«Wiederaufbau war für mich Fälschung»

Regula Lüscher bestimmt seit zehn Jahren mit, wie Berlin gebaut wird. Die Schweizerin erklärt, warum das schwieriger ist als in Zürich oder Hamburg.

«Mein Blick ist unideologisch, weil es nicht meine Geschichte ist», sagt Regula Lüscher. Foto: Anne Schönhartig (Ostkreuz)

«Mein Blick ist unideologisch, weil es nicht meine Geschichte ist», sagt Regula Lüscher. Foto: Anne Schönhartig (Ostkreuz)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben früher Ärger und Erfolge mit roten Blitzen und Ausrufezeichen auf Ihren weissen Badezimmerkacheln festgehalten. Sind da jetzt, nach zehn Jahren im Amt als Senatsbaudirektorin, mehr Blitze oder mehr Ausrufezeichen?
Eindeutig mehr Ausrufezeichen. Weil ich mittlerweile gut vernetzt bin und die Themen kenne, erreiche ich mit gleich viel Energie einen höheren Output. Und mir wird viel mehr Vertrauen entgegengebracht als zu Beginn. Es geht lockerer von der Hand.

Man entspannt sich auch selbst.
Ja. Ich bin jetzt nach zehn Jahren wieder die gleich offene Person, die ich war, bevor ich hierherkam.

Wie schwer war der Anfang?
Hier herrscht eine ganz andere Kultur, ich musste mich erst einleben. Und dann musste ich langsam herausfinden, wie man sich so geben kann, wie man tatsächlich ist, ohne unangepasst oder unintegriert zu wirken. Es war mir schon bewusst, dass ich mich hier neu erfinden muss, um erfolgreich zu sein.

Wie wurden Sie aufgenommen?
Offen und herzlich. Schweizer sind hier mehrheitlich beliebt, das hat mit ihrer Wesensart zu tun. Einer Schweizer Architektin eilt zudem typischerweise ein gewisses Renommee voraus.

Und was haben Sie nun von den Berlinern übernommen?
Direktheit. Härte. Zuweilen den Mut zu «quick and dirty», weil es nicht anders geht: Hier gibt es keine Kür. Die Berliner haben viel Humor. Aber ich musste mich ihm erst annähern, weil er sich hinter einer gewissen preussischen Strenge verbirgt. Heute bin ich in diesem Humor zu Hause.

Was war in diesen zehn Jahren ­ das grösste Ärgernis, der schlimmste Blitz?
Der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Staatsoper hat mich am meisten Energie gekostet.

Die Sanierungskosten von einer Viertelmilliarde Euro wurden massiv überschritten, die Bauzeit verdoppelte sich.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass mir etwas Besseres als dieser Ausschuss gar nicht hätte passieren können. Da ich die letzte Überlebende war, die für die Sanierung der Staatsoper politisch verantwortlich war – alle anderen waren längst aus dem Amt geschieden –, hätte es nahegelegen, mir alle Schuld aufzuladen. Stattdessen bin ich ganz unbeschadet aus der Untersuchung herausgekommen. Der Ausschuss hielt fest, dass es nicht primär die Bauverwaltung war, die schlecht gearbeitet hatte.

Was war der grösste Erfolg?
Es gibt drei grosse Ausrufezeichen: Das erste ist das Kulturforum, der Raum zwischen Philharmonie, Neuer National­galerie, Gemäldegalerie und Staatsbibliothek. Ich bin stolz darauf, dass ich den Mut hatte, zunächst lange abzuwarten, obwohl ich von vielen Seiten bedrängt wurde, und erst dann einem Wettbewerbsverfahren zuzustimmen, als klar war, was wir da eigentlich wollen. Jetzt haben wir die Chance, mit einem herausragenden Museumsprojekt von Herzog & de Meuron die komplexe städtebauliche Situation dort zu lösen. Das zweite hat mit der historischen Mitte der Stadt zu tun, also dem städtebaulich heftig umkämpften Raum um das Rote Rathaus. Da ist es mir gelungen, in einem sehr aufwendigen Beteiligungsverfahren zehn Bürgerleitlinien für die Gestaltung auszuarbeiten, die vom Berliner Parlament nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern sogar mit grosser Mehrheit beschlossen wurden.

Und das dritte?
Ich habe im grössten Stadtentwicklungsgebiet, das ich verantworte, am Hauptbahnhof, vor dem Regierungswechsel noch alle Bebauungspläne durchs Parlament gebracht, als abgeschlossenes Paket. Ich konnte zum Ende der Legislatur also alles beenden, was ich mir vorgenommen hatte.

