«Es ereignet sich gerade eine Revolution»

Nigel Farage ist überzeugt, dass sich das Leben in der westlichen Welt grundlegend ändern wird. Die Schweiz sieht er als Vorbild.

«Die Schweiz zeigt, wie ein Land auch ausserhalb der EU gedeihen kann», sagt Nigel Farage. Foto: Lefteris Pitarakis (Keystone)

«Die Schweiz zeigt, wie ein Land auch ausserhalb der EU gedeihen kann», sagt Nigel Farage. Foto: Lefteris Pitarakis (Keystone)

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Zahlreiche Ökonomen warnen davor, dass der Brexit katastrophale wirtschaftliche Auswirkungen auf Grossbritannien haben wird. Beunruhigt Sie das?
Nicht im Geringsten. Wir sind längst daran gewöhnt, dass sich absolut nutzlose Ökonomen in allem, aber wirklich in ­allem irren. Diese Idioten sagten, die britische Wirtschaft würde nach einem Brexit in den Abgrund stürzen. Nichts davon ist geschehen.

Käme dasselbe Ergebnis heraus, wenn heute noch einmal über den Brexit abgestimmt würde?
Nein, das Ergebnis wäre ein ganz anderes. Die Mehrheit für den Brexit wäre viel, viel höher.

Schottland könnte wegen des Brexit ein zweites Referendum über die Zugehörigkeit zu Grossbritannien abhalten und austreten. Sie könnten als Totengräber des Vereinigten Königreichs in die Geschichtsbücher eingehen.
Das ist doch völliger Unsinn. Im Gegenteil, die Chancen, dass sich Schottland von Grossbritannien abspaltet, sind durch den Brexit geschwunden, nicht gestiegen. Um der Europäischen Union beizutreten, müsste Schottland die Personenfreizügigkeit und den Euro hinnehmen. Das käme bei einem Referendum niemals durch.

Sie gelten als Populist. Betrachten Sie das als Beleidigung?
Ja, das Wort wird in abschätziger Weise gegenüber jedem Politiker verwendet, der den Status quo ablehnt. Ich trete für einen eigenständigen demokratischen Staat ein, nicht für ein internationales, die nationale Souveränität einschränkendes Gebilde wie die EU. Ich plädiere schlicht für Normalität.

Und was ist Normalität?
Länder, die ihre eigene Regierung wählen, ihre eigenen Gesetze verabschieden, ihre eigenen Grenzen haben. Keine dieser Forderungen ist extrem oder populistisch.

Würden Sie gerne die EU auflösen, oder sind Sie mit dem Brexit zufrieden?
Die EU ist ohne Zustimmung der Völker gegründet worden, sie funktioniert ökonomisch und politisch nicht. Ich hoffe sehr, der Brexit war lediglich ein erster Schritt zu einem völlig anderen Europa – einem Europa unabhängiger Staaten.

Die EU ist ein zivilisatorisches Projekt, das Europa eine einzigartige Epoche des Friedens beschert hat. Das wollen Sie zerstören?
Oh, das sind aber grosse Worte. Wir hatten vor rund zwanzig Jahren den Jugo­slawienkrieg, den die EU eher angeheizt als verhindert hat. Die EU hat versucht, sich in die Ukraine auszubreiten, was zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland geführt hat. Und nun spricht man davon, eine europäische ­Armee zu gründen und Nuklearwaffen anzuschaffen. Tony Blair hat gesagt: Die EU war einmal ein Friedensprojekt, aber jetzt ist sie ein Machtprojekt.

Der Satz ist tendenziös und historisch fragwürdig.
Im Gegenteil, Blair hatte absolut recht. Kein vernunftbegabtes menschliches Wesen würde bestreiten, dass die politische Freundschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg begrüssenswert war. Aber das ist mehr als sechzig Jahre her, und trotz ­aller lobenswerten Absichten ist aus der EU ein Monster geworden.

Auf der globalen Bühne wären die einzelnen europäischen Staaten nur noch Statisten.
Tatsache ist, dass die EU unfähig ist, international mit einer Stimme zu sprechen. Genauso wie sie unfähig ist, ihre eigenen Probleme zu lösen. Der Euro hat die Union in einen nördlichen und einen südlichen Teil gespalten. Aus kulturellen, historischen und ökonomischen Gründen sprechen Deutschland und Griechenland auf der Weltbühne verschiedene Sprachen. Die Vision eines Europa, das dank der EU geschlossen auftritt und gegenüber den USA, Russland oder China für seine Interessen kämpft, ist ein Mythos.

