«Merkel ging einen Teufelspakt ein»

Der Philosoph Peter Sloterdijk erklärt die Motive der deutschen Kanzlerin im Flüchtlingsdeal mit der Türkei.

«Souveränität ist das Gegenteil von Hartherzigkeit», sagt Peter Sloterdijk. Foto: Keystone

«Souveränität ist das Gegenteil von Hartherzigkeit», sagt Peter Sloterdijk. Foto: Keystone

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Lange haben Sie die Bosheiten Ihrer Kritiker wegmeditiert. Jetzt hat es Ihnen in der Migrationsdebatte gereicht. Sie haben Ihren Kritikern zurückgegeben.
Die Deformationen haben Grenzen, wenn die Argumente ehrenrührig oder gar diffamierend werden. Dann ist eine Intervention angezeigt.

Für Kritik sorgte, dass Sie Angela Merkel für ihr «Wir schaffen das!» angegriffen haben. Sie suggeriere, die Politik hätte alles im Griff.
Ich habe in meinem Buch «Die schrecklichen Kinder der Neuzeit» beschrieben, wie seit der Französischen Revolution die Improvisation an die Macht gekommen ist. In Frankreich drang sie bis in die innersten Angelegenheiten des Staatswesens vor. Zwischen 1789 und 1815 wurden dort mehr als ein Dutzend Verfassungen proklamiert, als wäre das Redigieren von Konstitutionen eine Übung fürs politologische Proseminar. Ähnlich improvisiert man heute in der Migrationspolitik.

Das halten Sie für schädlich?
Nicht unbedingt. Aber das rückwirkende Vortäuschen von Strategien, die es nicht gab, ist eine bedenkliche Form des Regierens. Das haben die Vorgänge zwischen Österreich und Deutschland seit dem letzten Herbst gezeigt. Dabei konnten beide Länder, wie auch die übrigen Europäer, von den Ereignissen nicht überrascht gewesen sein. In Syrien herrschen seit Jahren unerträgliche Zustände, welche die Menschen aus dem Land treiben. Trotzdem haben die EU-Staaten am Anfang zu wenig getan, indem sie wegschauten; am Ende tat Deutschland allein zu viel, indem es sich überrollen liess. Allerdings ist inzwischen eingetroffen, was ich im Interview mit der Zeitschrift «Cicero» angedeutet habe: Angela Merkel werde zurückrudern und zugleich versuchen, ihr Gesicht zu wahren. Zu diesem Zweck ist sie einen Teufelspakt eingegangen, indem sie die hässlichsten Arbeiten an einen osteuropäischen Unterteufel delegierte.

An die Türkei unter Staatspräsident Erdogan.
Offenbar findet man bei Männern dieses Typs die nötige Grobheit, um die europäischen Sensibilitäten zu schonen.

Sie plädieren für nationalstaatliche ­Souveränität in der Migrationspolitik – das hört sich unter dem Eindruck der Bilder ertrinkender Flüchtlinge hartherzig an.
Souveränität ist auch das Gegenteil von Hartherzigkeit, nämlich die Prämisse für die Fähigkeit zu helfen. Zur Politik gehört die Handhabung von Härten. Dass es den Schweizern besser geht als den Menschen in Somalia, ist auch eine himmelschreiende Härte, die nur deswegen nicht auffällt, weil nicht genug Somalier vor der Tür der Schweiz stehen. Wenn demnächst die Welle der schwarzafrikanischen Überpopulation an die Tore Europas brandet, wird das Problem der Härte-Verwaltung wieder auftauchen, heftiger als heute.

«In der Führung der AfD bemerkt man nicht  wenige Gescheiterte.»

Wie dicht soll ein Staat seine Grenze machen?
Es gibt traditionell verschiedene Varianten, wie Nationalstaaten ihre Grenzen interpretieren. Eine Grenze kann eine gewollt durchlässige Membran sein – wie innerhalb der EU seit dem späten 20. Jahrhundert. Sie kann auch als die Aussenhülle eines starkwandigen Containers aufgefasst werden – wie es bei den europäischen Staaten des 19. Jahrhunderts üblich war oder noch heute in den USA. Erinnern Sie sich nur an die Einreise-prozeduren an amerikanischen Flughäfen. Als Angehöriger einer sensiblen Membran-Zivilisation fragt man sich, warum man das überhaupt noch mitmacht.

