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«Alle Religionen misstrauen den Frauen»

Von Oliver Meiler, Marseille. Aktualisiert am 27.11.2009 1 Kommentar

Der Marokkaner Tahar Ben Jelloun, Nordafrikas erfolgreichster Schriftsteller, rät den Schweizern, den Bau von Minaretten zuzulassen und die Muslime nicht zu stigmatisieren – zu ihrem eigenen Wohl.

«Das Minarettplakat hat mich schockiert»: Tahar Ben Jelloun.

«Das Minarettplakat hat mich schockiert»: Tahar Ben Jelloun. (Bild: Keystone)

Tahar Ben Jelloun

Der marokkanische Autor und Sozialpsychologe Tahar Ben Jelloun (65) gilt als wichtigster Intellektueller des Maghreb. Er wuchs in Tanger auf, 1971 emigrierte er nach Paris. Viele seiner Romane wurden zu Bestsellern, so etwa «Sohn ihres Vaters» – die Geschichte eines Mädchens, das von seinem Vater gezwungen wird, als Knabe aufzuwachsen. Breite internationale Bekanntheit erlangte Ben Jelloun mit seinen Kinderbüchern über Armut, Rassismus und den Islam. 1987 erhielt er den Prix Goncourt, einen der wichtigsten französischen Literaturpreise. Ben Jelloun ist verheiratet und hat vier Kinder. (om)

Sie schreiben neben Romanen auch Bücher für Kinder: «Papa, was ist ein Fremder?» oder «Papa, was ist der Islam?» – Warum Bücher für Kinder?
Nach den Attentaten vom 11. September 2001 fragten mich zwei meiner Kinder, die damals 7 und 8 Jahre alt waren: «Warum sind die Muslime so böse? Warum töten sie? Warum sind wir Muslime?» Als Vater und Pädagoge spürte ich die Pflicht, gegen Ängste und Vorurteile anzuschreiben. Wenn man für Kinder schreibt, muss man sich besonders präzise, direkt und einfach ausdrücken. Dann kann man beitragen zur Gestaltung der Persönlichkeit. Erwachsene dagegen neigen dazu, ihre Meinung im Alter nicht mehr zu ändern.

Wie würden Sie einem Kind erklären, was ein Minarett ist?
Das Minarett ist der Turm, von dem der Aufruf zum Gebet ergeht. In der Regel ist ein Minarett ästhetisch schön. Gleichzeitig ist es das sichtbare Zeichen dafür, dass es an einem Ort ein muslimisches Gebetshaus gibt. Genauso wie der Glockenturm anzeigt, wo eine Kirche steht.

In der Schweiz wird über ein Verbot von Minaretten abgestimmt. Die Initianten sind der Meinung, dass diese Türme ein Fanal für eine schleichende Islamisierung seien und deshalb verboten werden müssten – gesetzlich.
Ich war letzte Woche in der Schweiz und habe diese schrecklichen, beinahe rassistischen Plakate gesehen. Ich war sehr schockiert. Auf den Plakaten werden die Muslime auf üble Art stigmatisiert.

Und was halten Sie von der Debatte?
Ich denke, dass es gescheiter wäre, wenn einer religiösen Minderheit wie der muslimischen in der Schweiz zugestanden würde, dass sie offiziell anerkannte und für alle sichtbare Gebetsstätten bauen darf. Das ist jedenfalls viel besser, als wenn die Muslime in dunkle Keller und Garagen verbannt sind, in denen die Erniedrigung und Diskriminierung leicht umschlagen kann in eine Art Hass auf den Westen, auf die Schweiz. In der Idee des Bauverbots und im Plakat stecken also Keime des Rassismus. Und das sollte man um jeden Preis verhindern. Die Schweizer tun sich selber einen Gefallen, wenn sie diese Vorlage ablehnen. Es geht ja ums Wohlsein in der Gesellschaft, und das ist nur garantiert, wenn kein Hass aufkommt zwischen den verschiedenen Gemeinden, die sie formen.

