Ohne Rücksicht auf die «Randgebiete»

David Cameron verspielte die EU-Mitgliedschaft. Nun riskiert Theresa May das Vereinigte Königreich.

Auf Brexit-Kurs: Theresa May ignoriert die Zweifler. Foto: Max Mumby (Getty Images)

Auf Brexit-Kurs: Theresa May ignoriert die Zweifler. Foto: Max Mumby (Getty Images)

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Den Bruch mit der EU will Theresa May noch diesen Monat in die Wege leiten. Wohin die Reise geht, hat sie klargemacht. Jene, die sich gegen diese Reise sperrten, fanden kein Gehör. Auch Schottland und Nordirland werden den EU-Binnenmarkt und die Zollunion verlassen müssen – obwohl sie für die weitere volle Mitgliedschaft in der EU gestimmt hatten beim Referendum im vorigen Jahr.

Für die schottischen und die irischen Nationalisten bildet dieser März einen entscheidenden Punkt in den Geschicken des Vereinigten Königreichs. Was sie als harsches Diktat eines englischen Nationalismus begreifen, wollen sie nicht mehr akzeptieren. Trotz zahlloser Appelle hat in London niemand auf ihre Sorgen Rücksicht genommen. Nun suchen sie selbst, ergrimmt, nach der Ausgangstür.

Der Zorn über «London» neu entfacht

Gewarnt hatten Brexit-Gegner ja schon lange vor dieser Gefahr. Aber die Brexiteers wollten davon nichts hören. Für die konservativen Hardliner spielte keine Rolle, was die Mitbürger in den «Rand­gebieten» des Königreichs dachten. Die Angst der Iren vor einer erneuten Spaltung ihres Landes und das Drängen der Schotten auf eine weitere Teilhabe an der EU fanden in der Brexit-Kampagne in England so gut wie keine Resonanz. In Schottland steht nun jedenfalls ein neues Unabhängigkeitsreferendum fest auf der Tagesordnung. Die Schotten stimmten ja vorigen Juni mit 62 zu 38 Prozent gegen den EU-Austritt. Sie waren seither, auf der Suche nach Mitsprache, bloss auf Ablehnung gestossen und von allen Entscheidungen ferngehalten worden. Das hat unter schottischen Nationalisten den Zorn über «London» neu entfacht.

Zorn allein bringt natürlich keine Unabhängigkeit. In ganz Schottland trifft man Skeptiker bezüglich der Konsequenzen eines Alleingangs. Andererseits ist die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon eine formidable Kämpferin. Mit Mays «hartem Brexit» hat sie einen triftigen Grund für ihre Initiative gefunden. Und die Aussicht auf Jahre brachialer Tory-Herrschaft in London schreckt viele Schotten zweifellos ab.

Denkbare irische Wiedervereinigung

Jenseits der Irischen See hat sich die Republikaner-Partei Sinn Fein von dieser Rebellion schon anstecken lassen. Sie will «so bald wie möglich» ein Referendum zur Lösung Nordirlands aus dem Königreich. In den nächsten Jahren ist mit einem solchen Volksentscheid noch nicht zu rechnen. Aber ein Stimmungsumschwung bricht sich auch hier Bahn. Selbst nordirische Unionisten – die an der Union hängenden Protestanten – fragen sich immer öfter, was «der Wille Englands» eigentlich für sie bedeute. Manche fürchten um den freien Handel auf der irischen Insel und mit der EU. Andere sorgen sich um den Frieden in ihrer Heimat, falls ein «harter Brexit» neue Abgrenzungen erfordert. Für Nord­irlands Nationalisten – die gesamte irisch-katholische Bevölkerung – ist Mays Politik sowieso ein Schlag ins Gesicht.

In ihrer Not haben sich Politiker in Belfast wie in Dublin für einen «Sonderstatus» Nordirlands ausgesprochen, mit unbehindertem Zugang zur EU. Enda Kenny, der Regierungschef der Republik Irland, hat zuletzt verlangt, dass beim Austrittsvertrag Grossbritanniens mit der EU eine Passage eingefügt wird, die Nordirland im Falle einer «irgendwann einmal» denkbaren irischen Wiedervereinigung die reibungslose Rückkehr in die EU garantiert.

Ein enormes Risiko

Zwingend ist es natürlich nicht, dass das Vereinigte Königreich durch den Brexit zerfällt. Der Ausgang ist völlig ungewiss. Premierministerin May allerdings scheint überzeugt davon zu sein, die schottischen und irischen Warnzeichen ignorieren zu können. Wichtiger ist ihr offenbar, den Kompromisslosesten ihrer Brexiteers zu folgen. Das Risiko, das sie eingeht, ist enorm.

David Cameron verspielte schon, in arroganter Leichtfertigkeit und aus Angst vor den Tory-Nationalisten, die EU-Mitgliedschaft. Theresa May kann nur hoffen, dass sie sich nicht genauso verschätzt hat wie er. Falls die Sache schiefläuft, setzt sie mit ihrer Strategie die Zukunft des ganzen Vereinigten Königreichs aufs Spiel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2017, 20:10 Uhr

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