Erdogan knöpft sich Darwin vor

Türkische Schulen sollen die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen verbannen und die Schüler so zu «guten Muslimen» erziehen. Nicht wenige sehen das als «Rückkehr ins Mittelalter».

Für ihn ist Religion ein Machtinstrument: Der türkische Präsident Erdogan will das Land in eine Autokratie verwandeln.

Für ihn ist Religion ein Machtinstrument: Der türkische Präsident Erdogan will das Land in eine Autokratie verwandeln. Bild: Reuters

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Es geht Schritt für Schritt rückwärts. Soeben hat die Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan 18 Verfassungsartikel geändert, die das Land in eine islamisch gefärbte Autokratie umwandeln sollen. «Die Reform befreit uns von hundertjährigen Ketten», sagte eine Abgeordnete der Regierungspartei AKP. Wenn das Volk im April in einem Referendum das neue Grundgesetz billigt, ist das Schicksal der Türkei vermutlich besiegelt.

Bis es so weit ist, wollen Erdogans Erfüllungsgehilfen die Kulturrevolution fortsetzen. Geht es nach Bildungsminister Ismet Yilmaz, sollen in Zukunft die türkischen Mittelschüler nicht mehr mit der Frage belästigt werden, ob der Mensch vom Affen abstammt. Die Evolutionstheorie von Charles Darwin wird aus den Lehrplänen ausradiert, die türkischen Lehrer sollen nicht mehr aus dem epochalen Werk «Über die Entstehung der Arten» des britischen Naturforschers zitieren. Den Schülern will man offensichtlich eintrichtern, dass Menschen, Tiere und Pflanzen vom allmächtigen Allah erschaffen wurden. Die neuen Lehrpläne für die türkischen Gymnasien, die Bildungsminister Yilmaz kürzlich vorstellte, könnten Ende Februar in Kraft treten.

Über 70 Prozent der Türken halten nichts von der Evolutionstheorie

Die Ankündigung kommt nicht überraschend. Erdogan und seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) führen seit Jahren einen Feldzug gegen die Evolution, sie wollen mehr religiöse Inhalte in Klassenzimmern und unterstützen die Theorie des Kreationismus. Die türkischen Schüler sollen zu «guten Muslimen» erzogen werden, meint Erdogan.

2009 hatten die AKP-Bildungspolitiker die Veröffentlichung einer Titelgeschichte zu Charles Darwin in der Zeitschrift «Bilim ve Teknik» (Wissenschaft und Technik) verhindert, der Chefredaktorin wurde mit der Entlassung gedroht. Nach heftigen Protesten krebsten die Behörden zurück, der Artikel erschien später. 2011 wurde ein Lehrer verwarnt, weil er einem Fünftklässler Darwins Evolutionstheorie erklärt hatte. Als das Kind zu Hause seinen Eltern erzählte, was es so im Klassenzimmer gehört hatte, beschwerten sich die strenggläubigen Eltern bei der Schulleitung. Laut Umfragen halten über 70 Prozent der Türken nichts von der Evolutionstheorie.

Weniger Atatürk

Nicht nur Darwins Erkenntnisse sollen aus den türkischen Lehrplänen verschwinden. Geplant ist offenbar, Themen und Begriffe wie «Säkularismus», «Wiedergeburt» und «Atheismus» als «problematische Überzeugungen» einzustufen. Neu sollen die Lehrpläne ein neues Kapitel über den gescheiterten Putschversuch vom Juli 2016 enthalten.

Der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk soll weniger im Unterricht vorkommen. Für Atatürk hatten religiöse Dogmen nichts in der Politik verloren. Er glaubte an eine säkulare, westliche und emanzipierte Türkei. Für Erdogan ist die Religion ein Machtinstrument. Ende der 90er-Jahre landete er im Gefängnis, nachdem er mit einem Gedicht eines islamistischen Dichters die laizistische Elite provoziert hatte. Darin heisst es: «Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen und die Gläubigen unsere Armee.»

«Die Beseitigung der Evolutionstheorie scheint die jüngste Runde im Kulturkrieg zu sein.»Mustafa Akyol, Kolumnist

Die neuen Lehrpläne werden von Publizisten und von der Opposition heftig kritisiert. Mustafa Akyol, Kolumnist für die Zeitungen «Hürriyet» und «International New York Times», schrieb: «Die Beseitigung der Evolutionstheorie aus den türkischen Schulen scheint die jüngste Runde im jahrhundertealten Kulturkrieg zu sein.» Das Bildungssystem werde von Konservativen «gereinigt». Die Folgen seien fatal: Ein türkischer Mittelschüler werde künftig nichts über eine der wichtigsten wissenschaftlichen Theorien lernen, so Akyol.

Die Abgeordnete der sozialdemokratischen CHP-Partei, Gaye Usluer, wurde noch deutlicher. Die Lehrpläne seien inakzeptabel, weil sie die Grundwerte der Türkei infrage stellten. «Darwin und die Aufklärung werden verbannt. Und wir kehren ins Mittelalter zurück.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2017, 17:39 Uhr

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