Fürchte dich nicht

Betrachtet man die Statistiken, ist der islamistische Terrorismus in Europa erstaunlich erfolglos.

Das Ziel von Terrorismus sind nicht Flughäfen, sondern Köpfe: Der Westen soll seine Haltung verlieren. Foto: Tom Hoenig (Westend61, Getty Images)

Das Ziel von Terrorismus sind nicht Flughäfen, sondern Köpfe: Der Westen soll seine Haltung verlieren. Foto: Tom Hoenig (Westend61, Getty Images)

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Die wichtigste Lehre aus den Attentaten in Brüssel ist, las man: Es kann jeden von uns treffen, überall, jederzeit.

Sicher. Nur ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein. Seit dem World-Trade-Center-Attentat 2001 ermordeten islamistische Attentäter in Westeuropa und den USA etwa 450 Menschen. So grausam jeder dieser Morde ist, es gibt Gefährlicheres. Allein in Deutschland ersticken pro Jahr über 1000 Leute an verschluckten Fremdkörpern.

Der islamistische Attentäter funktioniert wie der Hai oder der Wolf: ein Monster für die Phantasie, eine Mikrobe für die Statistik. Ebenso wie der Islam selbst. Dessen Stärke wird in Umfragen massiv überschätzt: In den USA bezifferten die Befragten den Anteil von Muslimen auf 15 Prozent (statt 1 Prozent), in Deutschland auf 19 statt 6.

Die Medien bringen dem Terror Ruhm

Nur sagen Zahlen nicht alles: Denn im Leben (und in der Politik) zählt die Wahrnehmung, nicht die Wirklichkeit. Und die Strategie des islamistischen Terrors setzt dort an, wo auch mutige Leute sich fürchten: bei der eigenen Ohnmacht.

Die Ohnmacht fängt schon damit an, dass es keine Chance gibt, auszuweichen. Nach jedem Attentat wälzt sich eine Lawine von Artikeln durch die Weltmedien: von Livetickern bis Hintergründen. Und gleichzeitig läuft dieselbe Flutwelle im Netz: mit Videos, Links, Kommentaren.

Beide Lawinen vollenden den Job der Attentäter: Sie liefern Ruhm, Aufmerksamkeit, Furcht. Und beide sind unfähig, das nicht zu tun. Die Presse kann nicht kaltes Blut bewahren, da sie nicht verschweigen kann, worüber alle sprechen. Und die Leute im Netz sind ebenso machtlos. Laut Psychologen ist das Hauptmotiv, Terrornachrichten zu verbreiten: Wer etwas Schreckliches erlebt hat, erhofft sich durch Teilen Erleichterung.

Prinzipien, kühles Blut, Freundlichkeit. Das genügt.

Die unkontrollierte Terrorlawine ist der Preis, den die Gesellschaft für ihre Mobilität zahlt, von Menschen und Daten. Und sie wird ihn weiter zahlen. Egal, wie gut Polizei und Geheimdienste arbeiten, sie werden nicht alles verhindern. Selbstmordattentate in Menschenmengen sind keine Kunst. Sie brauchen nichts als die Verachtung des Lebens: der anderen Leben und des eigenen.

Brüssel war ein Billigattentat: Selbstmörder mit 60-Euro-Bomben aus Desinfektionsmittel und Farbverdünner. Es war weniger ein Zeichen der Stärke, sondern der Schwäche. Denn es zeigte, dass der islamistische Terror sich in der Phase seiner Degeneration befindet.

Terrororganisationen beginnen meist mit grossen Zielen und grossen Manifesten. Dann, wenn die Verfolgung greift, wird die Gruppe isoliert: Druck, Paranoia und Tunnelblick nehmen zu. Die Opfer werden dann zunehmend zufällig gewählt, die langen Communiqués schrumpfen zu bürokratischen Formeln.

