«Europa wird flexibler werden – oder untergehen»

Wie kann Europa gerettet werden? Es brauche einen Umbau, meint der renommierte Politologe Herfried Münkler und sagt, wie dieser aussehen soll.

Herfried Münkler betont die stabilisierende Rolle    Deutschlands im Zentrum Europas. Seine Analysen finden auch in der deutschen Regierung grosse Beachtung. Foto: Malte Jäger (Laif)

Herfried Münkler betont die stabilisierende Rolle Deutschlands im Zentrum Europas. Seine Analysen finden auch in der deutschen Regierung grosse Beachtung. Foto: Malte Jäger (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was wird uns nächstes Jahr mehr beschäftigen, die Flüchtlinge oder der Terror?
Beschäftigen werden uns beide. Ich glaube, dass Europa die Türkei dazu bringen wird, den Stöpsel wieder ein bisschen in den Flüchtlingsstrom hineinzustecken. Gelingt das, werden die Schwierigkeiten der Aufnahme zunehmend von den Schwierigkeiten der Integration überlagert werden. Die ist für die betroffenen Gesellschaften nicht weniger schwer zu bewältigen, aber der ungeheure Druck von aussen würde erst einmal nachlassen. Der Terrorismus wiederum wird die Europäer noch mindestens ein Jahrzehnt beschäftigen.

Warum?
Je mehr die Europäer sich darum bemühen, die Ursachen der Flüchtlingsströme anzugehen, sprich sich um die Befriedung Syriens und die Bekämpfung des Islamischen Staats zu kümmern, desto mehr provozieren sie auch islamistische Gegenwehr. Und die wird hauptsächlich terroristisch sein. Beide Krisen hängen also miteinander zusammen.

Umfrage

Wie geht es mit der EU in den nächsten 10 Jahren weiter?





Welche ist gravierender?
In Hinblick auf die Aufwendungen, das Engagement und die Kreativität der Zivilgesellschaft sowie der Arbeitsmärkte wird die Integration das grössere Problem sein. Was effizientere Geheimdienste oder Polizei und strategische Kreativität angeht, ist die Terrordrohung die grössere Herausforderung. Nicht nur Anschläge erschüttern übrigens unsere Gesellschaften, auch die blosse Angst vor ihnen tut es. Wir haben das zuletzt in Brüssel gesehen, das ­während einer Woche lahmgelegt war, nur weil die Behörden sich davor ­fürchteten, den Ausnahmezustand wieder aufzuheben.

Die Flüchtlingskrise könne Europa zerreissen, sagen Sie. Warum?
Es zeigt sich, dass die Europäische Union nicht krisenfest gebaut ist. Die Konstrukteure haben sich an einer Schönwetterkonstellation orientiert. Das offenbarte sich bereits in der Schuldenkrise, in der sich Europa in Nord und Süd spaltete; das zeigt sich jetzt in der Flüchtlingskrise, die Europa in West und Ost teilt: jene, die Flüchtlinge aufnehmen, und jene, die das nicht wollen. Beide Krisen sind im Kern Solidaritätskrisen.

Welche Konstruktionsfehler der EU sehen Sie?
Die soziostrukturellen Gegebenheiten sind viel zu heterogen, als dass man an alle Mitglieder dieselben Erwartungen stellen könnte. Deutschland ist viel ­reicher als die südlichen, die östlichen oder gar die südöstlichen Länder. Gleichzeitig unterscheiden sich die politischen Kulturen erheblich. Für viele osteuropäische Mitglieder ist nationale Souveränität noch ein sehr hoher Wert, das sehen wir gerade in Polen. Diese Staaten haben ja auch die Katastrophen des Nationalstaats nie so erlebt wie beispielsweise Deutschland und Frankreich in ihrer wechselseitigen Rivalität und Feindschaft. Die Lehre aus jener Katastrophe war der Grundgedanke der Europäischen Union: Lasst uns Kooperation an die Stelle der Konkurrenz stellen. Für die Osteuropäer hat dieses Motiv nie dieselbe Rolle gespielt.

