«Assad wird es nicht mehr geben»

Der saudische Aussenminister Adel al-Jubeir sagt, weder Russland noch der Iran könnten den syrischen Diktator Bashar al-Assad retten.

Adel al-Jubeir ist seit fast einem Jahr Aussenminister des Königreichs Saudi­arabien. Zuvor war er Botschafter in Washington. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Adel al-Jubeir ist seit fast einem Jahr Aussenminister des Königreichs Saudi­arabien. Zuvor war er Botschafter in Washington. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Ist die Hoffnung auf Frieden in Syrien jetzt berechtigt?
Der Ausgang in Syrien ist vorherbestimmt. Bashar al-Assad wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Es kann sich um drei Monate handeln, um sechs Monate oder um drei Jahre – aber er wird nicht mehr Verantwortung für Syrien tragen. Ein Mann, der 300'000 Menschen ermordet, 12 Millionen vertrieben und ein Land zerstört hat, wird in Syrien keine Zukunft haben. Assad konnte nicht von seinem eigenen Militär gerettet werden, also hat er den Iran zu Hilfe gerufen. Der Iran konnte ihn nicht retten, also hat er die Hizbollah gerufen. Die Hizbollah konnte nicht helfen, also brachte er schiitische Milizen aus dem Irak und Pakistan ins Land, die aber ebenfalls nicht helfen konnten. Jetzt hat er die Russen gerufen, aber auch die werden ihm nicht helfen können.

Gerade sieht es danach aus, als würde ihm Russland durchaus helfen können – mit den Bombardements in Aleppo.
Manchmal trügt der Schein. Am Ende kommt es auf die Entschlossenheit der Syrer an. Sie lehnen Assad ab, und deswegen werden sie die Stärkeren sein. Trotz der massiven Luftangriffe der Russen, trotz der Flächenbombardements, trotz der Vertreibung sunnitischer Bürger aus alawitischen Gebieten, trotz des Terrors – die Entschlossenheit der Syrer ist ungebrochen, Assad loszuwerden. Tatsächlich haben Assads Truppen keine so grossen Geländegewinne erzielt, wie die Luftangriffe vermuten lassen.

Wird das Russland überzeugen?
Wir haben die Russen darauf aufmerksam gemacht, dass sie zum Kombattanten eines Religionskriegs werden, wenn sie an der Seite Assads und des Iran in diesen Konflikt eingreifen. Das ist sehr, sehr gefährlich. In Russland leben 20 Millionen sunnitische Muslime. Will das Land den Eindruck erwecken, dass es an der Seite von Schiiten gegen Sunniten kämpft? Russland hat nichts davon.

Könnte es Russland um die Destabilisierung der Türkei oder gar Europas gehen?
Ich bin Diplomat, kein Gedankenleser. Die Russen haben uns mitgeteilt, dass ihr Hauptziel sei, den Islamischen Staat von der Übernahme Syriens abzuhalten. Wir verstehen auch das russische Interesse, einen Übergang zu organisieren, in dem die Institutionen des syrischen Staates bewahrt werden. Das wollen wir alle. Aber wir müssen die Fakten betrachten: Seit fünf Monaten ist das Ziel der Russen die moderate Opposition, nicht der IS oder die Nusra-Front. Ausserdem gibt es eine internationale Koalition gegen den IS – dieser hätte Russland leicht beitreten können.

Welchen Einfluss hat der Iran?
Der Iran hat nichts in Syrien verloren, genauso wenig wie im Libanon, im Irak, in Bahrain oder im Jemen. Der Iran verfolgt eine konfessionelle Politik. Bis 1979 haben sie nur sehr selten etwas über einen sunnitisch-schiitischen Konflikt gehört. Dann kam die Iranische Revolution. In der Verfassung steht das Gebot, die Revolution weiterzutragen. Und so agiert der Iran wie eine Revolutionsbewegung, nicht wie ein Nationalstaat. Er instrumentalisiert schiitische Minderheiten in der arabischen Welt. Im Laufe dieses Prozesses hat es eine Gegenbewegung in der sunnitischen Welt ausgelöst, die auch dort zu mehr Extremismus geführt hat.

Saudiarabiens Anteil daran war nicht unmassgeblich.
Die Iraner haben die Hizbollah im Libanon etabliert; die Iraner haben im Irak die Dawa-Partei etabliert. Sie haben die Politik entlang konfessioneller Grenzen zur Blüte gebracht haben; der Iran hat schiitische Bürger in den Golfstaaten rekrutiert und gegen ihre eigenen Landsleute in Stellung gebracht – so beginnt der konfessionelle Konflikt. Und sobald Menschen überzeugt sind, dass ihre ­Taten etwas mit dem Glauben zu tun ­haben, werden sie unflexibel.

