgespielt werden. Wenn man diesen Menschen klarmachen würde, dass nicht andere Randgruppen ihre Gegner sind, sondern die Finanzwelt, die soziale Ungerechtigkeit, dann könnte die Linke bei ihrer ehemaligen Stammwählerschaft wieder Fuss fassen.

Ist nicht, umgekehrt, vor lauter Rücksicht auf Randgruppen die soziale Frage aus dem Blick geraten?
Wer sagt, man spreche zu viel von den Schwulen, den Flüchtlingen und den Frauen und zu wenig von den Arbeitern, wer eine Opposition herstellt zwischen der sozialen Frage und den Rechten von Minderheiten, betreibt im Grunde das Geschäft des Front National. Der ist offen homophob, fremden- und frauenfeindlich und behauptet, dass er sich um das Schicksal der armen Leute aus dem Volk kümmert. Ausserdem sind Armut, soziale Isolation und Geschlechterfragen doch untrennbar miteinander verbunden.

Wie das?
Mein Vater hat mit 14 Jahren die Schule abgebrochen. Er dachte, es sei ein Zeichen von Männlichkeit, Schule bescheuert zu finden, auf keinen Fall ein Buch zu lesen, sich blöd gegenüber den Lehrern zu benehmen. All das brachte ihm Respekt bei seinen Freunden ein. Geschlechterstereotype können also genauso destruktiv sein wie Armut.

Werden Sie am Sonntag wählen gehen?
Ich verstehe die Entmutigten. Aber ich finde es völlig dekadent, nicht zu wählen. Man muss wählen gehen für den Flüchtling, der abgeschoben wird, wenn Macron an die Macht kommt, für die Homosexuellen, die leiden werden, wenn ein Ultrakatholik wie Fillon gewählt wird. Und natürlich, um Marine Le Pen zu verhindern. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 15:01 Uhr

Artikel zum Thema

Le Pen verspricht «nationalen Aufstand»

Während Marine Le Pen des Front National noch einmal vor der Wahl zu ihren Anhängern spricht, liefern sich ihre Gegner ein Gefecht mit der Polizei. Mehr...

«Marine Le Pen spricht auch die Linke an»

Interview Der Historiker Thomas Maissen analysiert, warum der rechtsextreme Front National die französische Präsidentschaft gewinnen könnte. Mehr...

Wer ist Marine Le Pen?

Video Sie setzt auf das Motto «Frankreich zuerst» und holt sowohl rechte wie auch linke Wähler ab. Warum die Rechtspopulistin so gut ankommt, erklärt Auslandchef Sandro Benini. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Blogs

Blog Mag Lob der Elegie
Private View Zwei Amis in Venedig
Outdoor Ein Nullentscheid beim SAC?

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...