«Bei jeder dritten Hochzeit wird ein Kind verheiratet»

Miraj Pradhan von Unicef berichtet, dass es sich viele syrische Flüchtlingsfamilien nicht mehr leisten können, ihre Kinder zu ernähren. Deshalb würden immer häufiger die Mädchen verkuppelt.

Syrische Flüchtlingsmädchen spielen in den Aussenbezirken der jordanischen Hauptstadt Amman. Foto: Khalil Hamra (AP, Keystone)

Syrische Flüchtlingsmädchen spielen in den Aussenbezirken der jordanischen Hauptstadt Amman. Foto: Khalil Hamra (AP, Keystone)

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Wenn wir Bilder betrachten aus den Lagern in Jordanien, auch aus dem berüchtigten Zaatari-Camp, sehen wir fast immer lachende und gut ernährte syrische Flüchtlingskinder. Wird deren Trauma überschätzt?
Das Problem ist, dass die Medien nur die Lager besuchen. Über eine halbe Million Flüchtlinge leben jedoch irgendwo in ­Jordanien, bei Verwandten, in Herbergen oder einer leer stehenden Wohnung. Diese Flüchtlingsfamilien sind weniger geschützt und versorgt als jene in den Lagern. Obwohl natürlich nur jene Familien ins Lager kommen, die es sich nicht leisten können, ausserhalb zu leben. Die Kinder in den Lagern sind zuversichtlicher, weil sie sich sicherer fühlen. Und sie haben oft die Freunde von zu Hause im Lager um sich herum. In den jordanischen Dörfern dagegen sind die Flüchtlingsfamilien isoliert. Aber wir arbeiten auch mit den Kindern dieser Familien.

Dann täuscht also der Eindruck?
Das Trauma ist gross, egal, wo ein Flüchtlingskind lebt. Der Betreuer, der das Kind langfristig psychologisch begleitet, und nur er, spricht mit ihm über das Erlebte. Wir wollen die Kinder nicht erneut aufwühlen, denn jedes Mal, wenn man über das Erlebte spricht, wird die Erinnerung aufgefrischt. Vielmehr sollen sich die Kinder von ­ihren Erinnerungen erholen. Sie haben Bombardierungen erlebt, sie sahen, wie Angehörige starben, sie waren auf der Flucht. Ihre Geschichten gleichen sich.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Der 9-jährige Omar aus Damaskus ist kürzlich in Azraq angekommen. Das Lager wurde im vergangenen Jahr eröffnet, die meisten Neuankömmlinge werden hier aufgenommen. Es gibt ein spezielles Zentrum für Kinder. Als ich kürzlich da war, malten sie. Und alle Buben malten Gewehre.

Auch hier malen Buben gerne und oft Gewehre.
Ja, aber nicht so exakt. Die Buben aus Syrien zeichneten die Kalaschnikow AK-47 ganz genau, also mit dem hölzernen Kolben und dem braunen Gewehrgriff. Und das ist bei allen Buben so, die frisch ankommen. Sie malen Waffen oder Kampfflugzeuge, die Fassbomben abwerfen. Mit allen Details. Erst nach einer Weile malen die Kinder andere Dinge.

Was malen die Mädchen?
Keine Gewehre, dafür Menschen, die rennen, die fliehen. Ein Vater erzählte mir, wie er seine Kinder in der Nacht weckte und die Familie losrannte. Sie sprangen über Menschen, die am Boden lagen. Das waren alles Tote. Das sehen wir auch auf den Zeichnungen. Sobald sich die Mädchen sicher fühlen, malen sie gerne Schmetterlinge und Blumen.

Zeichnen die Kinder lieber, als dass sie erzählen?
Viele reden überhaupt nicht. Wie zum Beispiel Omar aus Damaskus. Er hat einen Bruder, der zwei Jahre älter ist. Dem geht es sehr gut, er geht in Jordanien zur Schule, er kann dem Unterricht gut folgen, und er liebt Real Madrid. Da fragte ich Omar, wie es denn ihm gehe in der Schule. Er antwortete nicht. Erst zwei Monate nach seiner Ankunft sagte er erste Worte. Dabei hat ihm sein Bruder sehr geholfen, indem er ihn zu den Treffen mit der Betreuerin begleitete.

