Ausland
«Wütend und enttäuscht»
Von Samuel Reber. Aktualisiert am 30.12.2009 25 Kommentare
Artikel zum Thema
- Goldstone-Bericht: Israel griff Gaza-Bevölkerung an
- Schweiz fordert Uno-Gruppe für den Wiederaufbau im Gazastreifen
- Todespfeile aus Israel: Fotos bezeugen den Einsatz von Flechettes im Gaza-Krieg
- Israelische Kampfjets greifen Gazastreifen an
Stichworte
Die Aktion
Ägypten hat 100 Aktivisten aus aller Welt die Einreise zu einem Gedenkmarsch in den Gazastreifen erlaubt. Unter den Teilnehmern sind auch mehrere aus der Schweiz. Die offizielle Schweizer Delegation umfasst sechs Personen.
Die Demonstranten sollten nach Angaben der Organisatoren am Mittwochmorgen über den Kontrollpunkt Rafah in das abgeriegelte Palästinensergebiet einreisen, um an dem für Donnerstag geplanten Marsch anlässlich des ersten Jahrestages der Gaza-Offensive durch Israel teilzunehmen.
Insgesamt waren 1300 Aktivisten aus über 40 Ländern nach Kairo gereist, um von dort aus in den Gazastreifen zu gelangen. Als Hauptorganistorin gilt Code Pink aus den USA, eine US-amerikanische feministisch-pazifistische Bürgerrechtsbewegung.
Die ägyptischen Behörden hatten ihre Einreise mit Verweis auf die «sensible Lage» in dem Gebiet zunächst ganz untersagt. Nachdem einige Demonstranten in den Hungerstreik getreten waren und an mehreren Orten in Kairo protestiert hatten, einigten sich die Organisatoren und die ägyptische Regierung nun auf die Einreise einer Delegation von 100 Aktivisten.
Israel hatte am 27. Dezember 2008 die Offensive «Gegossenes Blei» im Gazastreifen begonnen, um die Raketenangriffe aus dem Gebiet auf israelischen Boden zu unterbinden, wie es von israelischer Seite hiess. Bei der dreiwöchigen Militäraktion wurden mehr als 1450 Palästinenser getötet, mehrheitlich Zivilisten.
100 Aktivisten reisen nun doch in den Gazastreifen ein. Sind Sie dabei?
Nein, ich bin nicht dabei. Viele der Delegationen boykottieren das Angebot der ägyptischen Regierung, da es Ziel war, dass alle Teilnehmer gemeinsam mit der Bevölkerung von Gaza demonstrieren. Im Moment sieht es so aus, dass ein oder zwei Busse vor Kurzem in Richtung Gaza losgefahren sind, hauptsächlich mit Leuten von Code Pink, der Hauptorganisatorin des Marsches. Eine Gruppe von Aktivisten, die gegen diesen Entscheid war, hat versucht, die Busse an der Abfahrt zu hindern.
Sind Sie enttäuscht? Wie ist die Stimmung unter denjenigen, die nun nicht einreisen dürfen?
Natürlich bin ich enttäuscht, dass die Einreise nicht klappen wird oder nur für diejenigen, die sich auf den Handel mit der ägyptischen Regierung eingelassen haben. Meiner Meinung nach sind die, die hier bleiben, grundsätzlich wütend und enttäuscht, auch weil die Aktivisten als Gruppe zersplittert wurden und dadurch die Wirkung des Marsches an Einfluss verliert. Andererseits sind gewisse Leute auch froh, dass mit den zwei Bussen die humanitären Güter, die sie von zu Hause mitgebracht haben, Gaza erreichen.
Wie geht es nun weiter, reisen Sie sogleich heim?
Ich reise wie geplant am 4. Januar nach Hause.
Vorgängig wurden mehrere Hundert Menschenrechtsaktivisten an der Einreise in den Gazastreifen gehindert. Die Busse wurden gestoppt und mussten nach Kairo zurückkehren. Wie wurden Sie von den ägyptischen Polizisten behandelt?
Ich war nicht unter den Aktivisten, die versucht haben, die Grenze individuell zu erreichen, sondern bin mit einem Grossteil der Leute in Kairo geblieben. Immer wieder sind kleinere, individuelle Gruppen gestartet, von denen jedoch keine Erfolg hatte und bis nach Gaza kam. Soviel ich weiss, stehen oder standen gewisse Leute in El Arish unter Hausarrest. Grundsätzlich ist die Militär-, Polizei- und Geheimdienstpräsenz bei den Aktionen, die hier in Kairo stattfinden, sehr gross. Es wird versucht, grössere Ansammlungen von Aktivisten einzuschüchtern, gewalttätig eingegriffen wurde bisher nicht. Offiziell sind momentan Ansammlungen von mehr als 6 Personen verboten.