Und diese Unterschiede können Europa zerreissen?
Ja. Wenn die EU noch zu retten ist, dann wird sie dafür umgebaut werden müssen – und zwar in die Richtung eines Kern-Europas, also der Länder, die bereit sind, eine stärkere Kooperation und Integration vorzunehmen. Darum herum werden zwei oder drei Ringe von Ländern entstehen, die sich weniger binden wollen, deswegen mit weniger Verpflichtungen, aber auch mit weniger Rechten ausgestattet sind. Auch für die Schweiz würde sich die Frage noch einmal neu stellen, wie sie sich verhalten will. Dieses neue Europa wird ein flexibleres ­Europa sein als das heutige, so viel steht fest. Das ist aus meiner Sicht die Voraussetzung dafür, dass wir in zehn Jahren überhaupt noch eine EU haben.

Was macht Sie so sicher, dass es so weit kommt? Was hat sich geändert?
Deutschland, der Macht in Europas Mitte, wie ich sie nenne, kommt gegenwärtig die Aufgabe zu, die zentrifugalen Kräfte auszugleichen und die Kräfte des Zusammenhalts zu bündeln. Nun muss man feststellen, dass Berlin mit dieser Aufgabe zunehmend überfordert ist, auf Dauer auch wirtschaftlich, vor allem aber politisch. Sollte es der europa- und fremdenfeindlichen Alternative für Deutschland gelingen, dauerhaft über zehn Prozent der Wähler an sich zu binden, wird dies die konservativen Regierungsparteien CDU und CSU zu einem Rechtsrutsch zwingen. Wer setzt sich dann in Berlin noch für die Zumutungen ein, die die europäische Solidarität von Deutschland verlangt? Wer findet noch die Kompromisse, die Europa benötigt? Wer finanziert sie? Schauen Sie nach Frankreich: Dort sitzt Marine Le Pen vom Front National jedem Präsidenten im Nacken und beschränkt dessen Spielräume dramatisch. Das ist einer der Gründe, warum Frankreich als Partner Deutschlands in der Flüchtlingskrise praktisch ausfällt.

«Es gibt in Europa ein grosses Defizit an strategischem Denken.»

Warum tritt die europäische ­Solidaritätskrise angesichts der Flüchtlinge noch dramatischer zutage als zuvor bei den Schulden?
In reichen Ländern wie Deutschland ­beunruhigen die Flüchtlinge vor allem die unteren 20 bis 30 Prozent der Ge­sellschaft, die auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt objektiv mit den Neu­ankömmlingen in Konkurrenz stehen. In ärmeren Ländern ist dieser Anteil viel höher, weil viele Griechen oder Bul­garen selber nicht viel reicher sind als die syrischen Flüchtlinge. Kommt dazu, dass bisher sie es waren, die von der ­Migration in Europa profitierten, indem ihre jungen Auswanderer in den reicheren Ländern der EU Arbeit fanden. Diese Menschen haben keinerlei Interesse an zusätzlicher Konkurrenz. Darüber hinaus haben die osteuropäischen Gesellschaften den Prozess der Vervielfäl­tigung ethnischer und religiöser Identitäten nie mitgemacht, den wir in Westeuropa spätestens seit den 50er-Jahren erleben. Die Flüchtlinge sind für die Osteuropäer also eine doppelte Bedrohung, der sie sich weder fügen noch beugen wollen.

Wenn osteuropäische ­Regierungschefs offen davon ­sprechen, dass sie keine Muslime wollen, ist das für westeuropäische Ohren ein Schock.
Ja, vor allem aber setzen solche Haltungen im Westen auch einen Prozess der Entsolidarisierung in Gang: «Wir sollen für euch in die europäischen Strukturfonds einzahlen, damit euer Lebens­standard steigt? Den Teufel werden wir tun!» Wenn der europäische Pakt des «Do ut des» – ich gebe, damit du gibst – gebrochen wird, dann erscheinen diese Länder westlichen Augen auf einmal nicht mehr als charmant – sondern als Kotzbrocken.

Dafür soll wegen der Flüchtlinge nun die Türkei näher an Europa herangeführt werden.
Ich war schon vor zehn Jahren der Meinung, dass Europa sich seine weiche Südostflanke auf Dauer nicht leisten kann und zur Festigung dieses Raums die Türkei als starken Partner braucht. Zumal klar war, dass der Nahe Osten ein Problem bleiben würde, umso mehr jetzt, da die USA ihre Patriarchatsrolle in diesem Raum immer weniger wahrnehmen. Geostrategisch leuchten diese Zusammenhänge ein, leider drehte sich die Debatte damals hauptsächlich um Werte und Religion. Jetzt wird die Frage nochmals aufkommen. Für Europa wäre die Türkei ein viel wichtigerer Bündnispartner als Bulgarien oder Griechenland.

