Putins Helden, die es niemals gab

Die «28 Helden von Panfilow», die Hitler vor Moskau stoppten, gab es nicht. Doch wer das sagt, wird als «Drecksack» beschimpft.

Das Verbindende ist der Gedanke an die Vorfahren: Erinnerung bei der Bürgerbewegung «Unsterbliches Regiment», hier in Moskau. Foto: Getty Images

Das Verbindende ist der Gedanke an die Vorfahren: Erinnerung bei der Bürgerbewegung «Unsterbliches Regiment», hier in Moskau. Foto: Getty Images

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Wenn es darum geht, Heilige zu verteidigen, kann der russische Kulturminister schon mal grob werden. Alle, die Kritik an den «28 Panfilowzy» übten, seien einfach nur «die letzten Drecksäcke», schimpfte Wladimir Medinskij. Sein Ministerium hatte den Film gefördert, der mit Mitteln ähnlich jenen Hollywoods eine Geschichte neu erzählt, die seit den Sowjettagen jedes Kind in Russland kennt: Herbst 1941, die deutsche Wehrmacht steht vor den Toren Moskaus.

Um die Heimat vor dem Feind zu retten, werfen sich 28 Männer selbstlos in die Schlacht und erreichen Unglaubliches: Allein mit Molotowcocktails und Handgranaten gelingt es ihnen, 18 deutsche Panzer zu zerstören, bevor sie selbst getötet werden. Fast im Alleingang stoppen sie die Deutschen.

Die Geschichte hat einen Haken – sie ist frei erfunden

In der neuen Produktion lassen Special Effects die Schlachten noch realistischer wirken. Doch auch das ändert nichts daran, dass die Geschichte einen Haken hat – sie ist frei erfunden. Die Rote Armee hat im Dezember 1941 in der Tat die Wehrmacht am Stadtrand vor Moskau gestoppt und in einer wuchtigen Gegenoffensive zurückgeworfen – aber das war die Leistung von Millionen Soldaten; die Helden mit ihrem Anführer, Generalmajor Iwan Panfilow, dagegen sind Fiktion.

Das ist, zumindest unter Historikern, lange bekannt und gut belegt. Bereits 1948 kam eine Untersuchung des militärischen Oberstaatsanwalts der UdSSR, Nikolai Afanassjew, zu dem Ergebnis, dass Mitarbeiter der Armee-Zeitung Roter Stern die Erzählung auf der Grundlage dünner Frontmeldungen erfunden hatten.

Tatsächlich kämpfte Panfilows Einheit zu diesem Zeitpunkt viele Kilometer entfernt.

Die Untersuchung war eingeleitet worden, nachdem mehrere der vermeintlichen Märtyrer sehr lebendig wieder aufgetaucht waren und ihre Orden abholen wollten. Die Redakteure des Roten Sterns hatten ihre Namen einfach von einer Versorgungsliste abgeschrieben. Tatsächlich kämpfte Panfilows Einheit zu diesem Zeitpunkt gar nicht nahe dem Dorf Dubossekowo, wie behauptet, sondern viele Kilometer entfernt.

Als der Leiter des russischen Staatsarchivs, Sergej Mironenko, 2015 den Bericht der Militärstaatsanwaltschaft veröffentlichte, erntete er wütende Reaktionen von konservativen Politikern und Intellektuellen. Kulturminister Medinskij ermahnte den angesehenen Historiker, sich mit eigenen Einschätzungen zurückzuhalten. Schliesslich gab Mironenko seinen Posten auf.

Der Staat hält derweil an dem Mythos fest. Immerhin sind im ganzen Land Strassen und Plätze nach den Panfilow-Helden benannt, des Weiteren ein Gipfel und ein Gebirgspass im Altai, Denkmäler stehen unter anderem in Dubossekowo und in Kasachstan, woher einige der zu Helden gekrönten Soldaten stammten. Wladimir Putin sah sich die Premiere des Filmes zusammen mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew an.

Putins Sprecher Dmitrij Peskow erklärte, er habe von den Zweifeln gehört, gerade deshalb sei «dieser Film besonders bedeutsam, wenn es um die historische Wahrheit geht». Er verlasse sich auf den Kulturminister – und der habe versichert, dass der Film dem wahren Geschehen am nächsten komme.