Nächste Woche finden in den Niederlanden Wahlen statt. Sind Sie ein Anhänger von Geert Wilders?
Nein. Was die Ablehnung der EU und des Euro betrifft, bin ich mit ihm einig, aber seine Ansichten zum Islam lehne ich teilweise ab.

Warum?
Wir müssen unsere jüdisch-christliche Kultur verteidigen und aufpassen, wen wir ins Land lassen. Aber ich sehe keinen Grund, einen Krieg gegen eine ganze Religion zu führen. Das wäre ein schrecklicher Fehler.

Was halten Sie von Marine Le Pen?
Ich habe noch nie ein schlechtes Wort über Marine Le Pen gesagt, aber auch noch nie ein gutes über ihre Partei, den Front National.

Können Sie das etwas näher erläutern?
Lassen wir es mal so stehen, ok?

Sie waren der erste europäische Politiker, der nach den Wahlen in den USA mit Donald Trump zusammentraf. Würden Sie ihn als Freund bezeichnen?
Ja. Nicht nur Donald Trump ist ein Freund, sondern auch viele, die mit ihm eng zusammenarbeiten.

Seine ersten Wochen im Amt waren aber ziemlich chaotisch.
Jeder Wechsel ist fast zwangsläufig chaotisch. Wenn jemand neu anfängt und die Dinge von Grund auf ändern will, stösst er auf Widerstände und Schwierigkeiten. Aber was mich be­eindruckt, ist Trumps unbändiger Wille, seine Versprechen gegenüber dem ­amerikanischen Volk einzulösen. Das ist bewundernswert.

Dass er immer wieder lügt und missliebige Medien von Pressekonferenzen ausschliesst, ist weniger bewundernswert.
Die meisten westlichen Medien sind ­faktisch zur Opposition geworden und haben jede Objektivität fahren lassen. Dass Trump sie frontal angreift und teilweise von seinen Pressekonferenzen ausschliesst, ist ein neuer Stil, der schockierend wirkt. Aber er hat ohne jeden Zweifel das Recht dazu.

Gibt es Punkte, in denen Sie eine andere Meinung vertreten als er?
Natürlich gibt es unterschiedliche Ansichten und Prioritäten, schon deshalb, weil die USA ein anderes Land sind als Grossbritannien. Aber Trumps Marschrichtung stimmt. Sein Instinkt, was eine Nation sein sollte, seine Entschlossenheit im Kampf gegen den Terror, sein Wille, sich auf die Seite der kleinen Leute und nicht auf jene der grossen multinationalen Unternehmen zu schlagen – all dies ist grossartig. Es ereignet sich gerade eine grosse internationale Revolution, die 2016 begonnen hat und nicht mehr aufzuhalten ist. Sie wird überall im Westen zu einer Renationalisierung führen und unser aller Leben verändern. Die Idee, unsere Identität aufzugeben und falsche Götter anzu­beten, hat noch nie in der Geschichte der Menschheit funktioniert.

Unterhalten Sie in der Schweiz Verbindungen zur SVP?
Bei meinem letzten Besuch in der Schweiz habe ich einige ihrer Vertreter getroffen, ja.

Welche?
Darauf möchte ich nicht antworten. Wichtig ist, dass die Schweiz zeigt, wie ein Land auch ausserhalb der EU ge­deihen kann. Die Schweiz beweist, wie unrecht alle Brexit-Gegner hatten, als sie während des Abstimmungskampfes behaupteten, es sei für ein kleines Land unmöglich, sich alleine auf der Weltbühne zu behaupten. Die Schweiz ist für uns beispielhaft, weil sie ihre Aussenbeziehungen auf bilaterale Verträge mit anderen Ländern abstützt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 23:20 Uhr

Mister Brexit

Der Brite Nigel Farage (1964) hat als damaliger Vorsitzender der Partei Ukip massgeblich dazu beigetragen, dass sich eine knappe Mehrheit der Briten für den Brexit entschieden hat. Im Juli 2016 ist er vom Amt des Parteichefs zurückgetreten. Am 30. März hält Farage um 15 Uhr im Rahmen einer vom Zurich Economic Impulse organisierten Veranstaltung im Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon eine Rede zum Thema Brexit. (TA)

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