Ein grosses Ausrufezeichen hat gerade Hamburg mit der Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron gesetzt: Sie verleiht der Stadt ein modernes Gesicht, man nennt den Bau bereits einen ­Leuchtturm des 21. Jahrhunderts. Warum steht dieser Leuchtturm in Hamburg und nicht in Berlin?
Es ist nicht so, dass Berlin kein modernes Gesicht hätte – es zeigt sich nur nicht, wie jetzt in Hamburg, in einem einzelnen Projekt. Das neue Regierungsviertel an der Spree mit Bundeskanzleramt, Reichstag und den verschiedenen Bundestagsgebäuden ist aus meiner Sicht sehr wohl ein Leuchtturm modernen Bauens, auch wenn er in den Medien nicht so wahrgenommen wird. In einer modernen Demokratie den Mut zu einem gewissen Monumentalismus zu haben, also zu Grösse und Repräsentativität, der architektonisch dann gleichwohl zum Ausdruck einer zutiefst demokratischen Gesellschaft wird, das halte ich für eine grosse Leistung.

Dennoch strahlen diese Bauten nicht weit über Berlin hinaus.
Man darf nicht unterschätzen, wie sehr Berlin als Stadt immer noch daran ist, sich selber zu finden. Ost und West sind sehr beschäftigt, zusammenzuwachsen, auch wenn man dieses Bemühen vielerorts kaum mehr wahrnimmt. Diese ideologischen Debatten prägen, erschweren und komplizieren viele Projekte enorm. Berlin ist nach wie vor ein Sonderfall.

Der Leuchttürme wie die Elbphilharmonie verunmöglicht?
Damit ein Gebäude ein Jahrhundert-Bauwerk wird wie der Eiffelturm oder die Oper von Sydney, braucht es ganz viele spezielle Konstellationen. Entsprechend selten kommt es vor.

«Es existiert ein starkes Bedürfnis, gewisse Zeugen der Geschichte wieder räumlich und haptisch vor sich zu haben.»Regula Lüscher

Vom neuen Flughafen, der nicht fertig wird, wollen wir nicht reden, weil er nicht in Ihrer Verantwortung liegt. Aber: Warum ist das Bauen in Berlin generell so schwierig?
Berlin ist Hauptstadt, gleichzeitig ein Land und eine Grossstadt aus zwölf Bezirken mit eigenen Verwaltungen, Regierungen und Parlamenten. Ich als Senatsbaudirektorin bin zwar für die ganze Stadt zuständig, direkt verantwortlich aber nur in wenigen Bereichen. Ich kann zwar über die Landesregierung, den Senat, Projekte an mich ziehen. Das macht man aber eher ungern, weil das zu grossen Konflikten mit den Bezirken führt. Die Verwaltungsstruktur ist also ausserordentlich kompliziert. Zudem sind die Verwaltungen nach Jahrzehnten ausgeprägter Sparpolitik völlig überaltert und überfordert. Berlin ist sehr gross, mit 3,5 Millionen Einwohnern: Beteiligungsprozesse haben eine andere Dimension als in Zürich oder Basel. Schliesslich: Bis vor kurzem hatte die Stadt kaum Geld, überall wurde gespart, alle Bauprojekte waren notorisch unterfinanziert.

In Berlin ist alles Bauen immer historisch überfrachtet: das preussische Erbe, die Bestände der Gründerzeit, die Nazizeit, die ­Verluste nach der Zerstörung 1945, die Zäsur der Teilung, die DDR- und die West-Berliner Moderne, das zeitgenössische Bauen nach der Wende. Diese Brüche machen Berlin für Touristen so interessant und gleichzeitig das Bauen so umstritten. In welchem Verhältnis sollten die historischen Schichten stehen?
Es gibt im Spannungsfeld zwischen Zerstörung, Erinnerungskultur und Vergessenwollen in dieser Stadt keinen Common Sense darüber, wie man mit den verschiedenen Schichten umgehen will. Das erstaunt mich immer wieder. Berlin ist architektonisch offensichtlich eine historisch gemischte Stadt. Das ist sogar das eigentlich Besondere an ihr. Sie sollte nur auch dazu stehen. Aber offenbar ist vor allem die Distanz zur jüngsten Geschichte noch nicht gross genug, um sich darauf zu einigen.