Wollen Sie denn solche Container-Grenzen wieder für Europa?
Im vergangenen Jahr gab es beide Arten von Grenzen-Politik zeitweilig nicht mehr, weder die des altmodischen Containers noch die der postmodernen Membran. Es gab nur noch Löcher, durch die sich Menschenströme ergossen.Europa kann das Privileg der Durchlässigkeit im Inneren nur bewahren, wenn es zugleich eine robustere Aussengrenze gibt. Bereits der Schengen-Vertrag hat das so vorgesehen: virtuelle Grenzen zwischen den Vertragsstaaten und befestigte Grenzen am äusseren Rand, die nur mit Visa und teilweise peinlichen Aufnahmemodalitäten zu überschreiten sind.

Das Erstarken einwanderungsfeindlicher Bewegungen sehen Sie als allergische Reaktion.
Wenn die Einwanderung eine Form annimmt, in der es keine Grenze mehr gibt, sondern nur ein wüstes offenes Feld, liegt Staatsversagen vor. Dann kann man Reaktionen wie jene der Pegida oder der Alternative für Deutschland (AfD) metaphorisch als allergische Reaktionen deuten.

Stört es Sie, dass mit Marc Jongen ein früherer Assistent von Ihnen Vordenker der AfD wurde?
Als Rektor in Karlsruhe habe ich, wie auch mein Nachfolger, die Meinung vertreten, eine Hochschule habe nicht das Recht, ein Mitglied einer politischen Bewegung zu massregeln, die zu Wahlen zugelassen ist und mit politischen Listen auf allen Ebenen kandidieren darf. Und dies unabhängig davon, wie umsympathisch sie ist.

Jongen sieht sich als Ihr Schüler.
In wesentlichen Punkten zu Unrecht. Er dürfte sich vielleicht als mein Schüler bezeichnen, wenn er in seiner Assistentenzeit wenigstens ein einziges vorzeigbares Buch geschrieben hätte. So aber bleibt es nur bei falschen Zitaten. Jongen hat den Begriff des «Thymos» – vereinfacht gesagt: der Zorn-Aufwallung, die vom verletzten Stolz kommt –, den ich im Buch «Zorn und Zeit» entwickle, völlig entstellt. Er verwechselt durchwegs Stolz mit Ressentiment. Es ist mir schleierhaft, wie ausgerechnet die kläglichen Figuren an der Spitze der AfD ihren Landsleuten Unterricht in alt-abendländischem Stolz erteilen sollten. Stolz worauf? In der Führung der Partei bemerkt man nicht wenige gescheiterte Figuren, die vor dem Gerichtsvollzieher in die Politik geflohen sind.

Warum produziert die moderne Gesellschaft eigentlich so viele Verlierer?
Das Verlierer-Phänomen ist ein sozialpsychologisch unvermeidlicher Nebeneffekt der Demokratie. In einer ständischen Gesellschaft fühlten die Menschen sich in der Regel an ihren Ort gestellt und neigten nicht so sehr dazu, sich zu vergleichen. Auch sie nahmen den Unterschied zwischen dem grossen Herrn und dem armen Teufel wahr, aber sie taten das nicht vor dem Hintergrund des Gleichheitspostulats. Heute sind die Vergleiche virulenter geworden, man vergleicht sich direkt mit dem Bevorzugten, ohne von der Diskretion des Standesbewusstseins zu profitieren. Der Stand war eine soziale Immunabwehr, die den Schlechtergestellten davor bewahrte, in eine verzehrende Konkurrenz mit den Bessergestellten zu treten. Ein amerikanischer Film nennt das Gefühl, das aus ungeschütztem Direktvergleich entspringt, «Basic Instinct». Der ist bekanntermassen tödlich und schadet vor allem dem, der ihm nachgibt.

