Die Wiederauferstehung der Sozialdemokraten

100 Prozent der Parteidelegierten wollen Martin Schulz als deutschen Kanzlerkandidaten. Die SPD hat ihren Parteitag in Berlin wie eine Wiedergeburt erlebt.

Kanzlerkandidat und SPD-Chef Martin Schulz lässt sich feiern. (Video: DPA)

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Laute Musik pumpt durch die umgebaute Industriehalle in Berlin-Treptow, als Martin Schulz und Sigmar Gabriel einziehen. Die Parteichoreografen beweisen feinen Sinn, indem sie dem neuen und dem abtretenden SPD-Chef das Lied «Wie sehr wir leuchten» wie einen fliegenden Teppich auslegen. Sänger und Schauspieler Klaas Heufer-Umlauf wirbt darin um eine Geliebte, die ihn noch verschmäht, während er sein Glück mit ihr schon in den leuchtendsten Farben ausmalt. Exakt so fühlen sich gerade die Sozialdemokraten: Sie schmachten Martin Schulz an, der seinerseits heftig um Deutschland wirbt. Das Land ziert sich noch ein bisschen, wird sich aber bestimmt bald herumkriegen lassen. Wie sehr wir dann leuchten werden!

Manisch-depressive Partei

Die SPD ist eine Partei, die gefühlsmässig zu Extremen neigt. Wäre sie ein Mensch, würde man sie manisch-depressiv nennen. War sie noch vor zwei Monaten vollkommen niedergeschlagen, kennt die Euphorie nach sieben Wochen Schulz-Manie keine Grenzen mehr. «Manche der Älteren in der Partei sagen», so erzählt es Gabriel, «es habe seit den Zeiten von Willy Brandt kein ähnliches Aufbruchsgefühl gegeben.» Jeder spüre es, meint Schulz: «Die SPD ist wieder da.» Und manche erinnern sich an das Wort eines früheren Vorsitzenden, Oskar Lafontaine, der gesagt hatte: «Nur wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch begeistern.»

Der Rausch, der sich am ausserordentlichen Parteitag ausbreitet, wird von den Sozialdemokraten wie eine Wiedergeburt erlebt. Eine Wiederauferstehung, ebenso spektakulär wie unerwartet. Die reale Aussicht, nach zwölf Jahren Dominanz Angela Merkels im Herbst endlich selbst wieder «Kanzler zu werden», wirkt auf die Partei wie eine aufputschende und bewusstseinserweiternde Droge. In den Umfragen liegt die SPD gleichauf mit der Union, nach einem Sprung, wie ihn die Demoskopen noch nie gemessen haben. Sowohl eine Grosse Koalition unter Führung der SPD als auch Rot-Rot-Grün oder eine Ampelkoalition mit Grünen und FDP sind denkbar. Und plötzlich wirkt die Partei entschieden, wo sie noch vor zwei Monaten ratlos war, mutig statt verzagt, zuversichtlich statt resigniert.

Befreit hat die Partei der einsame Entscheid Gabriels, zugunsten von Schulz als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat zur Seite zu treten. Der Effekt ist insofern paradoxal, als es Gabriel war, der die Partei 2009 in einer krisenhaften Situation gerettet und 2013 auch wieder in die Regierung geführt hatte. In den acht Jahren vor seinem Amtsantritt hatte die SPD sechs Vorsitzende verschlissen. Seither regierte Gabriel – so lange wie vor ihm nur Willy Brandt. Am Ende aber war der Niedersachse klug genug, im richtigen Augenblick Schulz Platz zu machen. Und die Partei hob augenblicklich ab, wie wenn Gabriel sie zuvor mit Absicht niedergehalten hätte.

Schulz ehrt am Sonntag seinen Vorgänger als «grossen Vorsitzenden». Gabriel bedankt sich für die Ovationen mit der Bemerkung, die SPD habe seit Jahrzehnten keinen optimistischeren Übergang mehr erlebt. Bei seiner Wahl zum Nachfolger erhält Schulz 605 von 605 gültigen Delegiertenstimmen, glatte 100 Prozent. «Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist», sagt der 61-Jährige aus Würselen, einem kleinen Städtchen bei Aachen.

Gabriel begeistert

Ironischerweise begeistert die relativ kurze Rede Gabriels die 3000 Gäste erheblich mehr als die längliche Ansprache des «Heilsbringers» Schulz. Der Kanzlerkandidat variiert seinen Dreiklang von «Gerechtigkeit, Respekt, Würde» in allen möglichen Tonarten und verweist für Konkretes auf das «Regierungsprogramm», das die SPD beim ordentlichen Parteitag Ende Juni vorstellen werde. Genau so hat er es bei seinen Reden schon bisher gehalten – der Erfolg gibt ihm keinen Anlass, daran irgendwas zu ändern.

Gabriel hingegen, immerhin noch Vizekanzler und Aussenminister, schmeichelt seiner Partei nicht nur, er gibt ihr auch konkrete Bitten mit auf den Weg, die zeigen, wo er im Wahlkampf Gefahren sieht. Die SPD dürfe sich, so lautet seine wichtigste Mahnung, nicht dazu hinreissen lassen, als Partei der blossen Umverteilung aufzutreten, die wirtschaftliches Wohl und soziale Gerechtigkeit als gegensätzlich betrachte. Der Unternehmer sei für die SPD ein Partner, kein Klassenfeind. Die Partei solle lieber weniger Wohltaten versprechen, diese dann aber auch einlösen, als ­umgekehrt.

Der Rest ist Jubel, Heiterkeit und Hoffnung. «Ich komm dir näher, Stück für Stück», singt Klaas Heufer-Umlauf. «Ich bin verrückt nach deinem Glück.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 22:13 Uhr

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