Lässt sich das politisch vermitteln?
Wir haben uns in Europa in der Vergangenheit auf ein Wohlfühlgerede über Werte kapriziert. Man hat gedacht, man könne gemeinsame Politik machen, ­indem man einfach schaut, wer von seinen Werten her so zusammenzugehören scheint, unabhängig davon, ob es tatsächlich zutraf oder nicht. Das war eine Illusion. Und man hatte keine Vorstellung davon, dass es Formen der Herausforderung und Bedrohung gibt, die nicht darin bestehen, dass Panzerdivisionen unsere Grenzen überschreiten, sondern dass beispielsweise Migrationsbewegungen in Gang kommen, die die ungeheure Verletzlichkeit hochkomplexer Wohlfahrtsstaaten offenlegen. Das alles hat man zu wenig bedacht. Überhaupt gibt es ein dramatisches Defizit an strate­gischem Denken in Europa.

Was passiert, wenn die Türkei nicht mithilft, dass weniger ­Flüchtlinge nach Westeuropa kommen?
Dann wird Deutschland die Grenzen schliessen. Ich sage das nicht, weil ich das will, sondern weil ich glaube, dass die Lage sonst politisch nicht mehr ­beherrschbar sein wird.

Ein von Flüchtlingen benutztes Kleinboot und Rettungswesten vor der griechischen Insel Lesbos. Foto: Keystone

Und dann?
Dann muss als Nächstes Österreich die Grenzen schliessen, weil sich die Flüchtlinge sonst dort stauen. Es wird eine Art Verteidigungslinie Ungarn-Kroatien ­entstehen. Sie entspricht interessanterweise praktisch der alten österreichischen Militärgrenze, die während dreier Jahrhunderte westliche Christenheit und osmanischen Islam trennte. An dieser neuen Grenze wird es sehr unschöne ­Bilder geben, weil die flüchtenden Menschen nur mittels Stacheldraht und Wasserwerfern an der Weiterreise gehindert werden können. Das Grenzregime wird etwa so aussehen wie jenes, das Europa im Kalten Krieg gehabt hat, mit dem Unterschied, dass die Grenze damals dazu diente, Menschen nicht herauszulassen, statt sie nicht hereinzulassen. Ich glaube, wie ich eingangs sagte, nicht, dass es so weit kommt. Die Türkei ist sehr wohl ­fähig, wahrscheinlich gegen entsprechende Geldüberweisungen auch willig, den Zustrom einzuschränken. Man sieht das in diesen Wochen ja bereits. So wie sie fähig war, zuvor den Hahn aufzu­drehen und die Balkanroute zu öffnen.

Steckte darin ein Kalkül?
Davon würde ich ausgehen. Die türkische Politik wusste genau, dass sie mit diesem Hebel Europa in grosse und grösste Schwingungen versetzen kann. Schwingungen, von denen sie dann politisch und finanziell profitieren würde.

Was passiert mit dem Balkan, wenn sich doch eine neue Ostgrenze Ungarn-Kroatien bildet?
Dann kommt es in diesem Raum zu einer politischen und sozialen Katastrophe. Es existieren da ja nur schwache Staaten mit einem sehr verletzlichen religiösen und ethnischen Gleichgewicht. Das war einer der Gründe, warum Frau Merkel im September entschieden hat, die Balkanroute für Flüchtlinge bis nach Deutschland zu öffnen, weil sie besorgt war, dass ansonsten die Länder auf der Route kollabieren könnten. Das ist eine sehr reale Sorge, der Balkan gilt nicht umsonst seit dem 19. Jahrhundert als der europäische Schicksalsraum. Wir haben es hier mit einem post-imperialen Raum zu tun, der bis hinüber ans Kaspische Meer keine stabile neue Ordnung gefunden hat. Nicht zufällig wurden nach dem Ende des Ost-West-Konflikts alle europäischen Kriege der Neunziger- und Nullerjahre hier ausgetragen.