Trotzdem will niemand zur ständischen ­Gesellschaft zurück.
Natürlich nicht, weil es seinerzeit fast keinerlei soziale Mobilität und keine Aufstiegschancen gab. Unter alt-ständischen Verhältnissen wäre unser Bundespräsident ein kleiner Dorfpfarrer in Mecklenburg-Vorpommern, Angela Merkel Haushaltshilfe auf einem Pfarrhof, ich selber mit etwas Glück Kanzlist in einer rheinischen Kleinstadt, und auch Sie hätten nie die Chance gehabt, Chefredaktor einer Schweizer Zeitung zu werden, sondern wären Gemeindediener in Glarus geblieben. Das Spektrum der Aufstiegschancen hat sich in der Moderne gegenüber dem Ancien Régime verzwanzigfacht. Aber eben deswegen produziert die moderne Gesellschaft so viele Verlierer: Wenn es zahllose Chancen gibt und man hat keine nutzen können, dann ist das Verlierergefühl umso bitterer.

Sie selber bezeichnen sich als ­linkskonservativ. Was heisst das?
Ich komme von der Linken her, doch habe ich im Laufe des Lebens sinnvolle Bewahrungsinteressen entdeckt. Die Idee der permanenten Revolution ist in meinen Augen eine unüberwundene Kinderkrankheit der intellektuellen Linken. Dieses trotzkistische Wahnsystem sollte man besser heute als morgen loswerden. Jean-Paul Sartre schrieb um die Mitte der 40er-Jahre: Es gibt keine guten Gewohnheiten, eben weil sie Gewohnheiten sind. So fordert Sartre die permanente Revolution der Moral. Das klingt fürs Erste verführerisch, ist aber völlig unlebbar. Aus Verführungen dieser Art ergibt sich die absurde Furcht der Linken vor jeder Berührung mit dem Konservatismus. Gewöhnliche Linke haben vor nichts so sehr Angst wie vor dem Verdacht, sie könnten in irgendeinem Punkt als konservativ entlarvt werden. Lieber «entlarven» sie andere, die sich auf diesem Feld unbefangener bewegen.

Wie sind Sie Ihrer konservativen Seite auf die Spur gekommen?
Ich habe fast 25 Jahre lang als Hochschullehrer unterrichtet und begriffen, Unterricht geben kann man nur vor dem Hintergrund eines Kanons: Man muss sicher sein, Dinge zu wissen, von denen man wollen kann, dass sie auch in der nächsten Generation gewusst werden. So viel Konservatismus ist unverzichtbar. Und weil unter den Dingen, die auch morgen noch gelten sollen, nicht wenige sind, die aus der Tradition der Linken stammen, ergibt sich wie von selbst eine linkskonservative Haltung.

Und «links» würde heissen, dass Sie den ­Sozialstaat im nationalen Rahmen verteidigen?
Natürlich. Hier liegt wieder so ein ärgerliches Missverständnis vor: Spricht man das Wort «Nationalstaat» aus, heult eine Kaste pseudoprogressiver Soziologieprofessoren auf und behauptet, man sei aus Naivität für nationalkonservative Optionen.

Sie hätten als Nationalist gesprochen.
Das genaue Gegenteil ist der Fall: Das Ethnisch-Nationale innerhalb des Staates ist längst zur Diskussion gestellt, und das zu Recht, denn wir leben nicht mehr in der Ära kulturell homogener Staatsvölker – falls diese nicht ohnehin immer schon Fiktionen waren. Was nicht zur Diskussion steht, sind Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaatlichkeit. Und diese Grössen sind nun mal bis auf weiteres ausschliesslich im sogenannten Nationalstaat inkarniert, nirgendwo sonst. Der Akzent fällt auf «Staat», nicht auf «national». Es gibt vorerst keinen anderen Träger dieser unentbehrlichen Prinzipien politischer Zivilisation.

