Ein Unort – unter Stalin, unter Putin

Im sowjetischen Geheimdienstgefängnis Lefortowo durchlitten einst Tausende Häftlinge Höllenqualen. Doch auch das heutige Russland hält hier ganz spezielle Personen fest.

Im berüchtigten Lefortowo-Gefängnis sitzen aktuell etwa 160 Personen ein, die eines Verbrechens gegen den russischen Staat verdächtigt werden. Foto: Eastblockworld

Im berüchtigten Lefortowo-Gefängnis sitzen aktuell etwa 160 Personen ein, die eines Verbrechens gegen den russischen Staat verdächtigt werden. Foto: Eastblockworld

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nur mit grösster Mühe könne sie den Schrecken der ersten Nacht in Lefortowo in Worte fassen, schreibt die Finnin Aino Kuusinen. «Von meiner Zelle, die nahe der Verhörzimmer lag, hörte ich die ganze Zeit Schreie und das Knallen der Peitschen.» Ein Tier, das gequält wird, stosse nicht solch scheussliche Schreie aus, wie diese Menschen, die während Stunden bedroht, geschlagen und beschimpft worden seien.

Kuusinen, Mitarbeiterin der Kommunistischen Internationale (Komintern), wurde am 1. Januar 1938 in Moskau verhaftet. Monate später wurde sie ins Gefängnis Lefortowo verlegt. Dort sollte sie dazu gebracht werden, ihren Mann Otto Kuusinen, der zur Führungsriege der Komintern gehörte, als Spion zu denunzieren. Sie tat es nicht und verschwand für Jahre in sowjetischen Zwangslagern; so wie Tausende vor und nach ihr.

Lefortowo war eines der drei Moskauer Hauptuntersuchungsgefängnisse während der Zeit des stalinistischen Terrors. Nicht so bekannt wie die riesige rote Lubjanka Mitten in der Stadt, Sitz der sowjetischen Geheimdienste und ihres russischen Nachfolgers FSB, aber gemäss Zeitzeugen ein noch schlimmerer Ort. Der Autor Alexander Solschenizyn schreibt, dass eine beliebte Methode zur Einschüchterung von Lubjanka-In­sassen die Drohung mit der Verlegung nach Lefortowo gewesen sei. Alexander Dolgun, ein US-Migrant, der Ende der 40er-Jahre verhaftet worden war, beschreibt, wie er in Lefortowo monatelang am Schlafen gehindert wurde. Höchstens auf eine Stunde pro Tag habe er es gebracht. «Es gab Perioden, in denen ich mich nicht mehr erinnern konnte, was in den Minuten zuvor geschehen war.»

Das grosse K

Die Zeit des stalinistischen Terrors endete vor über 60 Jahren. Doch Lefortowo existiert weiter – in den Köpfen der Menschen und in der Praxis des russischen Strafvollzugs. Es ist einer jener Orte in Moskau, dessen Name bis heute ein Schauern auslöst. Auch wenn die wenigsten Moskauer den Gebäudekomplex aus dem späten 19. Jahrhundert mit der Form eines grossen K je bewusst wahrgenommen haben dürften. Er steht versteckt in einem zentrumsnahen Quartier. Das gleichnamige Viertel, benannt nach dem Genfer François Le Fort, einem engen Vertrauten von Zar Peter dem Grossen, ist grün und besteht mehrheitlich aus Wohnblöcken. Es ist nicht die schlechteste Wohngegend Moskaus.

In Wladimir Putins Russland wird ­Lefortowo weiterhin als Untersuchungsgefängnis genutzt, aktuell für etwa 160 Personen. Es sei der beste Ort, um einen Häftling von der Aussenwelt zu isolierten, sagt Anwalt Dmitri Dinse. Auch die Verdächtigen im Mordfall am russischen Oppositionellen Boris Nemzow wurden in diesem Frühjahr hierhergebracht. Denn Lefortowo ist bis heute keine gewöhnliche Haftanstalt. Hier wird einquartiert, wer im Verdacht steht, ein Verbrechen gegen den russischen Staat begangen zu haben. Mutmassliche Terroristen, Spione, Ange­hörige des Organisierten Verbrechens. Und hier bestimmt der Geheimdienst FSB, die russische Nachfolgeorganisation des KGB.