Offenbar gibt es aber bei einem Teil der Schweizer ein Unwohlsein in diesem Zusammenleben.
Wir haben doch gar keine Wahl. Die schweizerische Gesellschaft, wie jede europäische mittlerweile, ist zusammengesetzt aus diversen Gemeinschaften. Das wird sich nicht ändern. Wir sind sozusagen verdammt dazu, miteinander zu leben. Wenn wir es nicht können, dann müssen wir es lernen.

Das gilt für beide Seiten.
Ja, natürlich. Doch wenn ihr Schweizer in eurem Land Muslime wollt, die sich nach den Regeln einer echten Demokratie verhalten, dann sollte man sie nicht stigmatisieren, sondern sie wie Gläubige anderer monotheistischer Religionen behandeln. Ich verteidige hier nicht Leute, die die Religion missbrauchen, um gewalttätig zu sein und gegen das Gesetz zu verstossen. Die gehören bestraft. Und es ist wahr, dass es Muslime gibt, die ihre Religion missbrauchen und ihr damit schaden. Doch mein Prinzip lautet: Jede Religion soll sich ausdrücken können und muss die jeweils andere respektieren.

Im Zusammenleben der Gemeinden scheint es aber Missverständnisse zu geben. Erklären Sie uns bitte, im Stil ihrer Kinderbücher, den Hintergrund der totalen Verschleierung der Frau: der Burka?
Die Burka ist ein Tuch, das die Frau ganz verhüllt und versteckt, einschliesslich des Gesichts. Das ist völlig grotesk, ein Verbrechen, eine Brutalität gegen die Frau. Mit dem Islam hat die Burka nichts zu tun.

Und das Kopftuch?
Im Koran ist der Schleier kaum ein Thema. Es heisst nur, die Frau sollte ihr Haar bedecken, wenn sie in die Moschee gehe. Damit die Männer sich nicht von der Schönheit des weiblichen Haars ablenken lassen beim Beten.

Woher kommt das?
Aus den Anfängen der Religion, dem 7. Jahrhundert, in Medina. Verheiratete Frauen beklagten sich beim Propheten Mohammed, dass sie nächtens beim Gang durch die Stadt von Männern angemacht und angefasst würden, die meinten, sie seien Prostituierte. Der Prophet beschloss dann in einem Vers, dass sich die verheirateten Frauen ab einer gewissen Tageszeit das Haupthaar bedecken sollten, um sich von den Prostituierten zu unterscheiden.

In Frankreich wurde das Tragen des Schleiers an Schulen verboten. War das richtig?
Ja, ich war auch für das Verbot, um einer Diskriminierung der jungen Mädchen vorzubeugen, obschon ich es normalerweise vorziehe, wenn man Ungerechtigkeiten ohne Gesetze, dafür mit Erziehung und Aufklärung beheben kann. Grundsätzlich ist es aber leider so, dass alle Religionen den Frauen misstrauen. Wichtig ist, dass wir nicht zulassen, dass Extremisten die heiligen Texte interpretieren.

Sie reisen viel. Wie steht es um das Verhältnis des Westens zum Islam – acht Jahre nach dem 11. September?
Kürzlich war ich eingeladen zu einem Forum in New York. Da trat der Bürgermeister auf und begrüsste die Teilnehmer mit «as-salam aleikum». Wie Barack Obama in Kairo. Dieser Wille der Amerikaner, den Faden mit den Muslimen wieder aufzunehmen, scheint mir ein wichtiges Signal zu sein. Sie haben verstanden, dass niemand stärker unter dem islamischen Extremismus leidet als die Muslime selber. Es ist ein Wandel der Wahrnehmung im Gang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2009, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

rolf kienast

01.12.2009, 16:44 Uhr
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Bei allen Artikeln dieser Art oder Interviews mit Moslems sollte man irgendwann die Frage stellen, warum in keinem Land, wo der Islam Staatsreligion ist die Christen keine Kirchen bauen dürfen. Selbst in Ländern nicht wie der Türkei, Syrien und Tunesien, wo es keine Staatsreligion gibt. Antworten



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