Die EU war der Versuch, solche Prinzipien auf der europäischen Ebene zu verankern.
Ein lobenswerter Versuch, aber von seiner Verwirklichung Lichtjahre entfernt. Solange nicht unsere Renten aus Brüssel kommen, unsere Ehen in Brüssel geschlossen und geschieden werden und solange die Einbrecherbanden aus Osteuropa, die zurzeit die Wohnungen deutscher Mittelständler unsicher machen, nicht von Brüsseler Gerichten in Brüsseler Gefängnisse geschickt werden, muss eben der über Europa verstreute Nationalstaat in seinen 40 diversen Ausprägungen diese Arbeit leisten. Dass es in jedem Land ein mentales Spektrum zwischen betonter Nationalität und betonter Internationalität gibt, ist schlicht normal.

Ihre neue Essaysammlung «Was geschah im 20. Jahrhundert?» zeigt Sie als Grünen. Die Sorge über die vom Menschen veränderte Erde geht durch fast alle Aufsätze. Niemand werde sich herausreden können, schreiben Sie.
Die Idee des Buches war es, den grossen Trend jenseits der Einzelereignisse zu benennen. Eine dieser Aussagen lautet, dass das Jahrhundert blutig-rot anfing mit Massakern in unerhörter Grössenordnung, aber grün endete mit der Entdeckung der Umwelt. Damit wird die klassische Kulissen-Ontologie hinfällig. Der Naturbegriff erhält einen ganz neuen Sinn. Der alte Unterschied zwischen Drama und Kulisse taugt nicht mehr, weil die starke Veränderung der Kulisse selber Teil des Dramas geworden ist. Kulisse und Drama sind näher aneinandergerückt, Hintergrund und Vordergrund lassen sich nicht mehr klar unterscheiden: In dem Befund steckt das grüne Thema. Manche Autoren sprechen vom Anthropozän, um zu betonen, der Mensch selber sei zum erdgeschichtlichen Faktor geworden.

Erwarten Sie noch eine Energiewende, oder wird der Mensch auch die Bretter des Schiffes verbrennen, auf dem er das Meer überquert?
Man muss tatsächlich befürchten, dass die zahllosen Fragmente der Menschheit noch lange in umweltschädigenden Interaktionen verharren. Es wäre jedoch falsch zu sagen, «die Menschheit» zerstöre sich selbst. Solche Allegorien passten ins Barocktheater des 17. Jahrhunderts, für die heutige Analyse sind sie nicht brauchbar. Wir müssen nach wie vor zugeben, dass eine handlungsfähige Zentralagentur fehlt, die den fatalen Prozess stoppen könnte. Deshalb behalten die Teilagenturen die Lizenz, mit schädlichen Praktiken fortzufahren.

Die Einsicht, etwas zu ändern, wäre da?
Ich meine ja, die Wahrheit ist auf der Strasse. Die Einsicht hat aber noch kein handlungsfähiges Organ ausgebildet, und in den bestehenden Teil­organen dominieren nach wie vor die egoistischen Motive. Hier kommt wieder der unglückliche Nationalstaat mit ins Spiel. Er ist zugleich unentbehrlich und unzulänglich. Das Ganze ist heute nicht mehr, sondern weniger als die Summe seiner Teile. Folglich entsteht aus dem Handeln der Teile nicht Synergie, sondern Paralyse. Es ist zu befürchten, dass wir die längst erkannten Probleme noch ein Jahrhundert vor uns herschieben. Das passt zur Signatur unseres Zeitalters, in dem das Vertagen und Aufschieben von Problemen mit ihrer Lösung verwechselt wird. Man kauft sich Zeit, man tut so, als gewinne man Spielräume, aber man nutzt sie nicht – unterdessen türmen sich die Berge ungelöster Probleme am Horizont immer höher auf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2016, 19:11 Uhr

Peter Sloterdijk

Ein Philosoph liebt die Kontroverse

Der 68-jährige Ex-Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung gehört zu den meistdiskutierten Philosophen. Er ist Autor vieler Bücher, jüngst erschien eine Sammlung seiner neusten Aufsätze: Was geschah im 20. Jahrhundert? Suhrkamp. 352 Seiten, ca. 39 Franken. (rs)

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