Es heisst, dass Sie vor allem am Erhalt der DDR-Moderne und dem zeitgenössischen Bauen interessiert seien. Für den Wiederaufbau des preussischen Berlin, etwa des ­Stadtschlosses, hätten Sie dagegen wenig übrig. Stimmt das?
Ja, das gibt meine Überzeugung gut wieder. Als ich aus der Schweiz nach Berlin kam, aus einem Land, das nicht damit konfrontiert ist, dass Geschichte nicht mehr sichtbar ist, weil sie zerstört wurde, brachte ich eine feste Überzeugung mit: keine Rekonstruktionen. Wiederaufbau war für mich Geschichtsfälschung. In Berlin musste ich meine radikale Haltung differenzieren. Es war eine Folge davon, dass ich mich mit der Stadtgesellschaft auseinandergesetzt habe. Ich bin immer noch der Meinung, dass die besten Zeugen der Geschichte die Originale sind. Nichtsdestotrotz . . .

Berlin rekonstruiert ohne Ende.
Nicht nur Berlin, das ist in allen Städten Deutschlands ein grosses Thema. Das Bedürfnis, gewisse Zeugen der Geschichte wieder räumlich und haptisch vor sich zu haben, ist stark, weil diese das Erinnerungsvermögen stimulieren und die Bürger mit dieser Hilfe ihre Stadt wieder besser lesen können. Selbst beim zeitgenössischen Bauen gibt es eine grosse Vorliebe für historisierende Architektur. Sie spiegelt eine Sehnsucht, alte Zeiten und deren vermeintliche Gewissheiten zurückzuholen.

Haben Sie als Schweizerin einen unbarmherzigeren Blick darauf?
Mein Blick beispielsweise auf die Architektur der Nachkriegsmoderne, ob West oder Ost, ist unideologisch, weil es nicht meine Geschichte ist. Niemand aus meiner Familie war in der Staatssicherheit oder hat unter ihr gelitten. Ich habe keine Vorbehalte, Zeugen aus der DDR-Baugeschichte zu erhalten, weil ich sie nicht politisch, sondern als Architektin und Stadtplanerin werte. Aber ich anerkenne, dass eine Stadtgesellschaft nicht so leicht von ihrer Geschichte ­abstrahieren will und kann.

Berlin sucht den Weg im richtigen Umgang mit seiner Geschichte. Ich kenne aber auch keine Stadt, die sich so selbstzerfleischend ihrer Geschichte stellt.Regula Lüscher

Berlin ist eine Stadt, der seit dem Krieg die Mitte fehlt. Nun baut man dort teils das 18. Jahrhundert wieder auf. Findet man so eine neue Mitte?
Ich glaube, dass wir uns mit dem bereits erwähnten Mitte-Prozess und den Bürgerleitlinien auf einen guten Weg zum weniger ideologischen Umgang mit diesem Ort gemacht haben. Ansonsten muss man festhalten, dass das Humboldt-Forum, also die Rekonstruktion des preussischen Stadtschlosses, kein Beschluss Berlins oder der Berliner war, sondern des Bundestags. Richtig bleibt: Berlin sucht den Weg im richtigen Umgang mit seiner Geschichte. Ich kenne aber auch keine Stadt, die sich so intensiv, fast selbstzerfleischend ihrer Geschichte stellt. Davor habe ich eine grosse Hochachtung. Ich kann deswegen auch Rekonstruktionen nicht mehr pauschal verurteilen. Gleichzeitig wünschte ich mir, dass Berlin langsam den Weg finden würde, sich mit zeitgenössischer Architektur selbstbewusster als Hauptstadt zu zeigen.

Warum bauen die Weltstars unter den Architekten so selten in Berlin?
Der Eindruck täuscht. Fast alle grossen Architekten der Zeit haben in Berlin gebaut, bald nun zählen auch Herzog & de Meuron dazu. Die Schwierigkeit ist eher, dass man es den Bauten oft kaum ansieht, dass sie von den grossen Namen stammen.

Warum?
Berlin hat offenbar eine innere Kraft, grosse und starke Ideen, eine gewisse Kompromisslosigkeit, die ja oft das Kennzeichen herausragender Architektur ist, zu brechen. Vor einigen Tagen hatte ich eine Sitzung mit dem Büro von Herzog & de Meuron, in der wir uns mit der Kirche einigen mussten, die am Kulturforum steht. Die Sitzung dauerte dreieinhalb Stunden, und am Ende fragten mich die Architekten: «Ist das hier immer so kompliziert?»

Man sagt Ihnen Fachkenntnis, ­Hartnäckigkeit und das Talent nach, verschiedene Interessen zu ­moderieren. Dennoch: Wie haben Sie es ohne politische Hausmacht geschafft, drei Regierungswechsel zu überleben?
Das ist mein Geheimnis!