Wie ist die Stimmung unter den Aktivisten? Ist es friedlich, oder sind auch militante Vertreter darunter?
Ich glaube, viele Aktivisten sind momentan sehr frustriert, die Kommunikation unter so vielen Leuten ist enorm schwierig, die Interessen und der Grad an Radikalität äusserst unterschiedlich. Rund 300 Franzosen von Europalestine haben die franzäsische Botschaft besetzt, nachdem ihnen am 27. Dezember Busse versprochen wurden, was aber nicht geklappt hat.
Einige sind in den Hungerstreik getreten. Sie auch?
Nein, ich bin nicht im Hungerstreik. Dies ist hauptsächlich eine kleine Gruppe um die Holocaustüberlebende Hedy Epstein. Ich persönlich sehe die Botschaft, die sie als Holocaustüberlebende vermitteln kann, denke aber, dass dies im grösseren Rahmen von vielen Hungerstreikenden nicht allzu sinnvoll ist.
Die Offensive der Israeli vor einem Jahr hat das Leid der Palästinenser zweifellos verstärkt. Hat man in ihrem Lager auch Verständnis für die Situation der Angreifer?
Dieser Aspekt wurde, zumindest an den Treffen, an denen ich teilnahm, nicht thematisiert.
Was möchten Sie mit dem Marsch erreichen? Was für ein Zeichen soll gesetzt werden? Der Marsch soll ein symbolisches Zeichen dafür setzen, dass Gaza und die fürchterliche humanitäre Situation der Bevölkerung durch die Blockade von der internationalen Zivilbevölkerung nicht vergessen wird. Er soll Aufmerksamkeit auf Gaza lenken zum ersten Jahrestag der israelischen Militäroffensive. Der Slogan des Marschs war oder ist «Break the Siege» (Die Belagerung durchbrechen).
Was bleibt Ihnen bisher als eindrücklichstes Erlebnis dieser Reise in Erinnerung?
Ich halte es für enorm eindrücklich, wie viele unterschiedliche Menschen hier angereist sind aus aller Welt aus Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza. Diese Begegnungen gehören sicherlich zu den guten Erinnerungen, die ich mit nach Hause nehmen werde.
*Anne-Kathrin Thürer (25) studiert Ethnologie an der Universität Zürich. Ihre Teilnahme am «Gaza Freedom March» ist Teil ihrer Lizenziatsarbeit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.12.2009, 16:36 Uhr
WRITE A COMMENT
25 Kommentare
Ich gratuliere dem Tages-Anzeiger für dieses ausgezeichnete Gespräch mit Anna-Katharina Thürer. Durch die langjährige basismedizinische Tätigkeit bei medico international schweiz kenne ich die Situation in Gaza recht gut. Den GAZA FREEDOM MARCH und die Proteste gegen die Blockade Gazas durch Israel unterstütze ich deshalb und finde es beschämend, dass die TeilnehmerInnen nicht nach Gaza gelangen Antworten
Danke Anne-kathrin ! Was sie erfahren, lässt die z.T. abschätzigen Kommentare weit hinter sich. Auch Elli Wiesel sagte: Geht nach Gaza. Es gibt NICHTS, das diese Abriegelung rechtfertigt: Wenigstens berichten jetzt Medien weltweit über die menschenverachtende israel. Politik, mit Aegypten als Helfershelfer. Der Einsatz für Gerechtigkeit und Menschlichkeit gilt für ALLE Seiten ! Antworten
@Yves Schneider Bitte Informier dich doch über den Konflikt bevor du solche Aussagen machst. Die Raketen die durch Hamas abgefeuert worden sind, sind auch wieder in Palestinensischem Land runtergekommen. Diese Siedlungen die von Hamas beschossen werden sind Landteile die Israel Illegal besetzt. Somit hat noch nie ein Raketen Angriff auf Israel stattgefunden. Antworten
weshalb verlangt man von Israel das Aufheben der Blockade? Damit Selbstmordattentäter wieder ungehindert Israelis morden können? .. Hamas hat nur ein Ziel: Israel zerstören-und denen hilft man? Shalit - ein entführter Soldat sitzt immer noch in Gaza- weshalb demonstrieren die 'bleeding hearts' nicht für seine Freilassung? Er ist halt NUR Jude- ist das der Grund? Antworten
