Ausland

Bart weg, Burka weg

Algerien führt den biometrischen Pass ein und empört damit seine Bürger. Denn die müssen sich ohne Bart und ohne Kopftuch fotografieren lassen.

Auf Shoppingtour: Verhüllte Algerierinnen auf einem Markt in Algier.

Auf Shoppingtour: Verhüllte Algerierinnen auf einem Markt in Algier.
Bild: Reuters

Das Porträt wird zum Politikum. In der algerischen Presse und auf den panarabischen Fernsehsendern wird heftig debattiert darüber, ob der Staat bei der Einführung des biometrischen Passes, die ja spätestens 2015 vollendet sein soll, die Bürger zu einer körperlichen «Entblössung» zwingen kann – einer kleinen, aber offenbar entscheidenden. Algeriens Innenminister Yazid Zerhouni beschied den Frauen, dass sie den Hijab, das Kopftuch, beim Fototermin bis zum Haaransatz anheben und die Ohren freimachen müssten. Die Form der Ohren sei ein wichtiges Erkennungsmerkmal, genauso wie die genaue Distanz zwischen den Augen. Den Männern mit langen Bärten trug er auf, diese für das Passfoto zu stutzen: Das Barthaar muss laut internationalen Vorgaben ganz zu sehen sein, darf also nicht am Bildrand verschwinden.

Viel Aufregung

Seither herrscht viel Aufregung, weit über die Grenzen hinaus. In Algerien trägt mehr als die Hälfte der Frauen den Hijab, und viele Männer bezeugen ihre Religiosität mit langen Bärten. Die konservativen arabischsprachigen Zeitungen, sekundiert von muslimischen Vereinigungen, laufen Sturm gegen eine angebliche «Säkularisierung der Republik». Die Regierung beuge sich dem Druck des Westens. Der Minister kontert, man passe nur die eigenen Standards jenen im Rest der Welt an. Das Ziel sei es vielmehr, die Sicherheit des Volkes zu erhöhen und den Terrorismus weiter und effizienter zu bekämpfen. Er traf sich schon mit Geistlichen, damit ihm diese helfen bei seiner Kampagne. Mit wenig Erfolg.

Wahrscheinlich kommt Zerhouni die Polemik über das regelkonforme Passfoto dennoch gelegen: Sie verdeckt einen anderen, heikleren Aspekt dieser administrativen Grossoperation.

Detaillierte Registrierung

«Was ist denn nun das wahre Problem?», fragt die Zeitung «Le Soir d'Algérie». Die Regierung fordert die Bürger nämlich auf, mit dem Antrag für den neuen Pass ein 12-seitiges Formular auszufüllen, in dem sie erstaunlich detailliert Bescheid wissen will über jeden Einzelnen. So müssen die Algerier ihre gesamte Schullaufbahn nachzeichnen und dazu die Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen von drei Kameraden angeben. Das gilt auch für die militärische Ausbildung. Bei der Präsentation des Dossiers muss jeder Antragsteller zudem einen Zeugen mitbringen, der die gemachten Angaben persönlich bestätigt. Das dürfte besonders jene Algerier vor Probleme stellen, und es sind viele, die im Ausland leben und dort ihre Schulen absolviert haben. Menschenrechtsorganisationen monieren, der Staat wolle mit dem Vorwand der Terrorbekämpfung seine Bürger fichieren. Er verletze damit das Recht auf Privatsphäre. «Und wer garantiert uns», fragt «Le Soir d'Algérie», «dass diese Angaben nicht bald die ausländischen Nachrichtendienste nähren und für politische Zwecke genutzt werden?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2010, 23:54 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

21 Kommentare

Zahide Bajrami

26.08.2010, 16:06 Uhr
Melden

Meine Meinung ist die die den Islam nicht kennen wiesen nicht um was der Bart bei den Männern ist oder bei den Frauen der Hijab, was für die Muslimen das bedeutet also besser sich vorher informieren und dann sich auf ungerechte entscheidungen trefen oder sich freuen. Und die die es wiesen es ist nur ein Gott ob Muslem,Katholisch oder Reformiert. Antworten


Christoph Geiser

28.05.2010, 11:49 Uhr
Melden

Es ist ja wie hier, niemand wird gezwungen, einen Pass zu beantragen. Aber es zeigt doch exemplarisch die Bruchlinie zwischen praktischen Erfordernissen und religiösen Dogmen. Natürlich wird dieses Thema die islamischen Länder beschäftigen, schliesslich akzeptieren fundamentale Kreise nur den Gottesstaat und werden die Gelegenheit nutzen, entsprechend Stimmung zu machen. Antworten


Heinz Zauber

28.05.2010, 11:14 Uhr
Melden

Es gibt nur einen Islam, aber zum Glück verschiedene Muslime. Antworten


Peter Züllig

28.05.2010, 11:10 Uhr
Melden

Wenn Schweizer Minarette oder Burka verbieten möchten, dann angeblich um die eigene Kultur und Identität zu schützen. Wenn andere Ländern mit eigener Kultur und Identität versuchen, ihre Werte zu schützen, dann sind es entweder Radikale, Terroristen oder kulturell Zurückgebliebene. Antworten


rainer raschle

28.05.2010, 11:04 Uhr
Melden

@Wick Sophia: darf das unabänderliche Wort Allahs aufgeklärt und modernisiert werden? Ich denke nicht. Natürlich aber gibt es Millionen von Muslimen, die hier und heute nicht mehr bereit sind, ihr ganzes Leben dem alles regelnden Recht und Gesetz Allahs zu unterwerfen. Insofern haben Sie ansatzweise recht. Antworten


li tschudin

28.05.2010, 10:57 Uhr
Melden

hat frau illi schon einen biometrischen pass? Antworten


Ernst Meier

28.05.2010, 10:51 Uhr
Melden

Bravo! Die Moderne fängt durch zivilisierung an! Antworten


adrian strebel

28.05.2010, 10:21 Uhr
Melden

Herr Raschle, es ist doch nun wirklich klar, dass es DEN ISLAM nicht gibt. Islam ist einiges diverser als das Christentum. Antworten


