Ein Auftritt, sechs Kopien

Sehen wir hier die Zukunft des Wahlkampfs? Wo die Politik das Hologramm entdeckt hat und wie die «Zauberei» funktioniert.

Setzt neue Massstäbe im Wahlkampf: Der französische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon. (Bild: AFP)

Setzt neue Massstäbe im Wahlkampf: Der französische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon. (Bild: AFP)

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Jean-Luc Mélenchon kann sich im ersten Durchgang zur französischen Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag Chancen auf ein gutes Resultat ausrechnen. Der Linkspopulist ist der Mann der Stunde und hat zu den Spitzenkandidaten aufgeschlossen. Nach jüngsten Umfragen liegt er mit 19 Prozent der Stimmen nur noch knapp hinter François Fillon (20 Prozent), Marine Le Pen (22 Prozent) und Emmanuel Macron (24 Prozent).

Seine ungewöhnlichen Wahlkampfmethoden haben ihm ein frisches Image verschafft: Mélenchon setzt auf modernste Hologramm-Technik. Das haben zwar auch schon verschiedene Musiker vor ihm gemacht, doch in der Politik bringt sein Team das Ganze auf eine neue Stufe.

Vorgestern trat der französische Präsidentschaftskandidat an sieben Orten gleichzeitig auf: physisch in Dijon, dank Hologrammen aber auch «live» in Clermont-Ferrand, Grenoble, Montpellier, Nancy, Nantes und in Port auf der französischen Überseeinsel La Réunion.

Mit Hologramm auf Wahlkampf: So konnte Mélenchon an mehreren Orten gleichzeitig auftreten. (Video: Tamedia)

Mélenchon wurde dafür bei seinem leiblichen Auftritt in Dijon gefilmt. Das Videosignal wurde per Satellit an Empfänger in den sechs anderen Städten gesandt und dort einem Projektor übermittelt, wie sein Techniker im Video erklärt. Dabei handelt es sich um ein spezielles Gerät, auch Holographie Pyramide oder Holographie Display genannt.

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Es projiziert das 2-D-Bild des Videos zunächst auf den Boden, was das Publikum nicht zu sehen bekommt. Die Dreidimensionalität entsteht erst, wenn eine spezielle Leinwand im 45-Grad-Winkel als Spiegel das Bild von Mélenchon auf die Bühne reflektiert.

Durch den «Pepper’s ghost» genannten Illusionstrick werden bewegte Objekte so auf eine Ebene projiziert, dass sie räumlich erscheinen und ohne 3-D-Brillen für jeden sichtbar sind. Das Publikum hatte den Eindruck, dass Mélenchon vor ihm stand – aber nur, weil es ihn von vorne sah. Von der Seite hätte es nur den flachen Spiegel gesehen.

Für Mélenchon hat die Hologramm-Technik nicht nur den Vorteil, an mehreren Orten gleichzeitig viel mehr Wähler zu erreichen. Seine ungewöhnliche Vorgehensweise verschafft ihm auch viel öffentliche Aufmerksamkeit sowie Präsenz auf Social Media.

Der Paris-Korrespondent der Schweizer Zeitung «Le Temps» spricht von einem «regelrechten Tsunami auf den sozialen Netzwerken». Die Neuerfindung sei eine Kunst der Politik, die Mélenchon schon immer beherrscht habe. Der 66-Jährige engagiert sich seit Jahrzehnten in der Politik und war 2012 schon einmal Präsidentschaftskandidat.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2017, 14:10 Uhr

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