«Wer diese Heldentaten infrage stellt, wird in der Hölle brennen»

Medinskij selbst erklärte schliesslich, die Geschichte müsse eben wie eine Heiligenlegende verstanden werden: Wer alles unter die Lupe nehme und «mit der Suche nach Wahrheit diese Heldentaten infrage stellt, wird in der Hölle brennen».

Während der deutsche Raub- und Vernichtungsfeldzug in der Erinnerung der Bundesrepublik nicht einmal mit einem Gedenktag präsent ist, ist er in Russland allgegenwärtig – wenngleich überwiegend in der Form von Staats wegen gepflegter Mythen.

Der «Grosse Vaterländische Krieg» ist das einende Element in einer Geschichte voller Brüche.

Der «Tag des Sieges» am 9. Mai ist neben Neujahr der zweitwichtigste Feiertag des Landes. Die Erinnerung beschränkt sich aber nicht auf Denkmäler und die Parade auf dem Roten Platz. Sie ist in den Alltag eingewoben; Busse werden mit dem Schriftzug «nach Berlin» versehen, Autos ironisch mit Aufklebern als «Trophäe» markiert.

Der «Grosse Vaterländische Krieg» ist das einende Element in einer Geschichte voller Brüche. Der millionenfache Brudermord seit 1917 in Revolution, Bürgerkrieg und rotem Terror hatte eine zerrissene Gesellschaft hinterlassen. Aber gegen den Faschismus kämpften 1941 bis 1945 Nachfahren der Weissgardisten und Kommunisten ebenso wie Christen und Muslime, Russen neben Tschuwaschen und Tataren. Kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen verloren hat.

Wie tief dieses Erlebnis sitzt, und wie leicht es sich politisch missbrauchen lässt, wurde nach der Maidan-Revolution deutlich, als der Kreml und die Staatsmedien alle Gegner der korrupten Clique von Viktor Janukowitsch pauschal als Faschisten diffamierten und damit das eigene Volk für die Krim-Annexion und den Krieg im Donbass mobilisierten.

Schlachtengemälde: Szene aus dem russischen Kinofilm «Panfilows 28 Männer». Foto: Libyan Palette Studios/Gaijin Entertainment

Diese Rolle bekam der «Grosse Vaterländische Krieg» gegen Nazideutschland allerdings erst nach und nach mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten. Eine Siegesparade gab es zwar auch im Juni 1945. Doch danach wurde der Tag 20 Jahre lang nicht gefeiert. «Der Sieg hatte den Menschen Selbstbewusstsein gegeben, das war Stalin nicht geheuer», erklärt der Moskauer Historiker Andrej Subow. «Deshalb hat er erst einmal alles dafür getan, dass der Sieg vergessen wurde.»

Putin brachte die Panzer zurück auf den Roten Platz

Erst Staatschef Leonid Breschnew habe den 9. Mai ab Ende der Sechzigerjahre zu einem Tag der triumphalen Einheit des Volkes im Marxismus-Leninismus gemacht. Unter Gorbatschow ab 1985 änderte sich das wieder. Nun sprach man von einem «Feiertag mit Tränen in den Augen».

In den Neunzigerjahren gab es keine Militärparade. Man begann, sagt Subow, «davon zu sprechen, dass Stalin auch eine Teilschuld daran hatte, dass 27 Millionen Sowjetbürger sterben mussten – 15 Prozent der Gesellschaft –, weil er kurz vor dem Krieg während der Grossen Säuberungen die Militärführung umbringen liess. Man sah nicht mehr nur den Triumph, sondern zugleich die Tragödie.»

Putin brachte die Panzer zurück auf den Roten Platz und machte die Parade erneut zu einer Demonstration militärischer Stärke mit Atomraketen, Fliegerstaffeln und den neuesten Entwicklungen der heimischen Rüstungsindustrie, die den Gästen und möglichen Kunden auf der Ehrentribüne präsentiert werden. An die Stelle des kommunistischen Rot traten das Schwarz und Orange des St.-Georgs-Bandes, inspiriert von einem Heldenorden aus der Zarenzeit.

In der offiziellen Geschichtsschreibung ist kein Platz für die westlichen Alliierten.

72 Jahre nach dem entbehrungsreichen Sieg ist der Grosse Vaterländische Krieg stetiger Bezugspunkt von Wladimir Putins Politik und der staatlichen Propaganda. Der Konflikt um die Ukraine ist dafür nur das augenfälligste Beispiel.