Erzählen Sie es uns.
Ich wurde als Architektin und Stadtplanerin von allen Seiten sehr schnell als Fachperson wahrgenommen, auch im Parlament. Ich galt als kompetent und eher unparteiisch. Ausserdem bin ich parteilos, was in meinem Fall ein Vorteil war. Ich hatte nie eine verdeckte Agenda und hegte auch niemals weiter gehende politische Ambitionen. Für mich war das Amt der Staatssekretärin nie ein Sprungbrett, um als Nächstes beispielsweise Bausenatorin zu werden. Ich habe mit Regierungs- und Oppositionsparteien und deren Fachleuten immer Kontakt gehalten. Gleichzeitig war ich meinen Senatoren und Bürgermeistern gegenüber immer absolut loyal, oft auch zu meinem Nachteil. Aber das spricht sich herum und schafft Vertrauen und Respekt.

Im Städtebau ist es ein bisschen wie beim Bau von Gärten: Erste Erfolge sieht man vielleicht nach zehn Jahren. Ist Kontinuität also grundsätzlich von Vorteil?
Ja. Deswegen kann man sich auch fragen, ob es richtig ist, dass eine Senatsbaudirektorin politisch gebunden ist, also immer auf dem Schleudersitz sitzt. Im Berliner Machtsystem wäre es aber anders nicht möglich. Der Nachteil ist, dass die Hälfte meiner Arbeitskraft nicht in die Stadtplanung, sondern in die politische Arbeit fliesst.

Wie sehen Sie nach zehn Jahren Berlin auf den Städtebau in Zürich zurück?
Mit fällt vor allem der unfassbare Qualitätsanspruch auf. Unfassbar aus meiner heutigen Berliner Sicht, wenn ich an die Widerstände und Schwierigkeiten denke, mit denen wir hier konfrontiert sind. Zudem wird in Zürich fast vollkommen ideologie- und politikbefreit Architektur produziert. Ich finde das nicht nur positiv.

Wo ist es ein Nachteil?
Es gibt eine ausgeprägte innerarchitektonische Diskussion, die von aussen ­völlig selbstbezogen, ja manieristisch wirkt und erstaunlich wenig gesellschaftspolitisch beeinflusst wird oder beeinflusst. Elfenbeinturm. Die beste Schweizer Architektur ist dann für mich doch jene, die sich mit gesellschaftspolitischen Fragen explizit auseinandersetzt. Die Kalkbreite von Müller Sigrist Architekten in Zürich beispielsweise ist nicht nur ein Wohnhaus, sondern auch ein zeitgenössisches Wohnkonzept. Und auch Herzog & de Meuron bauen nicht nur Museen, sondern sie beantworten die Frage, was ein Museum in der Gesellschaft leisten soll, neu – und zwar indem sie dafür eine herausragende Architektur finden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 19:27 Uhr

Regula Lüscher

Senatsbaudirektorin in Berlin

Regula Lüscher (55) ist in Basel aufge­wachsen, hat in Zürich an der ETH Architektur studiert, während neun Jahren ein eigenes Büro geführt und arbeitete ab 1998 für das Amt für Städtebau der Stadt Zürich, zuletzt als dessen stellvertretende Direktorin. 2007 wechselte sie als Senatsbaudirektorin im Rang einer Staatssekretärin in die Regierung des Landes Berlin. Dort dient sie mittlerweile bereits unter dem vierten Bausenator. Seit 2013 ist sie mit einem Luzerner verheiratet, seit 2016 besitzt sie neben der schweizerischen auch die ­deutsche Staatsbürgerschaft. (de.)

Artikel zum Thema

Hauptsache Backstein

In Berlin plant der Deutsche Werkbund eine ganze Stadt. Gebaut wird in Charlottenburg – von 33 verschiedenen Architekturbüros. Mehr...

Die Formenfantastin

Die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid zerriss die Traditionen der Architektur mit ihren Geometrien. Nun ist sie 65-jährig gestorben. Mehr...

Eine Scheune für die Kunst

Die Basler Architekten Herzog & de Meuron haben den Zuschlag für das Museum der Moderne in Berlin erhalten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Mit einem Klick aktuelle Trends handeln

Eröffnen Sie Ihr Trading-Konto bei Swissquote und suchen Sie sich Ihr Themen-Portfolio aus.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Zusammenhalt: ein Paar hält Händchen während einer Strassenblockade in Caracas, um gegen dir Regierung zu protestieren (24. April 2017).
(Bild: Ariana Cubillos) Mehr...