Wie in den alten Zeiten

Fast jeder zweite Österreicher wünscht sich einen starken Mann an der Spitze des Staats. Denn die Nazis seien gar nicht so schlecht gewesen.

Fast ein Drittel der Österreicher kann der Nazizeit auch Gutes abgewinnen: Einmarsch der Deutschen 1938. Foto: Bundesarchiv

Fast ein Drittel der Österreicher kann der Nazizeit auch Gutes abgewinnen: Einmarsch der Deutschen 1938. Foto: Bundesarchiv

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Mancher verwirrte Österreicher mochte sich an den Film «Tatsächlich Liebe» erinnert fühlen, in dem der liebeskranke Hugh Grant als britischer Premier an Londoner Haustüren klingelt und Weihnachtslieder singt. In Wien war dieser Tage Kanzler Christian Kern für die SPÖ als Pizzabote unterwegs und lieferte bei überraschten Kunden in Jogginghose und Häschenschlappen Kartons mit Pizza Margherita oder Diavolo aus. Er wolle, sagt Kern, zu den Menschen gehen, besser verstehen, was sie bewegt, intensiver zuhören, sie ernst nehmen. Der gut gemachte SPÖ–Film funktioniert im Netz, aber ob solche PR-Botschaften überhaupt noch etwas bewirken, ist fraglich. Denn eine am Donnerstag in Wien vorgestellte Studie zu «NS-Geschichtsbewusstsein und autoritären Einstellungen in Österreich» zeigt just das Gegenteil: Immer mehr Bürger fühlen sich unverstanden und missachtet, sie wenden sich von der Demokratie, den politischen Parteien und ihren Protagonisten ab, sie sind verunsichert, apathisch, enttäuscht.

Die Befragung, die 2007 erstmals durchgeführt wurde, zeigt: 23 Prozent aller Österreicher wünschen sich einen «starken Führer», der sich nicht um demokratische Wahlen und Parlamente kümmern muss. Vor zehn Jahren sagten das nur 14 Prozent. Und auch die Zahl derer, die sich nicht gleich einen Wechsel des politischen Systems, aber doch einen Haudrauf an der Macht wünschen, ist seit 2007 gestiegen: 43 Prozent, also fast jeder Zweite, halten heute einen starken Mann an der Spitze für wünschenswert. Die Forderung nach einer harten Law- and-Order-Politik wird immer lauter, die Zufriedenheit mit der Demokratie geht zurück.

Bildung, Bildung, Bildung

Wirklich alarmiert zeigten sich die Forscher um den Zeithistoriker Oliver Rathkolb und das Sora-Institut bei der Sicht auf den Nationalsozialismus: Nur die Hälfte aller Österreicher findet, dass «der Nationalsozialismus nur oder grossteils Schlechtes gebracht hat», erschreckende 31 Prozent sehen auch Gutes in der Zeit der Nationalsozialisten. Auffällig sei, so Historiker Rathkolb, dass weit mehr Befragte mit niedriger Bildung der Nazi-Zeit Positives abgewinnen könnten als Akademiker. Gar dramatisch sei, dass vor allem junge Leute gar keine Meinung hätten: Immerhin ein Drittel der unter 35-Jährigen wusste nichts über das Dritte Reich oder den Anschluss Österreichs; oder sie wollten zumindest nichts sagen.

Die Befunde der Befragung sind ohne Zweifel problematisch, und das kleine Österreich ist ein Spiegel der Zeit. Was tun? Allein mit Pizza-Austragen ist es jedenfalls nicht getan, auch wenn die SPÖ vermeldet, dass die Aktion ein Mega-Erfolg auf Facebook und «in aller Munde» sei. Die Forscher plädieren eher für nachhaltige Massnahmen: Bildung, Bildung, Bildung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 23:30 Uhr

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