Barack Obamas grösster Triumph
Von Martin Kilian. Aktualisiert am 03.05.2011 3 Kommentare
DNA-Analyse
Der Tote ist Bin Laden
Der Tod von Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden ist nach Angaben eines US-Regierungsvertreters durch eine DNA-Analyse bestätigt – die Wahrscheinlichkeit betrage 99,9 Prozent. Gemäss «Spiegel online» hatte das US-Verteidigungsministerium bereits im vergangenen Februar Verwandte Bin Ladens zur Kooperation aufgerufen und sie um eine DNA-Probe mittels Haaren oder Speichel gebeten. Mit diesen Proben konnte nun der Vergleich gemacht werden.
Zudem wurde noch vor Ort eine Identifizierung der Leiche vorgenommen. Eine Frau, die eine der Ehefrauen Bin Ladens gewesen sein soll, habe bestätigt, dass es sich um den gesuchten Terroristenführer handle.Das US-Verteidigungsministerium besitzt nach eigenen Angaben Fotos von Bin Ladens Leiche. Diese waren bis gestern Abend nicht zur Veröffentlichung freigegeben worden. Bei den Fotos, die gestern im Internet kursierten, handelte es sich um Fälschungen, wie das Pentagon bestätigte. Erstmals hatte das pakistanische Fernsehen diese Fälschung prominent publik gemacht. Es handelt sich um die Montage eines Bin-Laden-Fotos aus dem Jahr 1998 und dem einer unbekannten Leiche. Das US-Verteidigungsministerium überlegt sich, Originalbilder zu veröffentlichen – um Verschwörungstheorien vorzubeugen. (SDA/TA)
Auf dem Times Square in New York feierten die Menschen in den Morgen hinein. (Bild: Chip East (Reuters))
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Es braute sich etwas zusammen an diesem ersten Tag im Mai: In den frühen Abendstunden hatte das Weisse Haus die amerikanischen Fernsehsender informiert, dass sich der Präsident zu später Stunde in wichtiger Sache zu Wort melden wolle. Und während Journalisten in der amerikanischen Hauptstadt rätselten, warum ihre Informanten im nationalen Sicherheitsapparat telefonisch plötzlich nicht mehr erreichbar waren, arbeitete Barack Obama an einer neunminütigen Rede, die seine Präsidentschaft verändern könnte.
Auf den Tag genau acht Jahre nachdem George W. Bush voreilig und zu seinem politischen Schaden das Ende des Kriegs im Irak verkündet hatte und im zehnten Jahr nach dem von al-Qaida angerichteten Blutbad in New York, in Washington und auf einem Acker im Bundesstaat Pennsylvania gab Barack Obama kurz vor Mitternacht am Sonntag bekannt, die Gerechtigkeit habe «gesiegt»: Osama Bin Laden, so der Präsident, sei bei einem Feuergefecht mit amerikanischen Spezialeinheiten in Pakistan getötet, der Kommandeur des Massenmords von «9/11» mithin für seine Taten bestraft worden. In Washington hupten Autofahrer in die Nacht hinein, derweil sich vor dem Weissen Haus Tausende zu einer spontanen Freudenkundgebung versammelten; laut sangen manche die amerikanische Nationalhymne, während andere sich Zigarren anzündeten, um so den Tod des Erzfeinds zu feiern. Stellvertretend für die Angehörigen der Opfer von «9/11» sagte ein New Yorker namens Lee Ielpi, dessen Sohn, ein Feuerwehrmann, an jenem schrecklichen Tag im September 2001 ums Leben gekommen war, er weine und könne es nicht fassen: «Mir fehlen die Worte.»
Barack Obama aber feierte den bisher grössten Triumph einer Präsidentschaft, die zunehmend ins Trudeln geraten war und unter einer wackelnden Konjunktur ebenso litt wie unter wachsenden Zweifeln an seiner Eignung als Präsident. Obamas Vorgänger George W. Bush hatte im Habitus eines Cowboys versprochen, man werde Osama Bin Laden unschädlich machen, «tot oder lebendig»; seinem Nachfolger waren solche Kraftsprüche eher peinlich. Dennoch erledigte Barack Obama jetzt, was dem Vorgänger versagt geblieben war. «Wir werden Bin Laden töten», hatte Obama während des Wahlkampfs 2008 in einer Debatte versprochen; die Erfüllung dieses Versprechens aber schien nach seinem Amtsantritt in weite Ferne gerückt, überlagert von einem politischen Alltag, der beschwerlich und zuweilen hässlich war.
Kinder von «9/11»
Nun wird sich zeigen, ob der «Krieg gegen den Terror», dieses unselige Konstrukt George W. Bushs, mit Osama Bin Ladens Tod endet und die amerikanische Seele vor weiterem Schaden bewahrt wird. Denn es war der saudische Terrorist, dessen Taten und Drohungen rechtfertigen sollten, was letztendlich unvereinbar war mit dem Anspruch Amerikas an sich selbst: die Folter und die Aushöhlung der Bürgerrechte, Guantánamo sowie der Krieg im Irak, der ebenfalls mit Bin Laden legitimiert worden war. Die überwiegend jüngeren Amerikaner, die in der Nacht zum Montag vor dem Weissen Haus feierten, waren Kinder, als sich «9/11» ereignete. Dass es eine Zeit gab, als das Ministerium für nationale Sicherheit nicht existierte und sich niemand auf den Flughäfen seiner Schuhe zu entledigen hatte, lebt in ihrem Gedächtnis bestenfalls als blasse Erinnerung fort. Nach all den Selbstzweifeln inmitten der Spekulationen über einen amerikanischen Niedergang und nach nahezu zehn verlorenen Jahren, in denen sich die Spur Bin Ladens verloren hatte, trat Obama nun vor die Amerikaner – und hielt eine Ode an Amerika.
Verunsicherung verflogen
Die Sicherheit des Landes sei trotz des Todes von Bin Laden weiter gefährdet, sagte Obama in seiner wohl besten Rede als Präsident, «aber heute Abend werden wir einmal mehr daran erinnert, dass Amerika erreichen kann, was immer es sich vornimmt». Der Einsatz in Pakistan geriet somit zum Fanal: Die amerikanische Verunsicherung verflog mit einem Mal, und sei es auch nur für Tage oder Wochen.
Die Ironie der Geschichte wollte es, dass der Präsident diesen Erfolg verbuchen konnte, kurz nachdem er seine Geburtsurkunde vorgelegt hatte, um endlich das Geschwätz, er sei in Kenia geboren und mithin ein illegitimes Staatsoberhaupt, zum Verstummen zu bringen. Selbst seine politischen Feinde konzedierten ihm jetzt den Erfolg: «Ich rechne das dem Präsidenten hoch an; das hat eine Menge Mut erfordert, und es gab keine Garantie – keine –, dass das funktionieren würde», sagte der republikanische Kongressabgeordnete Peter King bewundernd über Obamas Befehl zum Kommandoeinsatz in Pakistan. In der Tat: War Barack Obama von seinen politischen Widersachern nicht mit Jimmy Carter verglichen worden? Und hatte man ihm – etwa in Libyen – nicht eine fatale Unentschlossenheit vorgeworfen, die auch an Carter bemängelt worden war? Wie sein demokratischer Vorgänger werde Obama nach einer Amtszeit auf dem Müll der Geschichte landen, hiess es.
«Krieg gegen den Terror»
Jimmy Carters Befehl zur Befreiung der in Teheran festgehaltenen amerikanischen Geiseln endete vor drei Jahrzehnten in einem Fiasko: Mehrere Helikopter fielen aus, acht US-Soldaten starben. Auch am Sonntag fiel ein Helikopter aus, dennoch konnte die Spezialeinheit den Befehl des Präsidenten ausführen und Pakistan mit der Leiche Osama Bin Ladens an Bord verlassen – Obama war das Glück hold, Jimmy Carter ein vom Pech verfolgter Präsident gewesen. Sowohl George W. Bush als auch Bill Clinton gratulierten Obama, der in dieser Sternstunde an jene Einheit appellierte, welche die Nation in den Monaten nach «9/11» gekennzeichnet hatte. George W. Bush und sein zynischer Stratege Karl Rove hatten diese Einheit zerstört, weil sie den «Krieg gegen den Terror» als politisches Instrument zum Machterhalt missbraucht hatten. Indem Barack Obama nun an das amerikanische Zusammenstehen 2001 erinnerte, handelte er einmal mehr in der Hoffnung, die politische Blockade in Washington überwinden zu können.
