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«Assad ist kein machohafter Diktator wie Ghadhafi»
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«Was in Syrien passiert, ist ein gnadenloser Krieg zwischen schwerbewaffneten Soldaten und schwerbewaffneten Rebellen»: Jürgen Todenhöfer, Publizist und Friedensaktivist.
Zur Person
Jürgen Todenhöfer (71) war von 1972 bis 1989 Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Parlament politisierte er als CDU-Mitglied. Später verabschiedete er sich aus der Politik und hielt einen hohen Posten beim Burda-Verlag inne. Seit vielen Jahren ist Todenhöfer als Friedensaktivist und Publizist aktiv. Aus seinen Reisen in die Krisengebiete dieser Welt entstanden mehrere Bücher. Darunter: «Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror» (2003) und «Andy und Marwa. Zwei Kinder und der Krieg» (2005). Todenhöfer ist auch Autor des Bestsellers «Teile dein Glück» (2010/Bertelsmann-Verlag).
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Jürgen Todenhöfer: «Wären Sie bereit, als Präsident zurückzutreten, wenn ein solcher Schritt Ihrem Land Frieden bringen und das Blutvergiessen beenden könnte?» – Bashar al-Assad: «Ein Präsident sollte vor nationalen Herausforderungen nicht davonlaufen. Und wir stehen hier im Augenblick vor einer nationalen Herausforderung in Syrien. Der Präsident kann sich einer solchen Situation nicht einfach entziehen.»
Diese Gesprächssequenz stammt aus dem Interview, das der deutsche Publizist Jürgen Todenhöfer mit dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad für den «Weltspiegel» der ARD geführt hat. 20 Minuten dauerte das Interview, in dem Assad unter anderem die USA und andere Länder beschuldigte, für das Blutvergiessen in den letzten 16 Monaten mitverantwortlich zu sein.
USA sollten mit Assad verhandeln
Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet widerspricht Todenhöfer dem Vorwurf, er habe mit dem TV-Interview dem syrischen Diktator eine Plattform für Propaganda geboten. Sein Ziel sei gewesen, dass der Westen einen seiner Hauptfeinde besser kennen lernen könne. Im Interview habe Assad Gesprächsbereitschaft signalisiert – mit den Oppositionellen im eigenen Land, aber auch mit dem Westen. «Für den Westen wäre es sehr interessant, Verhandlungen mit Assad aufzunehmen», sagt der 71-jährige Publizist und meint damit in erster Linie die Amerikaner. «Es bringt nichts, Assad zu dämonisieren. Der Westen muss mit dem syrischen Diktator ins Gespräch kommen und nicht die Rebellen mit Waffen versorgen.» Todenhöfer erinnert daran, dass er im Afghanistan-Krieg schon vor zehn Jahren gefordert habe, mit den Taliban zu reden, um eine gemeinsame Lösung zu finden. «US-Präsident Barack Obama hätte jetzt in Syrien die Möglichkeit, seinen Friedensnobelpreis nachträglich zu legitimieren.»
Den syrischen Diktator erlebte Todenhöfer als «nachdenklichen, leise sprechenden Mann». Assad habe selbst unangenehme Fragen betont freundlich beantwortet, er habe sich im Vieraugengespräch auch Kritik angehört und dann seine Meinung dazu geäussert. Die Frage, was für ein Mensch Assad sei, könne er nach der dreistündigen privaten Unterredung nicht beantworten, sagt Todenhöfer. Er sagt aber auch, dass «Assad kein machohafter Diktator ist, wie es Muammar al-Ghadhafi gewesen war». Assad sei anders als all die Diktatoren, die er in seinem politischen Leben kennen gelernt habe, sagt der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und heutige Friedensaktivist.
Es gibt nicht die Guten und die Bösen
Das TV-Interview mit Assad und seine Reisen nach Syrien, wo er auch mit Rebellen sprach, versteht Todenhöfer als Beitrag zur Aufklärung. Im Syrien-Krieg gebe es nicht die Bösen und die Guten, die Realität sei komplexer. Im Fernsehinterview habe sich Assad differenzierter als sonst über Opposition und Rebellen geäussert. Viele der friedlichen Demonstranten verträten legitime Forderungen, zitiert Todenhöfer den syrischen Präsidenten. Todenhöfer zieht folgendes Fazit: «Wer glaubt, dass in diesem Krieg ein Diktator sein eigenes Volk tötet, hat nichts verstanden.»
Assad trage zwar die Verantwortung, dass seine Sicherheitskräfte bei den ersten Protesten in Daraa in die Menge schossen und Zivilisten töteten. Er habe auch zu verantworten, dass seine Sicherheitskräfte Wohnviertel, in denen sich bewaffnete Rebellen hinter Zivilisten verschanzen, mit schweren Waffen angreifen und den Tod von Zivilisten in Kauf nehmen. Aber auch die Opposition tue schlimme Dinge.
«Massaker-Marketing-Strategie» der Rebellen
So wirft Todenhöfer den radikalen Gruppierungen der Opposition vor, dass sie sich inzwischen mit Al-Qaida-Kämpfern verbündet hätten. Zudem kritisiert er die Rebellen, «weil sie gezielt Zivilisten töten und diese anschliessend als Opfer der Regierung ausgeben.» Diese pikante Aussage stützt er auf Gespräche mit Augenzeugen in Hula, wo eines der schlimmsten Massaker stattfand. Todenhöfer nennt das, was die Rebellen gemäss seinen Erkenntnissen machen, «Massaker-Marketing-Strategie». Dies gehöre zum Widerlichsten, was er in kriegerischen Auseinandersetzungen jemals erlebt habe.
«Was in Syrien passiert, ist ein gnadenloser Krieg zwischen schwerbewaffneten Soldaten und schwerbewaffneten Rebellen», sagt Todenhöfer. Nunmehr gehe es nicht um die Frage: «Wer hat angefangen?», sondern um die Frage: «Wie ist die Lage jetzt?» Mit der Antwort auf diese Frage müsste der Westen unverzüglich Verhandlungen mit dem Assad-Regime aufnehmen, ansonsten gebe es keine Chance auf einen Friedensprozess in Syrien. Seine Hoffnung stützt Todenhöfer auf die Feststellung eines Oppositionellen, mit dem er in Syrien gesprochen hat: «Assad ist die bessere Hälfte in einem schlechten System.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.07.2012, 14:21 Uhr
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