«Al-Assad hat langfristig ein extremes Problem»
Interview: Monica Fahmy. Aktualisiert am 03.08.2011 15 Kommentare
Nahost-Experte Ulrich Tilgner.
«Sie schiessen!»: Panzer in Hama
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Herr Tilgner, Syriens Präsident Bashar al-Assad ist am Wochenende wieder mit tödlicher Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen. Seit Beginn der Unruhen sind 1500 Menschen getötet worden, Tausende werden vermisst. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Al-Assad hat langfristig ein extremes Problem. Er kann die Menschen in den sunnitischen Gebieten nicht mehr beruhigen. Die Proteste reichen mittlerweile sogar bis in die Vorstädte von Damaskus. Wenn die Proteste Damaskus erreichen, neigt sich das Regime seinem Ende zu, das hat al-Assad bisher verhindern können. Er hat noch Rückhalt in Teilen der Bevölkerung, zum Beispiel bei den Christen, die in ihm die schützende Hand sehen und mit den Baathisten gut zusammenarbeiten können. Das sind Momente, die für al-Assad sprechen, aber langfristig wird er dem Druck der Bevölkerung nicht standhalten können.
Ist die Angst der Christen vor dem, was nach al-Assad kommen könnte, denn berechtigt?
Das ist schwer zu beantworten, weil man ja nicht weiss, wie die Endphase in dem Machtkampf aussehen wird, ob es etwa eine Koalition aller Assad-Gegner geben kann oder ob es eine Bewegung gibt, die stark von radikalen Sunniten beherrscht wird. Die Technokraten halten noch zum Regime, der Sicherheitsapparat hält noch relativ gut zusammen, darauf kann al-Assad sich stützen. Man muss abwarten, wo die Bruchlinien im Regime verlaufen, erst dann kann man sagen, ob die Ängste bestimmter Gruppen, wenn sie marginalisiert werden, berechtigt sind oder nicht.
Die Eskalation der Gewalt kommt zu Beginn des Fastenmonats Ramadan. Was bedeutet das?
Der Ramadan ist eine schwierige Zeit. Es wird nicht so viel gearbeitet, die Möglichkeiten des Staates, die Angestellten zu kontrollieren, gehen etwas zurück. Die Menschen fasten, sie sind zu Hause und gehen abends auf die Strasse. Da kann es sehr schnell zu Demonstrationen kommen. Das war wohl auch gestern Abend in den Vororten von Damaskus so. Wenn die Menschen im Sommer fasten, sind die Tage lang und heiss, und wenn sie kein Wasser trinken dürfen, dann ist die Stimmung aufgeheizt. Das kann sich schnell in Radikalität bei Protesten umschlagen.
Al-Assad hat also sozusagen präventiv brutal dreingeschlagen?
Al-Assad hat sich entschieden, der harten Truppe um ihn herum zu folgen. Die Militärs, die Sicherheitsleute wollen ja jeden Protest unterdrücken. Al-Assad selbst hat geschwankt, er hat Reformversprechen gemacht, sie aber nicht eingelöst. Vor vier Wochen gab es ja noch eine Konferenz von Oppositionellen, von Leuten, die bereit sind, in einer bestimmten Weise die Führung der Baath-Partei zu akzeptieren. Diese Leute werden jetzt vor den Kopf gestossen. Am Rand des Regimes wird es weiterbröckeln.
Von der UNO haben die Demonstranten wenig Hilfe zu erwarten. Der Sicherheitsrat konnte sich einmal mehr nicht auf eine Resolution einigen. Heute stehen Gespräche an. Was erwarten Sie davon?
Ich glaube nicht, dass es eine grosse Bewegung gegen die Herrschaft der Baath-Partei in Syrien geben wird, was die UNO angeht. Es gibt aber eine relativ starke Unterstützung für die Opposition durch Gruppen im Libanon und von den Saudis. Die Opposition wird unterstützt, aber von radikalen islamischen Kräften im Ausland. Das möchte al-Assad ausnutzen, um den internationalen Druck, der gegen ihn aufgebaut wird, entgegenzuwirken. Niemand weiss, was nach al-Assad kommt. Das nutzt er auch für die Gespräche, die bei der UNO im Hintergrund stattfinden, aus.
Spielt der Westen, indem er aus Angst nichts sagt und das Feld den radikalen Gruppen überlässt, nicht gerade so den Extremisten in die Hände?
Ja, sicher. Das ist ja genau das Problem, dass der Westen nicht genau weiss, wie er sich verhalten soll. Die Lage in Syrien ist sehr komplex, daher ist es auch schwierig, Prognosen zu wagen.
Der arabische Frühling hatte hoffnungsvoll begonnen. Doch selbst in den erfolgreichen Ländern wie Ägypten und Tunesien macht sich Ernüchterung breit. Wie steht es um die arabische Revolution?
Sie ist ein langwieriger Prozess. Die Bevölkerung in der arabischen Welt war ja lange unterdrückt. Den Untertanenstatus in einen Bürgerstatus umzuwandeln, erfordert Zeit. Der Prozess birgt auch Rückschläge. Es müssen sehr viele ökonomische und soziale Veränderungen stattfinden. Ein politischer Machtwechsel allein reicht nicht. Das können Sie in Ägypten sehen. Die Arbeitslosigkeit der jungen Akademiker ist ungebrochen hoch, die Touristen bleiben aus, dem Land fehlen die Devisen.
Was geschieht nun?
Die Herrschenden wissen nicht, wie sie die Probleme lösen sollen, und die Opposition weiss auch nicht, welche Massnahmen ergriffen werden sollen, um die anstehenden Veränderungen durchzusetzen und zu finanzieren, wenn sie denn an die Macht kommt. Es ist eine schwierige Zeit, weil der Westen nicht vernünftig zahlt und die Saudis diese Art von politischen Änderungen nicht finanzieren wollen. Saudiarabien hat zur Befriedigung der eigenen Bevölkerung allein in den vergangenen Monaten 200 Milliarden US-Dollar eingesetzt, aber gerade mal eine Milliarde nach Ägypten gezahlt. Das lähmt natürlich die Bewegung. Aber dieser arabische Frühling hat begonnen, es wird weitere Änderungen geben. Ein Zurück in der arabischen Geschichte gibt es nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.08.2011, 16:14 Uhr
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15 Kommentare
Komisch: von den Medien habe ich immer verstanden, dass die Muslim offen, demokratisch, Frauenfreundlich, usw sind und dass nur das boese Israel das Gegenteil ist. Assad hat erst vor Kurzem die hoechste Italienische Auszeichnung als aufgeklaerter President erhalten....!!
Wie es schient ist dies falsch und Umgekehrt, nur will es niemand wahr haben. Richtig?
Antworten
Eine Demokratisierung der arabischen Welt wäre nur zu begrüssen, doch sind die Hoffnungen auf einen schnellen Wechsel bereits wieder verglüht. Es wird eher Jahrzehnte als Monate gehen, wie gewisse Kreise anfänglich etwas naiv hofften. Ob es gelingt werden wir sehen, es wäre der normalen Bevölkerung zu gönnen. Antworten
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