Alain Jean-Mairet

28.05.2010, 09:53 Uhr
Melden

Ich schliesse mich Rainer Raschle an. Vor Jahrzehnten war Islam am sterben, unter den Druck der Modernität. Die Muslime beteten kaum noch, hatten Anderes im Kopf als Muhammad und versuchten, sich vom Alten zu befreien. Dazumal war Iran für seine Ärzte bekannt, Nord-Afrika für seine bunte Originalität, den Orient für seine Magie. Was heute passiert ist der Rückkehr des Scharia. Islam as usual. Antworten


Werner Sommer

28.05.2010, 09:47 Uhr
Melden

Endlich! Ein muslimisches Land macht es vor, was unsere Oberen immer noch nicht getraut haben. Es wird nun endlich auch in unserem Lande Zeit, energiscgh durchzugreifen! Antworten


Gerhard Keller

28.05.2010, 09:36 Uhr
Melden

Herr Raschle, Millionen von Muslimen wollen diese Art der Glaubensauslegung nicht sondern sprechen sich für eine moderne und aufgeklärte Religion ohne Kleiderzwänge aus. Also pauschalisieren Sie den Islam nicht mittels deren Fundamentalisten. Antworten


Wick Sophia

28.05.2010, 09:24 Uhr
Melden

@ Rainer Rachle, genau solche undifferenzeierten Aussagen sind die vielen unnötigen Diskussionen zu "verdanken". Genauso wie es Katholiken und Katholiken gibt, gibt es Moslems und Moslems, ich habe einige muslimische Freunde und auch sie sind schokiert über die Radikalisierung, Ihre Aussage ist absolut unhaltbar. Es ist als würde man sagen alle Priester sind Pädophil, machen Sie ja auch nicht... Antworten


Daniel Müller

28.05.2010, 09:17 Uhr
Melden

Ist doch super: die, die sich nicht nackig fotografieren lassen wollen, sind per se verdächtig, Terroristen zu sein, kriegen keinen Pass, reisen nicht und bleiben, wo sie sind. Und alles ist in Butter. Antworten


Ulrich Tanner

28.05.2010, 09:09 Uhr
Melden

BRAVO !!! Ich begrüsse das. Ich fragte mich schon lange, wie konnten diese Islam Frauen mit der Burka überhaupt in die Schweiz oder andere Länder Reisen konnten? Und wie kamen sie am Zoll vorbei? Es gibt gewisse Vorschriften für das Passfoto, wie grösse, ohne Mütze usw. Bravo Algerien und Danke für den Mut. Antworten


Norbert Rufer

28.05.2010, 08:38 Uhr
Melden

@Huber. Bitte Artikel genau durchlesen - von Burka ist darin nicht die Rede. Antworten


rene klingler

28.05.2010, 08:35 Uhr
Melden

Absolut richt und korrekt dieses Vorgehen! Auf einem Passfoto muss das Gesicht ganz deutlich erkennbar sein sonst könnte jeder eine Larve anziehen und sich so ablichten lassen, das hätte dann den gleichen Effekt! Antworten


rainer raschle

28.05.2010, 08:20 Uhr
Melden

@Reto Huber und Rainer Burri: es handelt bei dieser Entwicklung meiner Meinung nach nicht um eine "Radikalisierung" des Islams, sondern um DEN Islam an sich. Antworten


Werner Hebeisen

28.05.2010, 08:13 Uhr
Melden

Diese Entscheidung ist mehr als erstaunlich. Das passt nicht ins Schema es sei denn es gehe nur darum zu wissen ,wer, wo ist ,was hat und mit wem verkehrt. Anhand dieser Resultate werde Pässe ausgestellt oder nicht. Die Kontrolle ist also optimal, nur wofür ?? Terrorbekämpfung ?? Unvorstellbar ! Privatsphäre verletzen od. nicht . interessiert in der Regierung niemand. Antworten


Roland Moser

28.05.2010, 07:53 Uhr
Melden

Mann kann den Bart ja auch rückwärts hinaufbinden, dann hat er Platz auf dem Foto. Antworten


Rainer Burri

28.05.2010, 07:15 Uhr
Melden

@ Reto Huber: Da kann ich nur zustimmen. Auch ich war damals ferienhalber in Algerien. Wir besuchten die Eltern meiner damaligen Partnerin. Bührle hatte dort Fabriken, beispielsweise in Ain El Kebira, im Gebirge, in der Nähe von Sétif. Die Radikalisierung des Islams geht auch im Süden Thailands schnell voran. Da herrscht Terror, und Touristen sind geben, sich nicht dort hin zu begeben! Antworten


Reto Huber

28.05.2010, 06:45 Uhr
Melden

Die Art und Weise wie berichtet wird, missachtet die Tatsache dass vor 20 Jahren keine Frau mit Burka herumlief in Alger, Tizi Ouzou usw. Lange Bärte waren auch nicht Mode. Ich weiss das weil ich dort war. Die Art und Weise in welcher gegen die biometrische Erfassung protestiert wird ist ein weiteres Indiz für die schleichende Radikalisierung des Islams leider nicht nur in diesem Land. Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate