«Bagdad hat keine andere Wahl, als zurückzuschlagen»

Im Nordirak kontrollieren die Extremisten nun zwei wichtige Städte. Wie stark sind die Isis-Rebellen? Wie wird die Regierung reagieren? Und was tun die USA? Antworten von Nahost-Experte Guido Steinberg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe Isis setzen ihren Vormarsch im Nordirak fort. Nach der zweitgrössten irakischen Stadt Mosul sollen sie auch die Stadt Bayji unter ihre Kontrolle gebracht haben. Welche Bedeutung hat dies?
Das ist ein weiterer sehr wichtiger Schlag des Isis gegen die Regierung von Premier Nouri al-Maliki. Die Industriestadt Bayji beherbergt nicht nur die grösste Ölraffinerie des Landes, sie ist auch ein wichtiger Knotenpunkt für den Ölexport. Im Konflikt mit dem Isis ist nun ein Punkt erreicht worden, an dem die Zentralregierung praktisch keine andere Wahl hat, als die Stadt Bayji zurückzuerobern.

Ist die irakische Armee dazu überhaupt in der Lage? Schon die Stadt Mosul hat sie ohne grossen Widerstand verloren.
Es ist schon sehr erstaunlich, dass Armee und Sicherheitskräfte, die rund 500'000 Mann unter Waffen haben, bisher nicht in der Lage sind, mit dem Isis fertig zu werden. Der Isis ist eine relativ kleine Guerillatruppe mit nicht mehr als 10'000 Kämpfern. Die Soldaten der irakischen Armee sind offensichtlich sehr schlecht motiviert. Sie wollen nicht für die Regierung von Maliki kämpfen. Schon gar nicht in den Gebieten, wo die Sunniten die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellen. Das ist für sie feindliches Territorium.

Welchen Rückhalt hat der Isis in der Bevölkerung?
In der Bevölkerung gibt es nur wenige Sympathien für den Isis an sich. Und das gilt selbst für die Iraker in den sunnitischen Teilen des Landes. Die Sympathien für die Zentralregierung in Bagdad sind allerdings noch kleiner. Die Regierung von Maliki hat seit den Wahlen 2010 alles getan, um die Sunniten und Säkularisten von der Macht fernzuhalten. Diese Bevölkerungsgruppen glauben nicht mehr an eine Zukunft in diesem politischen System. Der Hass auf die Regierung ist so gross, dass der Isis von einer wohlwollenden Neutralität der Bevölkerung profitieren kann. Das genügt, um militärische Erfolge zu erringen.

Werden die Isis-Rebellen nach den Erfolgen im Nordirak versuchen, bis nach Bagdad vorzustossen? Von Bayji nach Bagdad sind es nur 200 Kilometer.
Das ist denkbar. Es ist aber davon auszugehen, dass die Hauptstadt zu gut gesichert ist. Der Isis wird in Bagdad keine Chance haben, grössere Teile der Stadt zu erobern. Je mehr sich die Isis-Kämpfer Bagdad nähern, desto häufiger werden sie auf schiitische Milizen stossen. Und diese sind im Gegensatz zu vielen Armeesoldaten hoch motiviert, gut ausgebildet und sehr kampferfahren, seit die Amerikaner im Land waren.

Muss nun die Regierung von Maliki im Kampf gegen die sunnitischen Extremisten vor allem auf die schiitischen Milizen hoffen?
Wenn die Regierung noch einen Rest von Verantwortungsgefühl für das ganze Land hat, muss sie sich zu einer Gegenoffensive durchringen – nicht nur in Bayji, sondern auch in Mosul. Mosul ist mehr als die zweitgrösste Stadt des Landes. Mosul ist das Tor in Richtung Syrien, die Türkei und Irakisch-Kurdistan. Hier kommt noch ein weiterer Spieler hinzu: Die irakischen Kurden bewohnen und kontrollieren weiterhin grosse Teile von Mosul. Und sie haben ein massives Interesse, dass der Isis die Stadt nicht längerfristig übernimmt. Ich gehe davon aus, dass die Zentralregierung und vielleicht auch die kurdische Regionalregierung eine Gegenoffensive starten werden. Bagdad hat keine andere Wahl, als zurückzuschlagen.

Und mit welchem Erfolg?
In der gegenwärtigen Situation wird die Regierung die Stadt Mosul kaum vollständig unter Kontrolle bringen können, wenn sie nicht gleichzeitig ein politisches Konzept entwickelt, das auch die sunnitische Bevölkerung berücksichtigt. Zudem ist Mosul schon seit ein paar Jahren eine wichtige Hochburg des Isis, der nicht vollständig zu vertreiben sein wird.

Eine besondere Verantwortung in diesem Konflikt haben die USA. Was können sie tun, ausser der Regierung Waffen zu liefern, was sie bereits machen?
Die Amerikaner sind schon etwas verzweifelt, weil sie feststellen müssen, dass das Irak-Projekt von US-Präsident George W. Bush vollends zu scheitern droht. Die USA werden die Zentralregierung weiterhin mit Waffen beliefern und die Entwicklungen im Irak eine Weile beobachten. Wenn deutlicher wird, dass der Isis nicht nur für Syrien und den Irak, sondern auch für die Nachbarländer zu einer grossen Bedrohung heranwächst, werden die USA einschreiten. Früher oder später werden amerikanische Kampfdrohnen über dem Norden von Syrien und dem Irak Einsätze fliegen. Die Iraker sind offensichtlich nicht in der Lage, das Problem in den Griff zu bekommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.06.2014, 16:30 Uhr)

Bildstrecke

Jihadisten auf dem Vormarsch im Irak

Jihadisten auf dem Vormarsch im Irak Die irakische Staatsmacht verliert immer mehr Boden an die Jihadisten.

«Früher oder später werden amerikanische Kampfdrohnen über dem Nordirak Einsätze fliegen»: Guido Steinberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Artikel zum Thema

Mit der Taktik Muhammad Alis

Analyse Islamisten haben mit Mosul die zweitgrösste Stadt des Irak eingenommen und die Regierungstruppen verjagt. Damit drängen sie Premier Nouri al-Maliki an die Wand. Mehr...

Einfach nur raus aus Mosul

Hunderttausende Menschen flüchten aus der nordirakischen Stadt vor den Islamisten. Weitere Städte drohen in die Hände der Jihadistengruppe Isil zu fallen. Mehr...

Der Gottesstaat samt Scharia rückt näher

Die Isis-Extremisten gelten als extrem radikal. Nun wollen sie sich im Irak und in Syrien weiter ausbreiten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Alles unter Kontrolle: Am Theater in der indischen Stadt Bengaluru justieren die Beleuchter die Scheinwerfer. (31. August 2016)
(Bild: Abhishek N. Chinnappa) Mehr...