Offiziell gehört die Anstalt zwar seit 2006 dem Justizministerium. Russland hatte sich zehn Jahre zuvor mit dem Beitritt zum Europarat verpflichtet, dem FSB den Betrieb jeglicher Gefängnisse zu verbieten. Doch bis heute betreibe er ein Netz von über einem Dutzend Anstalten, sagt der russische Geheimdienstexperte Andrei Soldatow. Lefortowo sei das Zentrum dieses Netzes. Der FSB habe eigene Büros im gleichen Gebäude. Es gebe einen Durchgang, der direkt vom Gefängnis in die Räumlichkeiten des Geheimdienstes führe.

Soldatows Aussagen zu Lefortowo bestätigen Anwalt Dinse und die Moskauer Journalistin Soja Swetowa. Dinse hat sich auf politische Fälle spezialisiert und vertritt Insassen von Lefortowo. Swetowa ist Mitglied einer unabhängigen ­Organisation, die die Zustände im russischen Strafvollzug kontrolliert und deshalb Zugang zu Lefortowo hat.

Swetowas Mutter sass in den 80er-Jahren als Dissidentin in Lefortowo. Ihre Tochter konnte sie 1983 besuchen. Heute sehe das Innere der Anstalt beinahe noch so aus wie damals, sagt Swetowa. Die Insassen lebten zu zweit in sehr kleinen Zellen. Sonst sind in Russland überbelegte Massenverschläge die Regel. Die Kontrollen seien extrem streng, Beamtenbestechung kein Thema, so Swetowa weiter. «In anderen Gefängnissen beschaffen sich die Häftlinge illegal Handys. In Lefortowo gibt es keine Handys.» Auch Anwalt Dinse weist auf die Abwesenheit von Korruption hin. In Lefortowo arbeite speziell ausgebildetes Personal. Das sei mit einem normalen Gefängnis nicht zu vergleichen.


Der Filmregisseur Oleg Senzow protestierte gegen die Einnahme der Krim und sass über ein Jahr in Lefortowo. Foto: Amnesty Wiesbaden


Dinses derzeitiger Mandant Oleg ­Senzow hat über ein Jahr in Lefortowo gesessen. Ende Juni haben sie den ­Ukrainer nach Rostow nahe der Grenze zu ­seiner Heimat verlegt. Dort wird ihm wegen angeblicher terroristischer Ak­tivitäten der Prozess gemacht. Am 21. Juli beginnt die entscheidende Phase. Es droht lebenslängliche Haft.

Nach Protest verhaftet

Senzow ist Filmregisseur. Sein Erstling wurde an verschiedenen internationalen Festivals gezeigt. Er stammt von der Krim. Als im Frühjahr 2014 die Russen die Halbinsel besetzten, protestierte der 39-Jährige öffentlich. Am 11. Mai 2014 wurde er auf der Krim verhaftet und nach Moskau überführt. Senzow be­streitet jegliche Vorwürfe.

Er ist nicht der einzige Ukrainer, der seit dem Ausbruch des Krieges aus politischen Gründen entführt wurde und in Lefortowo oder anderen vom FSB kontrollierten Anstalten gelandet ist. Journalistin Swetowa hat elf Fälle gezählt. Sie spricht von einer Kampagne. Seit Mai 2014 würden Ukrainer in Russland systematisch als Mörder, Spione und Terroristen vorgeführt. Die Parlamentarische Versammlung der OSZE hat Russland Anfang Juli wegen «Entführung» und «illegalen Festhaltens» von ukrainischen Bürgern abgemahnt. Die Kampagne beschränkt sich jedoch nicht auf Ukrainer. Mindestens ein Este und zwei Litauer sind innert Jahresfrist wegen Spionagevorwürfen in Lefortowo gelandet. Auch zum Baltikum hat Russland ein angespanntes Verhältnis.

Dinse konnte Senzow nur in speziellen Anwaltszimmern innerhalb von ­Lefortowo besuchen. Das Anmeldeprozedere sei sehr aufwendig. Geprüft würde die Anfrage vom FSB und nicht vom eigentlich zuständigen Justizministerium. Bei den Anwaltszimmern handle es sich um kahle, in Grün und Braun gestrichene Betonräume. Während der Unterredungen mit seinem Mandanten sei er eingeschlossen worden. Zwei Kameras befänden sich in den Räumen. Legal sei nur das Filmen des Treffens. Er habe aber merken müssen, dass die Gespräche aufgezeichnet wurden. Senzow durfte seinem Anwalt zudem keinerlei Schriftstücke übergeben.

