«Aus Sicht des Klimas ist Durban eine Nullrunde»

An der Klimakonferenz in Durban haben sich die Vertreter auf einen Fahrplan für ein neues umfassendes Klimaabkommen geeinigt. Der Klimaphysiker Reto Knutti erklärt, was die Beschlüsse wirklich bringen.

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Die Übereinkunft von Durban sieht ein neues Abkommen bis 2015 vor, gültig ab 2020. Bis dahin wird das Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft, verlängert. Was bringen die Beschlüsse von Durban wirklich?
Aus politischer Sicht muss man es wohl als Erfolg werten. Die Verhandlungen hätten auch ganz scheitern können. Aber aus der Sicht des Klimas ist es einmal mehr eine Nullrunde. Einmal mehr gibt es keine konkreten Zahlen zu den Emissionsreduktionen. Dass ein neues Abkommen erst 2020 in Kraft treten soll, ist problematisch. Damit ist das Ziel von maximal 2°C Erwärmung kaum mehr zu erreichen, oder nur noch mit enormen Kosten.

Der Durchbruch in Durban gelang, weil man sich auf verschiedene Stufen der Rechtsverbindlichkeit verständigen konnte. Was bedeutet das?
Offenbar hat man sich auf eine verhandelte Übereinkunft mit Rechtskraft geeinigt. Zur Debatte standen auch eine rechtliche Übereinkunft. Die stärkste Formulierung, ein rechtlich bindendes Abkommen, wurde nicht akzeptiert. Was für den Laien verwirrend scheint, zeigt aber, dass einige Staaten wie Indien und die USA versucht haben, die Verbindlichkeit abzuschwächen. Was dies im Detail bedeutet, und wie viele Schlupflöcher bleiben, werden die Juristen klären müssen.

Beim Kompromiss von Durban ist noch einiges offen. Details sollen im nächsten Jahr in Katar beschlossen werden. Was ist noch offen und wie stehen die Chancen auf eine Einigung?
Entscheidend ist, zu welchen Emissionsreduktionen die Länder schliesslich bereit sein werden. Trotz einer grundsätzlichen Bereitschaft für ein Abkommen sind also weder die rechtlichen Details klar, noch ist klar, wie effektiv die Massnahmen sein werden. Bis wenige Stunden vor Ende der Verhandlungen war unklar, ob die ganze Sache völlig platzen würde. Damit ist jede Frage und Spekulation über eine Einigung nächstes Jahr ein Kaffeesatzlesen. Das überlasse ich den Politikern.

Ist es überhaupt realistisch, den Ausstoss von Treibhausgasen massiv zu verringern, wenn gerade Schwellenländer gleichzeitig viele neue Kohlekraftwerke bauen?
Im Prinzip wären Reduktionen schon möglich. Aber gemäss den neusten Zahlen der internationalen Energieagentur ist die heutige Infrastruktur schon für etwa 80 Prozent der CO2 Emissionen verantwortlich, die für einen Anstieg der Temperatur um 2°C erlaubt wären. Und bis 2017 werden es 100 Prozent sein. Ein Kraftwerk ist typischerweise 40 Jahre in Betrieb, und deshalb sind die Entscheide für die Energie-Infrastruktur, die wir heute fällen, so enorm wichtig. Jedes neue Kohlekraftwerk heute verringert den Spielraum in der Zukunft.

Laut Nichtregierungsorganisationen wird das Ziel der Beschränkung auf 2-Grad Erderwärmung immer illusorischer. Man bewege sich auch mit den aktuellen Zusagen auf eine Erwärmung von 3 bis 4 Grad oder mehr zu. Gemäss WWF bedeutet das sogar 6 bis 8 Grad Erwärmung in der Schweiz. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Eine weltweite Erwärmung von drei bis vier Grad ist mit den heutigen Zusagen tatsächlich realistisch. Für die Schweiz sind das eher vier bis sechs Grad, aber auch das ist sehr viel. Das wäre das drei- bis vierfache von der vergangenen Erwärmung, und die hatte schon enorme Auswirkungen, zum Beispiel auf die Natur und Gletscher. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.12.2011, 23:18 Uhr)

Reto Knutti ist Assistenzprofessor für Klimaphysik am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Er war ein Hauptautor des Klimaberichts des Weltklimarats (IPCC). Der IPCC-Bericht wurde mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.(Bild: ETH)

Kompromiss in Durban: Die Klimakonferenz in Durban ging erfolgreich zu Ende. (Video: Reuters)

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