Terror gegen das eigene Volk

Das Erbe von Stalin lastet nach wie vor auf Russland. Dies zeigt der renommierte Experte Oleg Chlewnjuk in einer neuen Stalin-Biografie.

Der Stalinismus wird zum Mythos: Demonstration zu Ehren des «Wodsch». Foto: David Mdzinarishvil (Reuters)

Der Stalinismus wird zum Mythos: Demonstration zu Ehren des «Wodsch». Foto: David Mdzinarishvil (Reuters)

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In Stalins Bibliothek befanden sich 397 Bücher, in denen der Diktator Randbemerkungen und Unterstreichungen hinterliess. Der ehemalige Seminarist las vor allem und immer wieder die Werke seines Vorgängers Lenin wie ein Scholastiker die Bücher der Bibel: «Sehen wir mal nach, was Wladimir Iljitsch zu der Angelegenheit zu sagen hat», sagte er oft und fand schnell eine nützliche Stelle. Von Karl Marx und Friedrich Engels besass er 13 Werke; Engels kritisierte er öffentlich wegen dessen Abscheu vor der zaristischen Gewaltherrschaft. Stalin hingegen hatte eine Schwäche für Peter den Grossen und Iwan den Schrecklichen. Belletristik interessierte ihn kaum; er hatte nur wenige Klassiker der russischen und europäischen Literatur gelesen.

Mehr als 20 Millionen in den Lagern

Solche Details machen die Lektüre der neuen Stalin-Biografie von Oleg Chlewnjuk zum Vergnügen, obwohl ihr Gegenstand ein Monster war, von dessen Wüten sich Russland bis heute nicht erholt hat. Allein die Opferzahlen übersteigen jedes Vorstellungsvermögen: Zwischen 1930 und 1952, als Stalin in der Sowjetunion beinahe unumschränkt herrschte, wurden «im Durchschnitt jedes Jahr mehr als eine Million Menschen erschossen, inhaftiert oder in nahezu unbewohnbare Gebiete der ­Sowjetunion deportiert».

20 Millionen Menschen wurden zu Haft in Lagern, Strafkolonien und Gefängnissen verurteilt, 6 Millionen zu «administrativer Verbannung». 800'000 Menschen wurden nach amtlichen Unterlagen erschossen; hinzu kamen Hunderttausende, die zu Tode gefoltert wurden, und Millionen, die in den Lagern an Überarbeitung, Hunger, Kälte und Krankheit starben. Diese Zahlen schliessen nicht die Opfer der politisch verursachten Hungersnöte ein, denen allein 1932 und 1933 5 bis 7 Millionen Menschen zum Opfer fielen, besonders in der Ukraine, wo der Hunger gezielt als Strafe gegen die Bevölkerung eingesetzt wurde.

Renaissance des Stalin-Kults

Trotz dieses ungeheuren Aderlasses erlebt der Stalin-Kult in Putins Russland eine Renaissance: «Eine kunterbunte Schar von Autoren trägt dazu bei, dass der Stalinismus zu einem Mythos stilisiert wird», schreibt Chlewnjuk. «Die Wirkung dieses machtvollen ideologischen Angriffs auf den Verstand der Leser wird durch die Verhältnisse im ­heutigen Russland – grassierende Korruption, empörende soziale Ungleichheit – noch verstärkt.» Nostalgie ist ein mächtiger Faktor bei der ­Geschichtsschreibung.

Chlewnjuk, der sich als Forscher am Staatsarchiv der Russischen Föderation wie kein Zweiter in den Dokumenten aus der Stalin-Ära auskennt, weist akribisch nach, dass Stalin persönlich den Terror gegen sein eigenes Volk und gegen fremde Völker initiierte, leitete und kontrollierte. Er fragt auch nach den Motiven Stalins, die er weder in kindlichen Traumata noch in späterer Paranoia sucht und die er auch nicht mit wolkigen Begriffen wie dem «Bösen» oder dem «Totalitarismus» umschreibt, sondern in Stalins Ideologie und Staatsverständnis findet.

