Spanien, das vermeintliche Vorbild

Die jüngsten Wachstumszahlen täuschen, Spanien wird noch bis 2020 Staatsdefizite verzeichnen. Das Beispiel zeigt, dass Sparschnitte, wie sie in Griechenland getätigt werden, die Krise weiter verschärfen.

Olé! Ein Tourist lässt sich  in Madrid hinter einem traditionellen Torero-Kostüm fotografieren. Foto: Sergio Perez (Reuters)

Olé! Ein Tourist lässt sich in Madrid hinter einem traditionellen Torero-Kostüm fotografieren. Foto: Sergio Perez (Reuters)

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Während Griechenland zum grossen Sorgenkind der Eurozone geworden ist, wird Spanien immer wieder als Musterbeispiel dafür genannt, dass harte Sparmassnahmen wirksam sein können. Einer genaueren Betrachtung hält diese Einschätzung allerdings nicht stand. Die positive Einschätzung zu Spanien nährt sich vor allem aus den Wachstumsraten gemessen am Bruttoinlandprodukt der vergangenen Jahre. 2014 hat Spaniens Wirtschaft um 1,4 Prozent zugelegt und damit sogar deutlich stärker als die Eurozone im Durchschnitt (0,9 Prozent). Griechenland brachte es im Vorjahr auf ein Wachstum von 0,8 Prozent. Für das laufende Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds den Iberern sogar ein Wachstum von 2,5 Prozent. In Griechenland ist eine Rezession nach den jüngsten Entwicklungen unvermeidlich.

Aus diesen Zahlen lässt sich aber keineswegs auf einen Erfolg von Sparmassnahmen schliessen. Dazu müssen diese und ihr Einfluss auf die Wachstumsraten verglichen werden. Und hier ist Griechenland sehr viel weiter gegangen als Spanien. 2009, im ersten Jahr nach der Finanzkrise, wies Griechenland ein Staatsdefizit von 15,2 Prozent gemessen am BIP aus. Seither hat das Land das Defizit jedes Jahr verkleinert – bis auf 2,8 Prozent im Jahr 2013, dem letzten Jahr mit gesicherten Daten. Einsparungen haben das Defizit also um 12,4 Prozent verringert. Dies gemessen an einem Brutto­inlandprodukt, das im gleichen Zeitraum real um 22,6 Prozent eingebrochen ist. Bereinigt man die Zahlen um den Konjunktureinfluss, hat sich das sogenannte strukturelle Budget Griechenlands von 2009 bis 2013 sogar um 20,8 Prozent verbessert. Im letzten Jahr hat in dieser Betrachtung ein Überschuss von 2,2 Prozent resultiert.

Bescheidene Bemühungen

Dagegen nehmen sich die Bemühungen Spaniens geradezu bescheiden aus: Die Verringerung des Defizits zwischen 2009 und 2013 beträgt hier nur 4,2 Prozent auf 6,8 Prozent, das strukturelle Defizit hat sich um 6,5 Prozent auf 3 Prozent verringert. In diesem Zeitraum ist die spanische Wirtschaft denn auch «nur» um 3,9 Prozent preisbereinigt ­geschrumpft.

Zieht man die Kosten für die Zinsen ab, was zum Primärsaldo und damit zu einem besseren Massstab für die von einer Regierung beeinflussbaren Sparmassnahmen führt, zeigt sich wieder, dass Griechenland den Gürtel deutlich enger geschnallt hat als Spanien. Während Letzteres in dieser Betrachtung 2013 ein Defizit von 4 Prozent ausgewiesen hat, war es in Griechenland ein Überschuss von 1,2 Prozent – einer der höchsten der Eurozone.

Der Vergleich der Sparmassnahmen und der Wachstumsraten zwischen diesen beiden Ländern zeigt bereits, dass die Behauptung nicht stimmen kann, dass Sparmassnahmen letztlich zu höheren Wachstumsraten führen. Der Blick auf die Zahlen verdeutlicht ausserdem, dass Spanien keineswegs so gut dran ist, wie es die jüngsten Wachstumszahlen vermuten lassen: Die Arbeitslosenquote liegt noch immer bei 22,5 Prozent. Gemäss den Prognosen des IWF wird das Land noch bis 2020 Staatsdefizite verzeichnen. Die Staatsverschuldung wird demgemäss bis 2017 auf 100 Prozent ansteigen – wieder gemessen am BIP.

Das grösste Problem Spaniens war und ist allerdings nicht die Verschuldung des Staates, sondern die der Privaten inklusive der Unternehmen. Die hohe private Verschuldung stellt ebenfalls ein wesentliches Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung dar. Wie das Beispiel von Griechenland ausserdem zeigt, können sich optimistische Wachstumsraten rasch verflüchtigen. Noch im April hat der Währungsfonds auch diesem Land im laufenden Jahr ein Wachstum von 2,5 Prozent prognostiziert.

Staatsausgaben sind neben dem Konsum, den Investitionen und den Nettoexporten (Exporte minus Importe) Teil der Gesamtnachfrage. Von ihnen hängt die Konjunkturlage und die davon beeinflusste Arbeitslosigkeit ab. Fährt der Staat seine Ausgaben herunter, sind ein unmittelbares geringeres Wachstum und eine steigende Arbeitslosigkeit nicht überraschend.

Keine Notenbank steht bereit

Dennoch ist es möglich, dass die Sparmassnahmen die Gesamtnachfrage nicht belasten: Geringere Staatsausgaben führen gewöhnlich zu tieferen Zinsen, was die Investitionen und den Konsum befeuern kann. Auch eine unabhängige Notenbank hilft hier normalerweise durch gezielte Leitzinssenkungen mit. Das führt auch zu einer schwächeren Währung und damit via steigende Exporte und sinkende Importe zu einer wachsenden Inlandnachfrage.

In der europäischen Währungsunion kommen diese positiven Nebeneffekte allerdings kaum zum Tragen. Für die krisengeplagten Länder steht keine Notenbank bereit, die gemessen an ihren Ansprüchen die Zinsen senken kann. Diese sind ausserdem schon am Minimum angelangt. Da eine unabhängige Währung fehlt, ist auch keine Abwertung möglich. Hinzu kommt, dass die hohe Verschuldung und die schwierige Wirtschaftslage gegen zusätzliche Investitionen und Konsum bei tieferen Zinsen sprechen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.07.2015, 23:24 Uhr)

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