Um die USA in eine Allianz gegen den islamistischen Terror (statt gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad, einen Verbündeten Russlands) zu drängen, stellte er die Verbindung zum Kampf gegen Hitler her. «Die historischen Parallelen sind offensichtlich», sagte Putin bei seiner Rede an die Nation im Dezember 2015: «Im 20. Jahrhundert wurde die Weigerung, rechtzeitig die Kräfte im Kampf gegen den Nazismus zu bündeln, mit Millionen Leben bezahlt.»

Dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg mehr Opfer gebracht hat als irgend ein anderes Land, das lag nach der offiziellen Geschichtsdoktrin nicht an Fehlern Stalins, der Hunderte Kommandeure der Roten Armee umbringen liess, darunter zahlreiche Generäle. Und nicht an der Erbarmungslosigkeit, mit der Soldaten ohne Ausbildung an die Front geschickt wurden. Sondern an den Amerikanern, die nicht bereit waren, sich früher der sowjetischen Führung anzuschliessen.

Heute ist es unschicklich, den Beitrag der West-Alliierten zu würdigen

Eine realistische Darstellung des Krieges erfordere auch, die Leistung der westlichen Verbündeten anzuerkennen, ohne deren Beitrag die Sowjetunion den Krieg nicht gewinnen konnte, schreibt der Historiker Boris Sokolow. Doch in der offiziellen Geschichtsschreibung sei kein Platz für die westlichen Alliierten. In der angelsächsischen Literatur ist dies übrigens oft umgekehrt: Hier erscheint der Kampf der Sowjetunion bisweilen als Nebensache.

Dass die Rote Armee, so Sokolow, in den letzten Kriegsmonaten so rasch vorrücken konnte, sei nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Wehrmacht seit der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 starke Verbände dorthin verlegte: «Statt den westlichen Verbündeten für diese Hilfe zu danken, zieht man es bei uns vor, ihnen vorzuwerfen, dass sie die zweite Front nicht früher eröffnet haben.»

In der neu aufgelegten Ost-West-Konfrontation erscheine es aus der Sicht der Regierung als unschicklich, den Beitrag der USA und Grossbritanniens zu würdigen. Viel einfacher ist es da, alte Legenden wie die von den Panfilow-Helden aufzufrischen: «Jeder Ansatz, diese Mythen zu zerstören, kommt dann einem Angriff auf die Grundfesten des Staates gleich.»

Der Staat achtet argwöhnisch darauf, sein Monopol auf Erinnerung und Gedenken nicht zu verlieren. Aber das Bedürfnis nach neuen, persönlicheren Formen ist gross. 2012 organisierte eine Gruppe aus dem Umfeld des kritischen Regionalsenders TV-2 im sibirischen Tomsk erstmals einen stillen Marsch durch die Stadt, bei dem die Bürger Porträts ihrer Vorfahren halten, die den Krieg überlebt haben oder dort gefallen sind.

An den vielen toten Sowjetsoldaten sind nach offizieller Geschichtsschreibung die USA Schuld: Denkmal für die 28 Männer von Panfilow. Foto: dpa

Auf der Website moypolk.ru können Fotos und kurze Biografien der Angehörigen veröffentlicht werden. Menschen, deren Angehörige in der gleichen Kompanie waren, finden sich und tauschen Bilder und Informationen aus, die sie gesammelt haben. Die Aktion war so ein grosser Erfolg, dass sich andere Städte anschlossen.

Bald waren es Hunderttausende im ganzen Land – seit dem Ende der Sowjetunion waren nie so viele Menschen zu Demonstrationen auf die Strassen gegangen wie zum «Marsch des Unsterblichen Regiments».

Das «Unsterbliche Regiment» als Teil eines globalen Trends

Man hätte ahnen können, dass so ein Auftritt die Staatsmacht nervös macht, sagt Sergej Kolotowkin, einer der Organisatoren in Omsk – eine so grosse Bewegung, die sie nicht selbst kontrolliert: «Wir haben das Unsterbliche Regiment als ein Projekt zur persönlichen Erinnerung gegründet. Es ging uns nicht darum, grosse Demonstrationen anzuführen oder zu zeigen, wie stark wir sind. Für mich geht es um das Gedenken an meinen Grossvater. Aber wenn 100'000 mitmachen, ist es das Gedenken von 100'000 Menschen. Es geht nicht darum, Macht zu demonstrieren.»