Hat Deutschland als Macht in der Mitte, die vor allem ausgleichen soll, in der Flüchtlingskrise versagt?
Deutschland hätte vor Merkels Entscheidung jedenfalls mehr und schneller mit den Nachbarn kommunizieren müssen. Die Kanzlerin dachte wohl, die Flüchtlingskrise sei ein Problem, das man so ähnlich angehen könne wie die Bankenkrise, als sie sich zusammen mit dem damaligen Finanzminister hingestellt und erklärt hatte: «Die Einlagen sind sicher.» Sie musste seither feststellen, dass es mit ihrem «Wir schaffen das» noch lange nicht geschafft ist. Was fehlte, war ein klarer Plan, wie es zu schaffen wäre. Da hätte es früher eine europäische Konzertation geben müssen. Ob diese zu einem Konsens geführt hätte, kann man freilich bezweifeln.

Die Osteuropäer sagen: Die ­Flüchtlinge sind kein europäisches, ­sondern ein deutsches Problem.
Diese Äusserungen beschreiben nicht die Wirklichkeit, sondern dienen einzig dazu, jede Mitverantwortung abzulehnen. Sie unterschlagen überdies, dass längst Hunderttausende Flüchtlinge auf der Balkanroute unterwegs waren, als Merkel die Grenzen öffnete.

Dennoch: Die Flüchtlinge wecken ­ in Europa derart viele Emotionen, dass Deutschland in dieser Frage ­Solidarität weder erzwingen noch erkaufen kann. Wie kommt Berlin aus dieser Isolation wieder heraus?
Das weiss ich auch nicht. Zumal, wie gesagt, Frankreich als Partner ausfällt. Sicher ist nur, dass die Flüchtlingsfrage für die EU in den kommenden zwei, drei Jahren existenziell wird. Wenn sich Deutschland mit den Flüchtlingen auf Dauer allein gelassen fühlt, dann wird die Europaskepsis im Land dramatisch ansteigen und die politischen Spielräume drastisch einschränken. Dabei war bisher keine Öffentlichkeit und Politik so verlässlich europafreundlich wie die deutsche.

Ein skeptisches Deutschland wird keine Macht in der Mitte Europas mehr sein.
So ist es. Und dann ist Europa am Ende.

Wie sähe dieses Kerneuropa mit seinen Ringen aus, von dem Sie sprachen?
Der Kern würde Wirtschaftsräume umfassen, die sozioökonomisch vergleichbar wären: von Mailand bis München, von Frankfurt bis Paris, von Stuttgart bis Zürich. Dieser Raum entspricht – in etwa – der ehemaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ab 1957 mit ­Italien, Frankreich, Deutschland, den ­B­­enelux-Staaten. Da könnten auch noch Österreich und die Skandinavier dazustossen. Und ein Land wie die Schweiz müsste sich die Frage zumindest neu stellen. Draussen zu bleiben, hätte auf jeden Fall Kosten: Je stärker sich dieses Kerneuropa gegenüber dem Rest Europas integriert, umso stärker erhielte es auch eine ausschliessende Dimension.

Wie sähe der erste Ring darum herum aus?
Er umfasste Länder, die kulturell und historisch seit langem zu Europa g­­e­hören: Portugal, Spanien, Grossbritannien, Polen, Tschechien, die Slowakei, die baltischen Staaten, vielleicht auch Ungarn, wenn es politisch wieder zu Sinnen kommt. Der zweite Ring würde sich nicht aus kulturellen, sondern aus geopolitischen Erwägungen ergeben und Bündnispartner umfassen, die für Europas Sicherheit an der Peripherie entscheidend sind: Die Türkei wäre, wie ­gesagt, ein Kandidat.

Könnte Tunesien ein anderer sein?
Das ist ein interessanter Punkt. Natürlich stellt nicht nur der Vordere Orient, sondern auch die südliche Mittelmeerküste zwischen Marokko und Ägypten eine besondere sicherheitspolitische Herausforderung an Europa dar. Will man diese Flanke festigen, wäre unter den jetzigen Umständen ein Bündnis mit Tunesien denkbar, das immerhin das einzige Land ist, das aus dem Arabischen Frühling halbwegs demokratisch hervorgegangen ist.

