Juha testet das Grundeinkommen – macht es faul?

Finnland spielt ein Projekt mit Gratisgeld durch. Das sind die ersten Erfahrungen. Unsere Korrespondentin hat Juha Järvinen in Jurva besucht.

Juha Järvinen mit Familienhund Usva im Wohnzimmer ihres Hauses im westfinnischen Jurva. Foto: Mika Putro (EPA, Keystone)

Juha Järvinen mit Familienhund Usva im Wohnzimmer ihres Hauses im westfinnischen Jurva. Foto: Mika Putro (EPA, Keystone)

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Juha Järvinen schlittert in seinen braunen Sneakers übers Eis, mit den ausgelatschten Dingern, die er seit fünf Jahren trägt, die Jeans zerrissen, die unförmige Fellmütze, zwei Euro, secondhand, rutscht ihm ins Gesicht. Er schlittert zur Werkstatt. Dorthin, wo er es früher kaum ausgehalten hat, als alles den Bach runterging. Er will ganz neu anfangen.

Järvinen ist einer von 2000 Finnen, die ein Grundeinkommen erhalten. Sie sind ausgelost worden aus den Arbeitslosen im Land, laut Statistik über 200'000 Menschen. Für die Testteilnehmer ersetzt das Grundeinkommen das Arbeitslosengeld: 560 Euro, steuerfrei, 24 Monate lang. Järvinen bekommt nicht mehr Geld als vorher. Aber er bekommt das Geld auch dann noch, wenn er einen Job findet. Oder ein Unternehmen gründet. Die Regierung möchte so testen, ob das Grundeinkommen die Menschen faul macht oder fleissig.

In der Werkstatt liegen Bretter, Kartons mit Werkzeug, alte Türen, Dämmmaterial. Juha Järvinen (38), Vater von sechs Kindern, steht unschlüssig im Chaos, die grünen Augen weit offen, wie meistens. Früher hat er weisse Schmuckrahmen für Fenster und Türen gezimmert, mit kleinen Giebeln und Ornamenten, für die roten und gelben Holzhäuser in Finnland. Sieben Jahre lang lief das Geschäft. Doch dann hat er sich übernommen, Schulden gemacht, die Nerven verloren, die Rahmen zu billig verkauft, Steuern nicht gezahlt. Burn-out, «Sturm im Kopf», sagt er, und dass er nie gedacht hätte, so die Kontrolle zu verlieren. Wenn er seine Werkstatt betrat, musste er sich übergeben.

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Vor fünf Jahren dann der Bankrott. Weil er selbstständig war, hatte er länger auf Arbeitslosengeld gewartet. Kein eigenes Einkommen, Stress, Streit mit der Frau, «für die Kinder hat es mir leidgetan». Seine Brüder haben ihm mit Darlehen ausgeholfen. Juha Järvinen hat sich danach nicht mehr getraut, etwas Neues anzufangen. Er wollte nicht wieder alles verlieren. Jetzt hat er 560 Euro im Monat, sicher. Er hat zwei Jahre Zeit, sich auszuprobieren, als Kameramann, als Fotograf, als Webdesigner, als Trommelbauer. Es gibt viele Ideen.

Abgenutzt und gemütlich

Er rutscht über den Hof zurück ins Haus, streift die Schuhe ab, die schwarze Jacke, von der schon Fäden hangen. Darunter trägt er ein gelb kariertes Hemd, ein türkises Halstuch, bunte Armbänder, trainierte Unterarme. Die Fellmütze behält er auf. Das Haus ist eine alte Schule, 36'000 Euro, Juha und seine Frau Mari zahlen immer noch den Kredit ab. Seit zwölf Jahren leben sie hier, haben das Haus mit alten Möbeln gefüllt, mit verwunschenem Kram, Klavieren, auf denen niemand spielt, Kronleuchtern, Apothekerschränken, Uhren und Teppichen, abgenutzt und gemütlich.

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Eines der Klassenzimmer hat Juha Järvinen in einen Zirkus verwandelt. Unter die Decke hat er Seile und Strickleitern gespannt, es gibt Turnringe, Sprossenwände, ein Klettergerüst. Akseli und Elias, 13 und 12 Jahre alt, schlagen Purzelbäume auf dem Trampolin, auf dem sie neuerdings auch schlafen. Dabei steht im Erker ein himmelblaues Hochbett, dreistöckig, selbst gebaut, wie in einer Puppenstube. Ruut ist 10, sie hängt kopfüber vom Trapez, Luukas (9) und Aamos (4) wohnen auch hier. Die 15-jährige Armi hat ihr eigenes Zimmer.

Mittendrin, auf einem Matratzenstapel, liegt Usva, das bedeutet Nebel, halb Husky, halb Wolf, ein riesiges Tier.

