Qualvolle Irrfahrt über das Mittelmeer

Tausende Rinder liegen tief in ihren Exkrementen, atmen schwer und haben entzündete Augen: Tierschützer dokumentieren den hohen Preis des florierenden Tierhandels.

Nach sechs Tagen auf dem Schiff von Kroatien nach Ägypten: völlig verdreckte junge Bullen. Foto: Animal Welfare Foundation

Nach sechs Tagen auf dem Schiff von Kroatien nach Ägypten: völlig verdreckte junge Bullen. Foto: Animal Welfare Foundation

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Am sechsten Tag wird die Lage der Tiere auf dem Schiff immer kritischer. Kurz vor dem Ziel in Ägypten zeigt das Thermometer unter Deck 30,3 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit erreicht 92 Prozent. Viele Rinder liegen tief in ihren Exkrementen, sind völlig verdreckt. Einige sind verletzt, andere zeigen deutliche Zeichen einer Infektion. Rotz tropft ihnen aus der Nase, die Augen haben sich entzündet, sie atmen schwer.

Szenen wie diese sind offenbar keine Seltenheit. Tierschützer haben sie im vergangenen Herbst bei einer Überfahrt von Kroatien nach Ägypten aufgenommen. Zwei Jahre lang hat die Organisation Animal Welfare Foundation solche Schiffstransporte von europäischen Häfen in Länder ausserhalb der EU beobachtet und zahlreiche Tierschutzprobleme und Verstösse gegen EU-Recht dokumentiert. Das zeigt ihr Abschlussbericht, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet.

Einige sind verletzt, andere zeigen deutliche Zeichen einer Infektion. Rotz tropft ihnen aus der Nase, die Augen haben sich entzündet, sie atmen schwer.

Insgesamt sechs Tage, so lange ist das Schiff vom kroatischen Hafen Rasa nach Alexandria unterwegs. Drei trächtige Kühe verenden bereits während der ersten vier Tage. Bis zum Ende des Transports steigt die Zahl der toten Tiere auf neun, auch weil es keine geeigneten Medikamente an Bord gibt. Endlich angekommen, müssen die Tiere drei weitere Tage auf dem Schiff bleiben. Neben Bullen, männlichen Kälbern und Kühen ist auch eine Gruppe italienischer Büffel dabei, die grundsätzlich nicht nach Ägypten eingeführt werden darf.

1678 Tiere sollen rasch an Bord

Bilder wie diese zeigen die Schattenseite eines Exportbooms, den Agrarverbände und Politik als grosse Erfolgsgeschichte betrachten. Lebende Schlacht- und Zuchttiere aus der EU sind im gesamten Mittelmeerraum gefragt. Frankreich, die Niederlande, Ungarn und Deutschland stehen auf der Liste der Lieferländer weit oben. Zu den wichtigen Importeuren gehören nach Angaben des Statistischen Amtes der EU die Türkei, der Libanon, Algerien und Ägypten. Rinderexporte in diese Region haben sich in den vergangenen drei Jahren beinahe verdoppelt, auf 650’000 Tiere. Gesamtwert 2016: mehr als 800 Millionen Euro.

Beim Beladen des Schiffs, das am 8. Oktober den Hafen von Rasa verlässt, muss es schnell gehen. Volle Lastwagen stehen Schlange am Quai. Über eine steile Rampe werden die Tiere an Bord getrieben. Laut Frachtunterlagen sind es genau 1678 Stück. Tierärzten im Hafen bleibt kaum Zeit zu prüfen, ob sie gesund sind, obwohl das vorgeschrieben ist. Manche Rinder geraten in Panik, springen auf andere auf oder verkeilen sich im Gestänge.

Im Schiffsbauch ist es eng und dunkel. Auf den Aufnahmen sind rostige Boxengitter mit geborstenen Metallstücken zu sehen, an denen sich Tiere verletzen können. Die blanken Metallböden sind nur spärlich mit Streugut bedeckt, sodass die Tiere kaum Halt finden. Eines von fünf Decks ist so niedrig, dass die Kälber dort nur schwer von den Arbeitern mit Wasser und Futter versorgt werden können.

Dem Willen der Schiffsbesatzung überlassen

«Ab den europäischen Häfen wird europäisches Recht systematisch gebrochen, ab hier endet jede Kontrollmöglichkeit», kritisiert Iris Baumgärtner von der Animal Welfare Foundation. Sie beobachtet Tierexporte seit Jahren und schult auch deutsche Polizeibeamte für Strassenkontrollen. Ab dem Hafen seien die Tiere oft dem «good will», dem Wohlwollen der Schiffsbesatzungen, überlassen, meint sie. Dabei verlangen die Regeln der EU, dass Exporteure für das Wohlergehen der Tiere bis zum Ziel sorgen müssen. Der EU-Gerichtshof hat dies 2015 in einem Urteil klargestellt. Doch in der Realität werde das kaum eingehalten, sagt Baumgärtner. Was nach dem Ablegen aus einem EU-Hafen geschehe, werde von den Mitgliedstaaten nicht mehr kontrolliert. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 18:55 Uhr

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