Die Islamisierung Radikaler

Der islamistische Terror begann mit Attentaten auf Flugzeugträger und US-Botschaften, dann folgten World-Trade-Center und Pentagon, stets begleitet von blumigen theologischen Erklärungen durch Osama bin Laden. Doch das ist Vergangenheit. Mittlerweile ist das Ziel nur noch eine Menschenmenge. Und als Grund für die Bomben in Brüssel lieferte der IS nur noch dürre drei Zeilen gegen «die belgischen Kreuzritter».

Ebenso zeigt sich die Verbrauchtheit des IS darin, dass sich der Terror zunehmend nach innen richtet: Deserteure werden erschossen, Löhne halbiert, und wie bei jeder schlecht laufenden Organisation gibt es Lecks: So landete diesen Monat eine Liste von 22'000 ausländischen Jihadisten in der Presse.

Im Westen ist, wie Forscher sagen, der islamistische Terror vor allem eine Jugendkultur. Jihadismus in Europa ist nicht die Radikalisierung des Islam, sondern die Islamisierung Radikaler. Meist sind es ganze Freundescliquen, die sich rekrutieren lassen: in Deutschland, Belgien, Frankreich meist Kleinkriminelle, in England öfter Studenten. Der Islamische Staat verspricht ihnen ein Abenteuer, einen Feind, einen Neustart und einen Kick: Mit nichts lässt sich besser schockieren als mit der Konversion zum radikalen Islam.

Die Mischung von Jugend, Clique und Ideologie ist zwar gefährlich. Aber sie ist nicht im Ansatz fähig, die westliche Gesellschaft zum Kippen zu bringen, ausser diese tut das selber.

Die Verteidiger des Abendlands sind heikler als die Terroristen.

Tatsächlich ist der Todfeind der Islamisten nicht der Westen. Es sind die Muslime. Im Irak und Syrien ermordeten die Milizen des IS Zehntausende: fast alles Glaubensbrüder. Und die Strategie im Westen ist, laut Jihad-Magazinen, Muslimen das Leben möglichst schwer zu machen. Und zwar, indem man rechte Regierungen an die Macht bombt – in der Hoffnung auf möglichst harte Gesetze gegen Muslime. Sodass diese die Logik der Islamisten annehmen: Wir gegen sie.

Die Komplizen der Islamisten sind hier die militanten Antiislamisten: die zum Verbot des Islams aufrufen oder der Verteidigung des Abendlandes, zu flächendeckenden Bombardements oder Überwachung, zu geschlossenen Grenzen. Die Strategie hat Erfolg. Die Sehnsucht nach Radikalismus beschränkt sich nicht nur auf Jugendliche – ein guter Anteil der Gesellschaft ist dabei.

Die Verteidiger des Abendlands sind heikler als die Terroristen: Diese haben zwar Bomben. Doch die wirklichen Zerstörungen können wir nur selber anrichten. Etwa wenn man durch geschlossene Grenzen die Wirtschaft ruiniert. Oder durch einen Überwachungsstaat die Freiheit.

Was tun? Eigentlich nur eines: Die Polizei ihre Arbeit machen lassen. Und sonst Haltung bewahren: also die eigenen Prinzipien, kühles Blut, Freundlichkeit. Das genügt. Denn das eigentliche Ziel der Attentäter sind nicht Flughäfen oder Metrostationen, sondern die Köpfe. Ihr Ziel ist der Verlust an Haltung.

Das, erfreulicherweise, ist der Bereich, in dem man nicht ausgeliefert ist. Nicht zuletzt besteht die Aufgabe im Leben darin, Stück für Stück seine Angst zu verlieren. Eigentlich basiert jedes menschliche Zusammenleben seit je auf drei Worten. Eltern sagen sie zum Kind, Verliebte sagen sie, und am Anfang von drei Religionen sprach sie ein brennender Dornbusch zu seinem Propheten. Man könnte sagen, unsere gesamte Zivilisation wurde auf ihnen gebaut.

Fürchte dich nicht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.03.2016, 19:55 Uhr)

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