ich frage michm wieso haben diese Menschen nie gegen die Raketenangriffe aus Gaza auf Dörfer, Bauern, Schulen, Kindergärten in Israel demonstriert?, Wieso vernimmt man kein Wort des Protestes gegen die Verschleppung von Gilat Shalit, der seit bald 5 Jahren im Gaza durch die Hamas gefangen gehalten wird? Antworten
Also ich finde es sehr spannend wie die Kommentare bis jetzt ausfallen. Warum gehen die Kritiker von Frau Tuerer nicht selber in Iran! Ich finde es sehr wichtig, dass auch Zivilcourage in den Medien gezeigt wird und nicht nur die neusten Kriege,sondern auch wirkliche Aktionen fuer Frieden. Antworten
Frau Thürers Aussagen tönen so süss und lieb, aber vor allem sooo n a i v! Warum nur gerade eine Liz-Arbeit über die "armen Gazaner" und - aktuell - nicht über die wirklich armen Iraner, die gerade jetzt das Achmadinejad-Terrorregime abzuschütteln versuchen? Warum nicht auch über all die verfolgten Araber weltweit, die von ihren eigenen Leuten terrorisiert und laufend zu Tode gebracht werden? Antworten
Solange so viel Geld von der Eu in diese Gebiete fliesst wird es nie Frieden geben. Die Palestinenser haben dadurch ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als ihre arabische Nachbarn. Sie werden sich also hüten ernsthafte Friedensbemühungen zu unternehmen, denn sobald sie einen eigenen Staat hätten müssten sie beginnen, für sich selber zu sorgen. Antworten
Vielleicht müsste Israel endlich eine andere Strategie fahren. Die des Hand reichens und in der Hilfe im Wiederaufbau, im Niederreissen der erstellten (DDR) Mauern, ungeachtet dessen, dass weiterhin Attentate verübt werden könnten, die Urheber aber konsequent verfolgen und dingfest machen, ohne militärische Demonstration der Hochhausüberlegenheit. Oder wo sollte die Unterdrückung= Hass hin führen? Antworten
Wer hier die Hamas anklagt sollte resp MUSS auch israelische Abgeordnete anklagen die in der Knesset die Shoa=Holocaust an den Palästinensern verlangen. Die die einen jüdischen Staat mit religöser Rechtssprechung verlangen. Es war Israel die Phosporbomben in unverhälnismässiger Weise anwendeten. Die die einmal Unrecht erlitten haben haben deswegen noch lange nicht das Recht Unrecht tun zu dürfen Antworten
Traurig zu sehen wie der Diktator Mubarak, der seit 1981 das Land im Ausnahmezustand regiert, wegen eigenen Interessen dem unmenschlichem Treiben nicht nur die Augen verschliesst, sondern auch noch mitspielt. Der Diktator wird vom Westen nur gedulded, da er Israel dient, jedoch kann er nicht einmal im eigenen Land ohne kugelsichere Glasscheiben ein Fussballspiel schauen. Trauriger Gaza Jahrestag Antworten
ich halte es für enorm eindrücklich, wie viele unterschiedliche Menschen sogar jedes jahr aus aller welt zb in thailand einreisen, aus solidarität mit der FRIEDLICHEN bevölkerung---dasselbe könnte ich noch von vielen vielen andern ländern behaupten---wo kann ich diese doktorarbeit abgegeben? Antworten
Chapeau! Es freut mich zu lesen wie sich eine junge Person für den Frieden einsetzt. Da ist etwas Anderes als in der Stube zu hocken und einfache Kommentare zu schreiben. Bravo, die Palästinenser brauchen Ihre Unterstützung! Bis bald in der Schweiz Antworten
bedenklich wenn sich sogenannte 'studierte' auf die falsche Seite stellen. Hams ist eine Terror Regierung welche die eigenen Leute unterdrückt und umbringt- wann werden die Leute (Schweizer) endlich gescheit? Zuerst der Iran. Präsident als hohen Gast empfangen, jetzt Hamas unterstützen- oh ja- Iran unterstützt Hamas- das geht ja wirklich im Kreise herum..die Palestiner werden sich ja krank lachen. Antworten
Hamas im Gaza und Hizbolla im Libanon sind vom Iran unterstützte Terrororganisationen. Beide haben das Ziel zuerst Israel zu vernichten und dann einen islamische Diktatur zu errichten. Diese Diktatur wäre dann Nährboden für den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Leider haben sich die Pal. bis Heute nicht von diesem Terror distanziert. Selbst Fatah will nach wie vor Israel vernichten. Antworten
