Armut, Korruption, Guerillakrieg: Doktor Abdullah will aufräumen
Von David Nauer, Moskau. Aktualisiert am 29.07.2009
Einen solchen Empfang hätte niemand erwartet: Tausende Menschen standen Spalier; junge Männer tanzten vor Freude – überall hing sein Konterfei. Abdullah Abdullah zog wie ein Held in Herat ein. Die Stadt, 700 Kilometer westlich von Kabul, schien zu vibrieren. «Die Afghanen wollen einen Wandel», sagte der Kandidat zufrieden, «und sie haben Hoffnung, dass dieser Wandel möglich ist.»
Spät aber kraftvoll
Abdullah Abdullah (48) steht möglicherweise vor dem grössten Coup seines politischen Lebens. Der eloquente Augenarzt, der sich gerne mit «Dr. Abdullah» ansprechen lässt, hat seine Kampagne spät, aber kraftvoll losgetreten. Bereits in drei Wochen, am 20. August, wählen die Afghanen ihren Präsidenten, und bis vor kurzem glaubten alle, den Sieger zu kennen: Hamid Karzai (51), Amtsinhaber.
Doch Abdullahs stürmische Auftritte in Herat und anderen Städten kratzen plötzlich an dieser Gewissheit. Zum Sieg wird es dem früheren Widerstandskämpfer nicht reichen. Aber er ist der Einzige der drei Dutzend Bewerber, der eine Stichwahl erzwingen könnte. Falls Karzai am Wahltag weniger als 50 Prozent der Stimmen erhält, kommt es zu einem zweiten Wahlgang. Und dann, glauben die meisten Beobachter, ist das Rennen wieder offen.
Mehr Mitbestimmung fürs Volk
Eigentlich stehen die Zeichen gut für einen oppositionellen Kandidaten. Afghanistan gleicht einem schwer kranken Patienten: Armut, Korruption und ein blutiger Guerillakrieg fressen sich durch das Land – wie bösartige Tumore. Präsident Karzai, obwohl schon seit acht Jahren an der Macht, hat bis heute kein Rezept dagegen gefunden.
Abdullah Abdullah dagegen glaubt, eine Medizin zu kennen. Mehr Demokratie und Mitbestimmung sollen das Land kurieren. Der Staat habe den Kontakt zum Volk verloren, sagte Abdullah der «New York Times». Er fordert deshalb «eine gesunde Regierung», welche die Menschen in die Entscheidungsprozesse einbindet.
Präsident schwächen
Als erster Schritt soll die herausragende Position des Präsidenten geschwächt werden. Stattdessen würde das Parlament mehr Befugnisse erhalten. Ein solches System, so Abdullah, repräsentiert das ethnisch zerklüftete Land besser. Ausserdem schlägt er vor, die Gouverneure künftig vom Volk wählen zu lassen. Bis jetzt ernannte der Präsident die Vorsteher der Provinzen.
In Afghanistan freilich gewinnt niemand Wahlen, weil er ein gutes politisches Programm hat. Viel wichtiger sind zwei andere Kriterien: die ethnische Herkunft eines Kandidaten – und seine Rolle im Bürgerkrieg der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Diese Kombination könnte für Abdullah Abdullah zu einer Bürde werden. Zwar stammt er aus einer gemischten Familie: Sein Vater ist Paschtune, seine Mutter Tadschikin – die beiden Völker stellen zusammen 70 Prozent der afghanischen Bevölkerung.
Enger Vertrauter von Massud
Doch im Krieg hatte Abdullah Abdullah auf der Seite der Tadschiken gekämpft – etwas, was ihm die Paschtunen nicht vergessen. Der Arzt war ein enger Vertrauter des legendären Feldkommandanten Schah Massud gewesen. Dessen tadschikisch dominierte Nordallianz trotzte in abgelegenen Bergtälern den mehrheitlich paschtunischen Taliban – selbst dann noch, als die Gotteskrieger längst die Macht in der Hauptstadt Kabul übernommen hatten.
Abdullah Abdullah reiste als Aussenminister der Nordallianz durch die Welt, suchte im Ausland Unterstützung für den Kampf gegen die Taliban. Er spricht fliessend Englisch und Französisch, trägt meist einen Anzug und einen akkurat gestutzten Bart und wurde bald zum bekanntesten Gesicht der Taliban-Gegner.
Nach dem Sturz der Radikalen besetzte die Nordallianz viele wichtige Posten in Kabul. Abdullah Abdullah wurde Aussenminister. Doch Präsident Karzai, ein Paschtune und lange Zeit Günstling des Westens, verdrängte die Gruppe von der Macht. Aussenminister Abdullah Abdullah verlor seinen Posten 2006. Seither steht er in scharfer Opposition zum Staatschef.
Gesprächsangebot an die Taliban
Die Taliban haben sich bisher nicht zu Abdullah Abdullahs Kandidatur geäussert. Milde gestimmt werden sie nicht sein, immerhin hatte der Arzt die Gotteskrieger jahrelang bekämpft. Der Kandidat selber sagt, er sei zu einer Versöhnung bereit. Im Fall eines Wahlsiegs wolle er ernsthaft das Gespräch mit den Taliban suchen. Es sei aber zweifelhaft, so Abdullah Abdullah, ob auch die Taliban Frieden wollten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.07.2009, 06:47 Uhr


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