Der Vater ist gut darin, Dinge zu entwerfen. Unlängst hat er für den Freund eines Schwagers ein Firmenlogo entworfen. Der Mann wollte ihn dafür bezahlen, aber Juha Järvinen hat abgelehnt. «Selbst 50 Euro hätten für mich nur Stress bedeutet», sagt er. Jeder verdiente Euro wird von der Arbeitslosenhilfe abgezogen. Die Regierungsbehörde Kela weist zwar auf den Frei­betrag hin, 300Euro vor Steuern. Doch Järvinen hatte Angst davor, wieder aus dem Sozialversicherungssystem zu fallen. Mit dem Grundeinkommen ändert sich das alles.

Den entscheidenden Brief hebt er im Küchenschrank auf. Dort stehen auch alle Sozialversicherungsnummern der Kinder, innen an die Schranktür geklebt. Als der Brief Ende Jahr kam, war Juha Järvinen vorbereitet. Seit Monaten hatte er alles über das Experiment gelesen und gehofft, so sehr gehofft, dass er ausgelost würde. Er wusste, dass die Chancen etwa eins zu hundert standen. Höher als beim Lotto, sagt Järvinen, und da malten sich die Menschen schliesslich auch aus, was sie mit dem Geld alles anstellen würden. Als der Brief wirklich kam, war er mit dem Jüngsten allein zu Hause, sie haben Lego gespielt. Gefühlsausbruch über Facebook: «So, so glücklich nach fünf Jahren.»

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Akseli, oder Elias – die blonden Jungs ähneln sich sehr –, kommt in die Küche und schmiert sich ein Knäckebrot, Abendessenszeit. Seit Jahren filmt der Vater seine Kinder dabei, wie sie Laternenmasten hochklettern, Saltos von Autodächern springen, Kleiderschränke erklimmen. Er schneidet Videos zusammen, legt Musik darunter. Seine Filme sind bei Youtube beliebt. Nun will er mit Hochzeits- oder Werbevideos Geld verdienen, eine seiner Geschäftsideen.

Er kann sich nicht vorstellen, dass das Grundeinkommen die Menschen träge macht, wie manche befürchten. Die meisten Leute, sagt er, würden es nicht lange auf der Couch aushalten, «nach einer Weile müssen sie einfach etwas tun, das ist menschlich». Er selbst kann nicht mal am eigenen Küchentisch still sitzen, zieht die Beine an, setzt sich auf seine Füsse, zappelt. Die Holzperlen an seinen Armbändern klackern. Die sind neu, aus Afrika, genau wie seine Halskette aus bronzenen Scheiben. Zwei Wochen war er in Senegal, ohne Kinder, das hatte er lange nicht mehr. Einer seiner Brüder hat zu Hause ausgeholfen.

Er hat eine befreundete Filmemacherin begleitet. Sie hat in Afrika ihre verlorene Familie besucht, er sollte das Wiedersehen filmen, unbezahlt natürlich. Er hat es genossen. «Ich liebe es, liebe es», sagt er, «love it, love it.» Er hat die Slums von Dakar gesehen. Menschen, die hart arbeiten, nichts haben und trotzdem glücklich sind. «In Finnland sind wir reich, auch wenn wir arm sind.» Das hat er dort gelernt.

Zu den 560 Euro Basiseinkommen kommen etwas mehr als 800 Euro Kinderzulagen und etwa 1800 Euro Nettolohn seiner Frau Mari, die als Krankenschwester arbeitet. Davon müssen sie Kredite abzahlen, die Stromrechnung, die Versicherungen, davon müssen sie satt werden. Kleider bekommen sie aus Spenden und an Lebensmitteln oft, was im Supermarkt übrig geblieben ist. Vor allem trockenes Brot, meistens mehr, als sie essen können. Dann fressen die beide Schafe den Rest.

Aus frommer Familie

Für die Arbeitslosenhilfe musste Juha Järvinen regelmässig beim Amt vorsprechen. «Ein albernes Theater», sagt er. Denn: «Es gibt keine Jobs.» Dort, wo er lebt, in Jurva, Westfinnland, werden in der Holz- und Metallindustrie Stellen abgebaut. Früher war Jurva bekannt für seine Holzschnitzereien und Stilmöbel. Doch das Jurva College of Crafts and Design hat vor zwei Jahren geschlossen. Jurva ist nicht mal mehr eine eigene Gemeinde, 2009 wurde es der Nachbar­gemeinde angeschlossen. Arbeitslosenquote Ende 2012: knapp zwölf Prozent.

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Juha Järvinen ist in Mittelfinnland aufgewachsen, die Eltern Kunstlehrer, der Vater Direktor einer Kunstschule. Lutheraner, kinderreich, er hat sechs Geschwister, seine Frau hat zwölf. Ihre Familie ist konservativer als seine, noch frommer. Der Kinderreichtum hat damit zu tun. Fürs Studieren hatte Juha Järvinen kein Sitzfleisch. Sein erster Job: Putzen in einer Metzgerei. Später hat er in Helsinki in einer Kabelfabrik gearbeitet, 1999 auf einer Silvesterparty seine Frau kennen gelernt. Sie haben ein altes Haus gekauft, Järvinen hat schöne Fensterrahmen dafür gebaut, die auch vielen anderen Menschen gefallen haben. So hat es angefangen mit seinem Geschäft.