Die Nachricht vom Ende Osama Bin Ladens wird die tiefen Gräben kaum zuschütten. Der Präsident aber, dem das Naturell eines Zauderers nachgesagt und gleichzeitig unterstellt wurde, ihm fehle als Oberkommandierendem das nötige Draufgängertum, wird durch die Aktion in Abbottabad aufgewertet werden. Sein nostalgischer Verweis, das Land sei nach «9/11» «wie eine amerikanische Familie» geeint gewesen, gibt freilich den Blick auf eine Befindlichkeit frei, die sich nach politischer Harmonie sehnt und die Feindseligkeiten in der amerikanischen Hauptstadt als Hindernis für dringend nötige Reformen erachtet. Nicht nur Barack Obama hat durch die Ereignisse in Pakistan an Profil gewonnen, sondern auch die amerikanischen Geheimdienste, denen nach Osama Bin Ladens Flucht bei Tora Bora im Herbst 2001 und seinem nachfolgenden Untertauchen Unfähigkeit vorgeworfen wurden. Jetzt kommandierte CIA-Direktor Leon Panetta den Einsatz der Sonderkräfte aus dem Hauptquartier des Geheimdienstes in Langley nahe Washington und bescheinigte seinen Mitarbeitern nach vollbrachter Arbeit, «den infamsten Schurken der Welt» zur Strecke gebracht zu haben.
Panettas unerhofftes Geschenk
In wenigen Monaten wird Panetta an die Spitze des Pentagons wechseln; davor bescherte er seinem Präsidenten nun ein unerhofftes Geschenk: Anderthalb Jahre vor dem Wahltag dürften die Zweifel an der aussen- und sicherheitspolitischen Kompetenz des Amtsinhabers zunächst einmal verstummen, wenngleich sich bis zum November 2012 neue Probleme vor Obama auftürmen werden. Der Aufruhr in der arabischen Welt wird den US-Präsidenten ebenso fordern wie Pakistan, dessen Komplizenschaft mit radikalislamistischen Elementen jetzt neuerlich unter die Lupe genommen werden wird.
Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 hatte Kandidat Obama zur Konsternation des aussenpolitischen Establishments erklärt, notfalls an der pakistanischen Regierung vorbei zu handeln, um Osama Bin Laden auszuschalten. Genau dies scheint Präsident Obama nun getan zu haben, womit knifflige Fragen bezüglich der Zukunft des pakistanisch-amerikanischen Verhältnisses aufgeworfen werden. Der Tod des Massenmörders, so Obama, bedeute keineswegs «das Ende unserer Bemühungen», den Terrorismus zu bekämpfen. Vielleicht kündigt sich mit den Ereignissen in Pakistan Schritt um Schritt die Modifizierung einer amerikanischen Strategie an, die in zwei Kriege mündete und Soldaten an allen Ecken und Enden der Welt platzierte – von den Philippinen bis nach Paraguay und von Mali bis nach Pakistan. Und vielleicht wird Barack Obama dereinst als jener Präsident in die amerikanische Geschichte eingehen, der die Verformungen des «Kriegs gegen den Terror» ausbügelte und die Vereinigten Staaten wieder zur Besinnung brachte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.05.2011, 23:36 Uhr
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3 Kommentare
5 Männer und 1 Frau live zu ermorden ist kein Triumph. Die Tausenden Milliarden und Zehntausenden von Menschenleben, die USA in Irak, Afghanistan,Pakistan und Libyen vernichteten, sind Zeugnisse, dass das Imperium americana zu Ende geht. China, Brasilien und Indien sind die lachenden Dritten. Ein Dollar war vor zehn Jahren 1.8 Fr. Heute ist er 0.86 Fr. wert. Triumph? Nein, Untergang. Change? Nein. Antworten
Grösster Triumph oder schlussendlich nur ein kleiner Phyrrussieg??? Die Gegenwart wird von der Vergangenheit mitbestimmt und unsere Zukunft wird genau so von der Gegenwart mitgestaltet werden.
Bin Laden und seine Al-Kaida wurden vom Westen gefördert und finanziert um einem anderen Land zu schaden.
Die gestrige Liquidierung bringt also gar nichts - im Gegenteil; man legt die Samen für die Zukunft.
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