Wenn selbst die Ägypter, die Brüder der Palästinenser gegen die Demo in Gaza sind, heisst das nichts anderes, als dass die Palästinenserregierung absolut nicht vertrauenswürdig ist! Und das Gejammer der Palästinenser ist nicht mehr glaubwürdig, wenn man weiss, dass die Westliche Welt Milliarden von Hilfsgeldern da hinein buttert, und dabei die andern Katastrophen in der Welt vergisst! Antworten
Was wohl an diesem "Gaza Freedom March" wissenschaftlich untersucht werden kann, um damit eine Lizentiatsarbeit zu verfassen? Die Qualität sinkt. Von welchem "israelkritischen" Professor wird so was unterstützt? Entlarvend ist die Frage nach dem Verständnis für die "Angreifer". Hm, wer griff wen an? Ist schon verdammt lange her... Tausende Raketen auf Israel sind wohl ein Friedensangebot. Antworten
Ich erwarte gespannt auf die erste arabische Demo gegen die MR-verletzungen der arabischen Regierungen. Israel hin oder her: Es werden mehr Araber von arabischen Schergen umgebracht als von Israelis. Und die Perser, die jetzt in Iran umgebracht werden, gehen auch nicht aufs Konto Israels. Solange die Araber Israel für alles verantwortlich machen, werden sie immer rückständig bleiben. Antworten
Ich schliesse mich dem Kommentar von Herrn Ernst Bolliger voll und ganz an. Ich habe Verwandte in Israel. Es ist schon sehr traurig, wie einseitig und tendenziös berichtet wird und Israel immer der Aggressor ist. Die Medien sind voll und ganz von den Arabern beeinflusst. Viele Schweizer haben nicht gelernt, zu differenzieren. Antworten
Seit Tagen verfolge ich mit, wie rund 1400 Personen auf ihre eigenen Kosten nach Ägypten gereist sind mit dem edlen Ziel, auf die gravierenden Menschenrechtsverletzungen im Gaza- Streifen aufmerksam zu machen. Die Schweizer Presse hat bislang darüber geschwiegen. Lieber berichtet die Presse über die 11. Scheidung eines Israeli. So weit ist die Qualität der Presse im Allgemeinen schon gesunken. Antworten
Leider wird nirgends erwähnt das die regierende Hamas eine Terrororganisation ist deren erklärtes Ziel die vernichtung Israels ist und die Bevölkerung des Gazastreifens als Geiseln und Schutzschilder missbraucht. Warum wohl wurden Raketen nach Israel mitten aus Wohngebieten oder öffentlichen Gebäuden abgeschossen ? Warum hält auch Kairo die Grenze zu Gaza geschlossen ? Vermutlich aus gutem Grund. Antworten
All die guten Åbsichten wie die demokratischen und menschenfreundlichen Ideen dieser Idealisten werden leider von der Hamas-Führung in Gaza und von der dortigen Bevölkerung kaum geteilt. Jede Unterstützung wird von den Palästinensern zwar geschätzt, aber ein Willen, sich selber von der friedlichen Seite zu zeigen , ist nicht erkennbar, dafür aber Hass und Zwietracht, selbst untereinander. Antworten
ich hoffe doch sehr, dass Frau Thürer auch für die verfolgten Christen in den Hamas- und PLO-Gebieten auf die Strasse geht. Oder warten wir da einmal mehr vergeblich? Genausowenig wie je etwas von Frau Irene Meier zu dieserm Thema zu hören bekommen.Aber vermutlich gibt es diese Dinge gar nicht im Blickhorizont dieser Aktivisten. Ist halt einfacher, im Mainstream eine Arbeit zu schreiben. Antworten

Die Welt in Bildern


rolf kienast
Die Leute die da protestieren wollen, sollten sich mal einige Wochen in Israel nahe Gasa niederlassen. So könnten sie voll profitieren wenn die Terroristen ihre Raketen auf Israel abschiessen das holt dann auf den Boden zurück. Dann erinnern sich sicherlich diese "Friedensleute", dass der Anstoss für heimtückische Anschläge von Gasa ausging - nicht von Israel !! Antworten