Er hängt sich über den Tisch, greift in die Tüte mit den Erdnüssen aus Senegal. Einer seiner Söhne macht sich ein Müesli, ein anderer steckt irgendwas aus der Kühltruhe in die Mikrowelle.

Nichts in diesem Haus gehört ihm, das Haus selbst gehört seiner Frau, die Möbel den Verwandten. «Ich besitze nur, was ich am Körper trage», sagt er, wenn er einmal im Jahr zur Polizei muss, um seine Habseligkeiten aufzulisten, wegen der Gläubiger. Wie hoch sind seine Schulden? Mehr als 100'000 Euro, schätzt er, so genau möchte er das gar nicht wissen. Manche Rechnungen sind seit Jahren offen, seien von zehn auf ein paar Hundert Euro angewachsen, sagt er, «werden höher und höher, grösser und grösser». Er verdrängt das.

Bis heute sei es ihm unangenehm, sagt Juha Järvinen, nach Geld zu fragen. Er ist ein lausiger Geschäftsmann. Er ist einer der Menschen, die ihren Geburtstag nicht feiern, weil sie nicht im Mittelpunkt stehen wollen. Er lächelt verlegen. Als er nachzählen muss, wie alt er ist, schaut er weg. «Ich hab zu viel Energydrinks getrunken», sagt er, in der Burn-out-Phase war das. Deswegen sind die unteren Zähne schlecht.

Vor einiger Zeit hat er für ein Filmprojekt nach alten Schamanentrommeln gesucht, wie sie die Samen benutzt haben. Er hat viel darüber gelesen, Museen angeschrieben, aber keine auftreiben können. Da hat er sie selbst gebaut, aus Holz und Rentierleder, inzwischen sind es mehr als 20. Er hat Fotos auf Facebook veröffentlicht und Angebote aus aller Welt bekommen. Zuletzt wollte ein Brite 700 Euro für eine Trommel zahlen. Doch wenn er sie verkauft hätte, hätte er Steuern zahlen müssen und die Arbeitslosenhilfe verloren. Mit dem Basiseinkommen ist es egal.

Heilcreme für die Ferien

Wolfshund Usva kommt in die Küche und heult, er will raus. Järvinen schlüpft in die alten Schuhe und schwingt sich aufs Velo. Klar hätte er gerne Geld, um sich eine neue Jeans zu kaufen. Aber selbst wenn er die 50 Euro hätte, sagt er, «ich würde immer vergleichen, wofür ich die sonst alles nutzen könnte». Nach der Spazierfahrt zieht er die Fellmütze ab, die hatte er sogar in Afrika mit, «niemand sonst hat so eine». Im Sommer trägt er einen Zylinder, wie ein Zauberer, die Schulfreunde seiner Kinder lachen dann über ihn. Und seine Kinder lachen mit. Mit seinen Kindern rührt er Heilcreme zusammen und füllt sie in kleine Gläser. Die Kinder verkaufen die Gläser dann. So haben sie sich vergangenes Jahr ihre Sommerferien in Schweden zusammengespart.

Die Kinder machen lassen

Vorm Schlafengehen hat er versprochen, Senegal-Fotos anzuschauen. Der Laptop steht im Wohnzimmer, dort hängen seine Trommeln an der Wand, und natürlich hängen ein paar Kletterseile von der Decke. Juha Järvinen setzt sich auf den Teppich und klickt durch die Fotos, Hund und Kinder klettern um ihn herum. Sie sehen den Vater in Flipflops am Strand, mit lang gewachsenem Bart, ganz entspannt. Dann sagen sie Gute Nacht und gehen ins Bett oder aufs Trampolin. Das hat der Vater auch aus dem Internet, 30 Euro. Er wusste, dass im Herbst viele Leute ihr Trampoline loswerden wollen, bevor der erste Schnee kommt. Da hat er zugeschlagen.

«Sie verstehen gut, dass wir kein Geld haben», sagt er, als er mit dem Hund allein im Wohnzimmer auf dem Boden sitzt, der Hund grösser als der Mann. Das Wichtigste sei doch, dass die Kinder sich geliebt fühlten und beschützt, dass sie immer zu ihm kommen könnten. Das mache sie so stark, sagt er. Wegen seiner Kindervideos ist er oft von finnischen Medien interviewt worden, sollte über Erziehungsfragen sprechen. Seine Kinder seien gut in der Schule, auch die Lehrer fragten ihn, wie er das mache. Er sagt dann, dass er gar nichts mache. Er lässt die Kinder machen.

«Ich glaube, mein Leben ist ein grosser Test, mit den Kindern und allem», sagt er. «Ich bin super happy, dass es funktioniert.» Wie der Test mit dem Grundeinkommen ausgeht, wird man vielleicht in zwei Jahren wissen.

In Jurva stehen am nächsten Morgen um acht die Kinder auf, ziehen sich an, machen Frühstück, nehmen ihren Rucksack vom grossen Rucksackstapel und gehen zum Schulbus. Der Vater bleibt mit Aamos zurück, er saugt das Spielzimmer, den Jüngsten auf dem Arm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2017, 06:48 Uhr

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