Zu seinen Angehörigen hat der Vater zweier Kinder seit seiner Verhaftung nur Briefkontakt. Telefonanrufe und ­Besuche sind verboten. Gemäss seiner Cousine durchlaufen die Briefe mehrere Zensurstufen. Bis sie bei ihr, die in Moskau lebt, einträfen, vergingen bis zu zwei Monate.

Strikte Isolation sei typisch für Lefortowo, sagt Journalistin Swetowa, die ­wegen ihrer Tätigkeit als unabhängige Gefängniskontrolleurin mehrmals bei Senzow in der Zelle war. Immer war ein Aufseher dabei, gesprochen werden durfte nur über die Haftbedingungen, nicht über den Fall. In den Zellen gebe es zwar einen Fernseher, zudem verfüge Lefortowo über eine gute Bibliothek. Doch persönliche Kontakte nach draussen würden unterbunden.

Psychologie statt Schläge

Etwa vier Monate habe Senzow in einer der schlechtesten Zellen des Gefängnisses gelebt, sagt Swetowa. Sein Anwalt spricht von einem dunklen Eckzimmer. Insgesamt habe er mehrmals die Zelle wechseln oder sie mit immer neuen Mithäftlingen teilen müssen. Darunter seien möglicherweise Spitzel gewesen, so Swetowa. «Das ist auch eine Methode, um ein Geständnis zu erzwingen.»

Bei mehreren der verhafteten Ukrainer gibt es Hinweise auf Misshandlung und Folter. Auch bei Verdächtigen im Mordfall Nemzow wurden auffällige Spuren entdeckt. Geheimdienstspezialist Soldatow ist sich jedoch sicher, dass dies ausserhalb von Lefortowo geschehen sein muss. «Im heutigen Lefortowo schlagen sie nicht, sondern arbeiten mit psychischem Druck», sagt Soldatow.

Auch ein Mittel, das seit den Zeiten Stalins bestens erprobt ist: Die Schriftstellerin Ewgenija Ginsburg verbrachte nach Aufenthalten in den Moskauer Gefängnissen ab 1937 fast zwei Jahre in der Stadt Jaroslawl in Isolationshaft. Sie schreibt: «Sogar heute, wenn ich meine Augen schliesse, kann ich jede Delle, jeden Riss in der Wand sehen. Eine Wand, die bis zur Hälfte gestrichen ist in der Lieblingsfarbe der Gefängnisse, einem rötlichen Braun.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 16.07.2015, 23:26 Uhr)

Menschenrechtskonvention

Im Zweifelsfall für Russland

Moskau behält sich künftig vor, Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) nicht zu folgen. Das Verfassungsgericht in Sankt Petersburg entschied diese Woche, dass die Ratifikation der Europäischen Menschenrechtskonvention durch Russland 1996 zwar rechtens gewesen sei, in Einzelfällen könne Russland aber Urteile des EGMR nicht ausführen.

Abgeordnete aller Fraktionen hatten das Verfassungsgericht angerufen, um zu klären, ob eine Umsetzung der Strassburger Entscheidungen in Russland mit der Verfassung vereinbar ist. Anlass für den Antrag war eine Entscheidung aus dem vergangenen Jahr, in der der EGMR den ehemaligen Aktionären des Ölkonzerns Jukos eine Entschädigung von insgesamt fast zwei Milliarden Euro zugesprochen hat. Moskau weigert sich, diese Summe zu bezahlen. (jh)

Artikel zum Thema

Willkommen in Putins Propaganda-Maschinerie

Ein russischer Journalist gibt ein kritisches Interview über Putin – und wird innerhalb von Stunden gefeuert. Der Fall lässt tief blicken. Mehr...

«Herr Winkler, ist Putin ein kleiner Hitler?»

Interview Der renommierte Historiker Heinrich August Winkler hält am Freitag die Bundestags-Rede zum Kriegsende. Eine Premiere. Hier spricht er jetzt schon. Mehr...

Putin war für einen Atomschlag bereit

Er sei während des Konflikts um die Krim kurz davor gewesen, sein Atomwaffenarsenal in Alarm zu versetzen, sagt der russische Präsident in einem Interview. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Der Trumpstil
Sweet Home So wohnen Französinnen

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Der Morgen nach dem Brexit: Pendler sitzen in einem Bus, der über die Waterloo Bridge in London fährt. (24. Juni 2016)
(Bild: Toby Melville) Mehr...