Ergeben sich für einen Kleinstaat wie die Schweiz Gelegenheiten, neu anzudocken?
Ich gehe davon aus. Im mindesten hätte sie ein Interesse daran, Vorteile der bisherigen wirtschaftlichen Verflechtung nicht zu verlieren. Und ich denke, sie wäre auch gut beraten, aktiv an der ­Erarbeitung neuer Regeln für ein flexibleres Europa mitzuwirken und diese nicht nur nachzuvollziehen wie heute.

Selbst der Kern Europas könnte noch auseinanderbrechen, etwa wenn Marine Le Pen französische Präsidentin würde.
Das ist völlig klar. Das politische Europa würde dann aufhören zu existieren. ­Jedes Land würde von neuem nur noch für sich schauen.

Hätten Sie vor ein, zwei Jahren erwartet, dass Europa in eine solch existenzielle Krise geraten würde?
Nein. Gewisse zentrifugale Kräfte waren bereits unübersehbar, aber nicht diese Art von Krise und nicht diese Dynamik. Bisher hiess es ja immer, dass die EU mit jeder Krise wachse und sich nur dank der Krisen überhaupt fortentwickle. Diesmal handelt es sich aber um eine Krise, so wie Aristoteles und die Medizin den Begriff verstehen: Der Kranke wird wieder gesund – oder er stirbt.

«Die Schweiz sollte an Regeln für ein flexibleres Europa mitwirken.»

Um zum Anfang zurückzukommen: Wer ist an der Krise schuld, die Flüchtlinge oder die Terroristen?
Beide haben ein Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit geschaffen, das Europa stark verunsichert. Insofern wirken sie gewissermassen im Verbund.

Vier Jahre nach dem Tod Osama Bin Ladens und dem Arabischen Frühling ist der islamistische Terrorismus mit dem «Islamischen Staat» gefährlicher zurückgekehrt, als es die al-Qaida jemals war. Was ist geschehen?
Ich habe die naiven Hoffnungen, die man in die Arabellion setzte, nie geteilt. Anstatt an eine Wiederholung der friedlichen mitteleuropäischen Revolutionen nach dem Ende des Kalten Krieges zu glauben, schien mir eine Entwicklung wie bei der französischen Revolution plausibler: Umsturz, Bürgerkrieg, gefolgt von der Rückkehr einer Militärdiktatur. Im Falle Syriens hat der Staatszerfall nach der Revolution sogar erst die Voraussetzung geschaffen, unter der sich der Islamische Staat bilden und ausbreiten konnte. Im Falle des Iraks hat die amerikanische Entscheidung, das Land nach der Invasion früh wieder zu verlassen, eine Rolle gespielt wie auch politische Fehler der schiitischen Regierung.

Wie lässt sich der Bürgerkrieg in Syrien befrieden?
Wahrscheinlich nur, indem Syrien den Konfliktlinien entlang geteilt wird: in eine alewitische Zone, die den Schutz und die Unterstützung Moskaus und Teherans geniesst, eine sunnitische Zone, die von Saudiarabien unterstützt wird, und eine kurdische Zone, die versucht, sich selber zu unterhalten. Eine solche Lösung würde übrigens die Heimkehr von Flüchtlingen aus Europa nicht eben begünstigen, weil so ein Gebilde einerseits kaum sehr stabil wäre und die Menschen oft nicht an die Orte zurückkehren könnten, aus denen sie eigentlich stammen.

Welche Verantwortung hat Europa für Syrien?
Wenn man Verantwortung nicht moralisch versteht, sondern als kluge Vorsorge für Probleme, kann man nüchtern feststellen: Die Europäer werden gar nicht darum herumkommen, den Nahen Osten im Wesentlichen als ihren Vorhof zu begreifen – zusammen mit den Russen, die dort starke geostrategische Interessen haben. Europäer und Russen könnten bei dieser Aufgabe häufiger zusammenspannen, als viele heute denken. Überhaupt ist ja eine der Grundlinien europäischer Sicherheitspolitik die Kooperation mit den Russen. Der Grund dafür ist einfach: Überall, wo die Europäer mit Milliardeninvestitionen etwas aufgebaut haben, können die Russen mit einem Federstrich alles wieder kaputt machen, wenn sie wollen. Die Russen dürfen also nicht Europas strategischer Gegenspieler sein.