Die Grundregeln des «Unsterblichen Regiments» verbieten jede Politik und kommerzielle Absichten. «Es ist ein Projekt, das die Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung, ihrer politischen Einstellung oder ihrem Glauben zusammenbringt», sagt Kolotowkin. Das Verbindende ist das Gedenken an die Vorfahren.

Aber es dauerte nicht lange, bis Leute aus dem Umfeld des Kremls sich in die Organisation drängten. 2015, zum 70. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland, nahm Putin auf dem Roten Platz die grösste Militärparade der Geschichte ab und marschierte dann mit dem «Unsterblichen Regiment» durch Moskau.

Es gibt einen Unterschied zwischen Erinnerung und Gedenken.

Selbst wenn die Bewegung heute teilweise vom staatlichen Hurra-Patriotismus befallen sei, glaubt Kolotowkin, dass sie weiter Gutes bewirken kann. «Wenn einer durch das ‹Unsterbliche Regiment› sein altes Familienalbum wieder hervorholt, das er vielleicht zehn Jahre lang nicht mehr angeschaut hat, wenn er bedauert, dass er nicht mehr Fragen gestellt hat, als dieser Grossvater noch am Leben war: Dann erwacht in ihm der Wunsch, diese Geschichten an seine Kinder weiterzugeben. Und vielleicht will er auch mehr über seinen Grossvater erfahren und beginnt nachzuforschen.»

Der Soziologe und Historiker Mischa Gabowitsch, der am Potsdamer Einstein Forum forscht, sieht das «Unsterbliche Regiment» als Teil eines globalen Trends. «Kriegsgedenken als Event» heisst sein neues Buch, in dem er gemeinsam mit Kollegen den Wandel der Gedenkkultur in den postsowjetischen Gesellschaften und in Osteuropa untersucht hat.

«Da gibt es unglaubliche Änderungen», stellt Gabowitsch fest. Er legt wert darauf, zwischen Erinnerung und Gedenken zu unterscheiden. Ob sich die Heldentaten der Panfilowzy so zugetragen haben oder nicht, sei eine Frage für Historiker.

Unabhängig davon gebe es einen Wandel der Art und Weise, in der des Krieges gedacht werde: «Früher gab es Sammelgräber, alles war anonym, es gab eine Parade, da wurden die Opfer nicht erwähnt.» Es gehe heute darum, das Gedenken auf die Ebene der Familie zu bringen: «Das ist in den letzten Jahrzehnten in fast allen Ländern der Welt passiert.»

Dass 70 Jahre nach dem Krieg der Wandel zum persönlichen Gedenken stattfindet, liegt am Generationenwechsel.

Dass das Gedenken vom Staat nachträglich eingerahmt wird, sei im Übrigen nichts Neues. Ähnliches sei schon nach dem Krieg passiert, als die Soldaten in ihre Dörfer und Städte zurückkehrten und zunächst auf eigene Initiative Gedenkorte einrichteten. Wie etwa die ausgemusterten Panzer, die heute noch an vielen Ortseingängen stehen. Als die Partei erkannte, dass es bei Menschen ein Bedürfnis nach Gedenken gibt, übernahm sie die Initiative und verknüpfte das Gedenken an den Sieg mit der Überlegenheit des Kommunismus.

Auch wenn der Staat sich die Kontrolle über das Gedenken zurückgeholt habe, könnten die Initiatoren des «Unsterblichen Regiments» einen Erfolg verbuchen, findet Mischa Gabowitsch. «Es hat den Staat gezwungen, sein eigenes Repertoire zu transformieren. Putin stellt sich nicht nur bei der Parade auf die Tribüne, sondern läuft auch an der Spitze mit.»

Dass 70 Jahre nach dem Krieg überall auf der Welt dieser Wandel zum persönlichen Gedenken stattfindet, führt der Berliner Forscher auf den Generationenwechsel zurück: Immer weniger Menschen, die den Krieg erlebt haben, sind noch am Leben. Ihre Kinder aber wollen die Erinnerung an ihre Kinder weitergeben.

«Die Enkel sind am aktivsten in dieser Gedenkbewegung», sagt Gabowitsch. Vielleicht, weil die Kinder den Veteranen emotional zu nah waren und Rücksicht auf die Gefühle ihrer Eltern nahmen: «Die Enkel aber wollen etwas herausfinden.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.03.2017, 11:10 Uhr

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