Reden Sie nicht gerade auch über die Politik Saudiarabiens?
Lassen Sie mich einen Moment noch beim Iran bleiben. Welche Rolle hat der Iran in der Region? Ganz einfach: Verschwindet, zieht euch aus der Region zurück. Bleibt in euren Grenzen. Arbeitet an einem iranischen Nationalstaat, nicht an einer schiitischen Revolution; vergesst die Idee eines persischen Grossreichs – das wird es nicht geben. Wir haben kein Problem mit normalen Beziehungen zu Iranern. Sie sind seit Tausenden von Jahren unsere Nachbarn und werden das für die nächsten tausend Jahre bleiben. Aber wir können nicht mit einem Land umgehen, das seit 37 Jahren unsere Diplomaten umbringt, unsere Botschaften attackiert, Sprengstoff in unser Land schmuggelt, Terrorzellen bei uns und unseren Alliierten unterhält und am Ende noch Nuklearwaffen zu erlangen versucht.

Pardon: Saudiarabien hat seinen Einfluss ebenfalls mehr als deutlich gezeigt. Sendungsbewusstsein ist dem Wahhabismus nicht fremd. Sie unterstützen Milizen im Irak, Sie führen Krieg im Jemen.
Das ist nicht ganz richtig. Wir haben keine Ambitionen jenseits unserer Grenzen. Wir haben genug Land, Menschen und Rohstoffe. In unserer Geschichte waren wir immer reaktiv, wir wollten unser Land beschützen und die Lebensverhältnisse für unsere Bürger verbessern. Wir haben in den Krieg im Jemen aus blanker Notwendigkeit eingegriffen. Die Huthi-Miliz, die vom Iran gefördert und von der Hizbollah unterstützt wird, stand kurz vor der Übernahme des Landes. Sie verfügt über schwere Waffen und ballistische Raketen, hat eine Luftwaffe erobert und ist feindselig gegen unser Land – wir hatten keine andere Wahl, als einzugreifen, zumal wir von der legitimen Regierung gebeten wurden.

Das sind dieselben Argumente, die Russland und der Iran in Syrien benutzen.
Der Vergleich hinkt. Syrien begann mit Kindern, die Graffiti an die Wand gesprüht haben. Sie wurden ins Gefängnis gesteckt. Die Sicherheitsleute haben die Eltern nach Hause geschickt und ihnen befohlen, ihren Mund zu halten und neue Kinder zu zeugen. Und falls sie das nicht könnten, würde man ihnen Männer vorbeischicken, die ihnen schon zeigten, wie man Babys macht. Ist das ein normales Regime? Es gab keine Terroristen in Syrien, es gab keinen IS. Als der IS auftauchte, liess Assad ihn gewähren. Er hat dem IS sogar Öl abgekauft und liess ihn Steuern und Zölle kassieren. So hat er eine Terrororganisation geschaffen, auf die er deuten konnte: Entweder helft ihr mir oder den Terroristen. Hätte die Welt früher interveniert, wäre das alles nicht passiert.

Ist heute ein Modell der Machtteilung noch vorstellbar?
Nein. Es wird keine Rolle für Bashar ­al-Assad geben . . .

. . . abgesehen von seiner Person?
Ausser Assad und einer sehr kleinen Gruppe von Personen hat jeder eine Zukunft in Syrien. Es muss eine Übergangsregierung geben. Sie muss die Macht übernehmen, eine neue Verfassung ausarbeiten, ein Referendum abhalten. Die staatlichen Institutionen bleiben be­stehen. Dann werden die bewaffneten Gruppen in die Streitkräfte integriert. Es braucht ein Amnestiegesetz, denn viele Leute in Syrien werden sonst nach Vergeltung rufen. Assad und eine kleine Gruppe von Leuten verlassen das Land.

Tut Ihr Land genug, um das Leid der Syrer zu lindern? Ihnen wird vorgeworfen, zu wenig Flüchtlinge aufzunehmen.
Sie sind schlecht informiert. Wir haben seit Beginn des Kriegs 2,5 Millionen Visa für Syrer ausgestellt. 800'000 sind bis heute in Saudiarabien. Keiner von ihnen ist ein Flüchtling. Jeder hat eine Aufenthaltsgenehmigung und das Recht zu ­arbeiten, die Kinder in die Schule zu schicken, auf kostenlose medizinische Versorgung. Seit Beginn des Jemenkriegs haben wir 700'000 Jemeniten aufgenommen. Keiner lebt in einem Zelt. Niemand redet darüber. Wir sind der grösste Geber für Jordanien und den ­Libanon.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2016, 23:27 Uhr)

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