Stalin war Kommunist. Das zu sagen, klingt selbstverständlich, wird aber oft beschwiegen. Er hasste den Kapitalismus, den Privatbesitz, das Geld, den Markt und alles, was damit zusammenhing. Für ihn war «der Staat, den die Bolschewiki schufen, ein Absolutum» und keinerlei Beschränkungen unterworfen, da er «die ultimative Wahrheit des historischen Prozesses verkörperte».

Produktiver Zwang

Wie Chlewnjuk schon in seinem Gulag-Buch gezeigt hat, war Stalin überzeugt, dass der Zwang ökonomisch produktiver sei als Eigeninitiative. Wenn die Ergebnisse ihm nicht recht gaben, lag das daran, dass die Verantwortlichen aus Mangel an kommunistischer Überzeugung nicht genügend Zwang angewendet hätten. «Von allen verfügbaren Methoden zur Lösung politischer, sozialer und wirtschaftlicher Konflikte bevorzugte er den Terror, und er sah keinen Grund, sich dabei zu mässigen.»

Im Gegenteil. Stalins originärer Beitrag zur Theorie des Marxismus-Leninismus bestand in der «Entdeckung», dass sich die Klassenkämpfe beim Aufbau des Sozialismus nicht etwa abschwächen, sondern verschärfen, weil sich die vielfältigen «Feinde» verzweifelt gegen ihren Untergang wehren. So musste also jeder Fortschritt notwendig von neuen Repressionen begleitet sein; und umgekehrt war die Verschärfung der Repressionen ein Indiz für den Fortschritt des Sozialismus. Warum wären sie sonst nötig, wenn nicht, um den Feinden das Rückgrat zu brechen?

Dabei konnte Stalin durchaus auf die Erfahrungen der Partei unter dem Zarenregime rekurrieren: Die Repression war stark genug gewesen, um die Menschen in die Revolte zu treiben, aber nicht konsequent genug, um die Feinde – wie etwa die Bolschewiki – ein für alle Male auszuschalten. Diesen Fehler wollte Stalin nicht wiederholen.

Feinde vorbeugend ausschalten

Da die Partei aufgrund ihrer Kenntnisse der historischen Gesetzmässigkeiten mit dem Widerstand der Feinde rechnete, war es auch nicht nötig, mit der Repression zu warten, bis sich die Feinde zeigten oder gar aktiv wurden: Sie konnten und mussten vorbeugend ausgeschaltet werden. So bekam auf dem Höhepunkt des «Grossen Terrors» 1937/38 jede Parteigliederung regelmässig ein Plansoll mit der Zahl der Menschen, die mittels gefälschter Beweise zu enttarnen, zu verhaften, zu verhören und nach abgelegtem Geständnis zu liquidieren waren.

Das System funktionierte: Jede Eigeninitiative wurde erstickt. Partei, Regierung, Verwaltung, Armee und Gesellschaft unterwarfen sich dem Willen des Führers, des «Wodsch». Am Morgen des 1. März 1953 erlitt Stalin vermutlich einen Schlaganfall und verlor dabei die Sprache. Am 5. März starb er; lange traute sich niemand von seinen Bediensteten, das Schlafzimmer des Diktators zu betreten.

Die materiellen und mentalen Folgen des Stalinismus waren verheerend und wirken bis heute nach. Reformer wie Chruschtschow, Gorbatschow oder Jelzin sind am Erbe Stalins gescheitert. «Ein beträchtlicher Teil der russischen Gesellschaft sucht in der stalinistischen Vergangenheit nach Lösungen für die Gegenwart», stellt Chlewnjuk fest und fragt beklommen: «Kann es sein, dass Russland im 21. Jahrhundert in Gefahr schwebt, die Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen?»

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biografie. Aus dem Englischen von Helmut Dierlmann. Siedler, München. 590 Seiten, ca. 43 Fr.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.10.2015, 11:20 Uhr)

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