Lässt sich das islamistische Kalifat aus Syrien einfach wieder herausschneiden, wenn es gelingt, den syrischen Bürgerkrieg einzufrieren? Oder bleiben die Terrormilizen des IS eine Gefahr?
Am besten wäre es, wenn es irgendwo in der Wüste einen Staat für Jihadisten gäbe, in dem diese Fanatiker aus der arabischen Welt die Kalaschnikow mit dem Pflug vertauschen könnten. Ein territoriales Projekt könnte die Welt von diesem Fluidum des Terrors befreien, den der Jihadismus heute darstellt. Das wird aber nicht passieren, weil diese Ideologie von Natur aus auf Expansion abzielt. Die IS-Milizen werden ein Unruheherd bleiben, weil sie sich den neuen Grenzen nicht fügen werden, die im Zuge einer Departementalisierung Syriens gezogen werden. Und sie werden auch ein Magnet bleiben für Jihadisten aus der ganzen Welt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.12.2015, 18:43 Uhr)

Das Thema

Flüchtlinge, Terror, Nationalismus

Bisher hiess es, jede Krise mache die Europäische Union nur noch stärker. Heute sind Zweifel angebracht: Unter dem Druck Hunderttausender Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, kombiniert mit Terroranschlägen islamistischer Extremisten, etwa in Paris, ist der Zusammenhalt der EU bedroht. Dabei ist nicht einmal die seit Jahren andauernde Schuldenkrise in den südeuropäischen Ländern wirklich überwunden. Nationalistische Töne werden überall in Europa lauter, Absetzungstendenzen sind besonders im Osten der EU erkennbar.

Als geostrategisch denkender Politologe analysiert Herfried Münkler diese Entwicklungen im Kontext der Konfliktlinien, die weit über Europa hinausreichen bis in den Kaukasus und die Levante, bis nach Nordafrika – und über den Atlantik hinaus. Europa stehen kritische Jahre bevor. (hbr/de)

Herfried Münkler

Einflussreicher Politologe

1981

Münklers Dissertation zu Machiavelli, die heute als Standardwerk gilt, begründet seinen wissenschaftlichen Ruf. Er ist gerade 30 Jahre alt.

1992

Münkler wird zum Professor für Theorie der Politik an die Humbodt-Universität in Berlin berufen. Einen Ruf an die Universität Zürich lehnt er ab.

2002

Münklers Buch «Die neuen Kriege» macht ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seine These: Asymmetrische Kriege lösen Kriege zwischen Staaten ab.

2005

Auch sein Buch «Imperien» wird zum Standardwerk. Münkler tritt regelmässig als Experte in den Medien auf und ist Berater der deutschen Regierung.

2013

«Der Grosse Krieg», Münklers Buch zum Ersten Weltkrieg, ist ein Bestseller. Seine geopolitische Analyse historischer Prozesse ermöglicht eine neue Sichtweise auf die Kriege des 20. Jahrhunderts.

2015

Münklers jüngste Bücher – «Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa» und «Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert» – führen seine geopolitische Analyse der euopäischen Verantwortung in Zeiten ungleicher Kriege und des dauerhaften Konflikts ohne dauerhaften Frieden fort.

Artikel zum Thema

So leben 600 Flüchtlinge in einem schwedischen 20-Seelen-Dorf

Wer nach Schweden geht, wird einsam: So lautet ein Gerücht in Syrien. Viele Flüchtlinge wissen mittlerweile, was das bedeutet. Mehr...

Dänemark für Überarbeitung von UNO-Flüchtlingskonvention

Zuletzt hatte Dänemark die Asylregeln drastisch verschärft, um Flüchtlinge fernzuhalten. Nun fordert Staatschef Lökke die EU auf, sich um eine Modifikation der Konvention zu bemühen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

TA Marktplatz

«Je dunkler ich schreibe, desto heller die Hoffnung»

Interview Der Schriftsteller David Mitchell verhandelt in seinem neuen Roman den Kollaps der Zivilisation. Mehr...

«Die Syrer sterben eigentlich nur noch»

Interview Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek hat wenig Hoffnung auf eine baldige Lösung des Konflikts. Mehr...

«Eine Sucht zu überwinden, hat etwas Heroisches»

Interview Neurowissenschaftler Marc Lewis erklärt, warum Sucht keine Krankheit ist und wie man davon loskommt. Mehr...