Plötzlich pro EU

Die öffentliche Zustimmung zur EU steigt in vielen Ländern im Vergleich zum Vorjahr deutlich. Wir zeigen, warum.

Mehr Zustimmung: In den meisten Ländern stieg der Anteil der Befragten, die zufrieden mit der EU sind, von 2016 bis 2017 stark. (Grafik: TA/mfe, Quelle: Pew Research Center)


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In den letzten Jahren litt der Ruf der EU stark. Von Austrittsgedanken verschiedener Mitgliedsstaaten war die Rede. Und nach dem Brexit fragten sich viele, ob das nun der Anfang vom Ende des Bündnisses sei. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie eine neue Studie des Pew Research Center zeigt. Der Thinktank spricht von einer «drastischen Erholung der öffentlichen Zustimmung»: Denn in vielen europäischen Ländern hat die Beliebtheit der EU wieder deutlich zugenommen.

Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil der Personen, die eine vorteilhafte Sicht auf die EU haben, in neun der zehn untersuchten Länder – darunter auch Grossbritannien. 54 Prozent der befragten Briten haben eine positive Meinung von der Union. Das sind 10 Prozent mehr als noch 2016. Noch stärker ist der Aufschwung in Holland (13 Prozent), Spanien (15 Prozent) und vor allem in Deutschland und Frankreich (je 18 Prozent).

Nur in Italien ging die Zustimmung leicht zurück. Das dürfte unter anderem wirtschaftliche Gründe haben. Denn Italien ist das einzige Land, in welchem die Bevölkerung weniger zufrieden ist mit der ökonomischen Situation als im Vorjahr.

Griechenland befindet sich weiterhin in der Krise. Nur ein Drittel der Bevölkerung hat eine gute Meinung von der EU, was in erster Linie mit der schlechten ökonomischen Situation zusammenhängt. Die Zustimmung zur Wirtschaftslage bleibt auf rekordtiefen 2 Prozent. Damit gehört Griechenland zu den fünf Ländern, in denen die Optimisten in der Minderheit sind.

Dass in neun von zehn Mitgliedsstaaten eine Mehrheit die EU wieder positiv sieht, kann also nicht nur mit einer besseren wirtschaftlichen Situation zu tun haben. Eine wichtige Rolle spielt auch der Brexit. 69 Prozent aller Befragten glauben, dass dieser schädlich für die EU ist. Aus Sicht von 55 Prozent wird er sich zudem negativ auf Grossbritannien auswirken.

Eine Mehrheit der Europäer denkt heute, dass ein EU-Austritt keine gute Idee ist. Die Zustimmung zu einem solchen Vorhaben ist in den meisten Ländern gering.

In Deutschland, Polen, Ungarn und Spanien ist ein Austritt derzeit kein Thema. Besonders im Fall Ungarns, dessen rechtspopulistische Regierung eine Anti-EU-Politik betreibt, ist dies erstaunlich. In Holland, Frankreich und Schweden sind die Skeptiker ebenfalls klar in der Minderheit. Über alle neun Länder hinweg gesehen, wollen nur 18 Prozent der Befragten, dass ihr eigenes Land die EU verlässt. Sogar in Italien und Griechenland, wo der Austrittswunsch noch am höchsten ist, befürwortet mehr als die Hälfte den Verbleib.

Trotzdem ist das Verlangen gross nach einem eigenen Referendum über die Mitgliedschaft, wie es die Briten durchführten. 53 Prozent aller Befragten verlangen eine solche Volksabstimmung über den Status ihres Landes.

Dass die Forderung nach einer Abstimmung so gross ist, dürfte laut der Studie mit dem Frust über Brüssel zu tun haben. Viele der Befragten fühlen sich demnach zu wenig gehört, vor allem in Flüchtlings- und Wirtschaftsfragen. 74 Prozent wollen, dass anstatt Brüssel ihr Land über die Einwanderung von ausserhalb Europas entscheidet. Und 51 Prozent sind der Meinung, dass ihre Regierung künftig selbst über internationale Handelsverträge entscheiden sollte.

Zudem stört sich eine Mehrheit an der Macht Deutschlands. 49 Prozent der Befragten finden, dass Berlin zu viel Einfluss hat, wenn es innerhalb der EU um die Entscheidungsfindung geht.

Insgesamt ist die Unterstützung in Europa für einen Verbleib in der EU gross, gleichzeitig aber auch das Bestreben, Befugnisse und Zuständigkeiten von Brüssel zurückzufordern. Die zehn befragten Länder (inklusive Grossbritannien) machen zusammen etwa 80 Prozent der EU-Bevölkerung aus und 84 Prozent der EU-Wirtschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 19:00 Uhr

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