Was erzählte Omar?
Er berichtete von Bombardierungen, von Schiessereien, von der Flucht. Und auch davon, dass er sich stundenlang in einem Niemandsland aufgehalten habe und nicht wusste, wohin er gehen sollte. Und dass er grosse Angst hatte, obwohl seine Eltern da waren. Das ist einschneidend für Kinder: Sie sind sich gewohnt, dass Vater und Mutter sie beschützen, dass sie keine Angst haben müssen. Aber im Krieg und auf der Flucht brechen diese Gewissheit und das Grundvertrauen weg. Sie realisieren, dass auch die Eltern Angst haben und nicht wissen, wohin. Das verletzt die kindliche Psyche.

Welche psychologische Hilfe brauchen die Kinder?
An der Grenze, wo die Familien aus Syrien ankommen, haben wir einen Spielplatz eingerichtet mit Schaukeln und Rutschen. Mitten im Nirgendwo. Und hier spielen die Kinder, sobald sie registriert sind. Ich fragte einen Buben, weshalb er so glücklich sei und lache. Er sagte, er habe erstmals seit zwei Wochen duschen können und zweimal zu essen bekommen. Natürlich war er traumatisiert, aber er wusste, es fallen keine Bomben mehr. Und irgendwann stellt sich die Routine wieder ein: Die Kinder gehen zur Schule, oder sie spielen – wie überall auf der Welt. Routine ist ganz wichtig, um das Trauma zu verarbeiten.

Wo gehen die Kinder in die Schule?
Wir haben Schulen in den Lagern. Die meisten Kinder aber gehen in eine jordanische Schule. Die jordanischen Schulen werden wegen der Krise doppelt genutzt: am Morgen für die einheimischen Kinder, am Nachmittag für die Flüchtlingskinder.

Aber wie kann man einfach so 300'000 weitere Kinder ausbilden?
Es ist schwierig, wir erreichen nicht alle. Jordanien hat auch nicht die notwendigen Mittel. Etwa die Hälfte der Flüchtlingskinder, also 160'000 Kinder, kann regulär zur Schule gehen. Weitere werden informell zu Hause unterrichtet, aber 20'000 Kinder erhalten gar keine Bildung. Deshalb beginnen wir, die Kinder schon bei den Empfangszentren an der Grenze zu unterrichten. Die Schule bringt die wichtige Routine. Und Bildung ist zentral, um zu vermeiden, dass eine «verlorene Generation» entsteht. Ohne Bildung erhält man keinen Job, die jungen Leute sind frustriert. Und das wäre die Grundlage für den nächsten Konflikt im Nahen und Mittleren Osten.

Schicken die Eltern auch die Mädchen zur Schule?
Zum Teil. Es gibt Familien, die ihre Mädchen gar nicht hinauslassen, also auch nicht in die Schule. Aber es gibt auch Probleme mit Buben, weil sie oft die Schule aufgeben, um Geld für die Familie zu verdienen. Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten in Jordanien, weil die Arbeitslosigkeit bereits hoch ist. Da ist es einfacher für einen Buben als für einen Mann, schwarz einen Job zu bekommen, etwa in einem Teeladen oder in einer Autowerkstatt. Wir sind jetzt im fünften Kriegsjahr, nur wenige Familien aus Syrien können es sich leisten, so lange im Ausland zu leben. Etliche kehren nun nach Syrien zurück. Das ist auch ein Grund, weshalb Mädchen verheiratet werden. Ein verheiratetes Kind ist sicher.

Wie alt sind die Mädchen, die verheiratet werden?
10 bis 15 Jahre. Unter den syrischen Flüchtlingen wird bei jeder dritten Hochzeit ein Kind verheiratet. Bereits vor dem Krieg gab es viele Kinderheiraten in Syrien. Aber die Zahl ist gestiegen. Arabische Familien haben viele Kinder. Sie können es sich nicht mehr leisten, alle zu ernähren.

Trifft es zu, dass reiche Scheichs aus den Golfstaaten oder Saudiarabien in den Lagern auftauchen, um syrische Mädchen zu kaufen?
Was die Medien gehört haben, hören wir auch. Bestätigen kann ich es nicht. Denn diese Händel laufen immer über Mittelsmänner. Aber wenn man weiss, wie arm diese Familien sind, kann man annehmen, dass es passiert. Allerdings würde ich nicht sagen, dass eine Familie ein Mädchen verkauft. Sie geben es vielmehr als Braut. Dabei fühlt sich der Vater weniger schuldig, als wenn sich das Mädchen prostituiert, um Geld zu verdienen.

Was können Sie dagegen machen?
Wir versuchen die syrischen Mütter aufzuklären über die negativen Folgen von frühen Heiraten. Wir geben den Familien zudem 28 Dollar pro Kind pro Monat, damit sie etwas weniger angewiesen sind auf das Geld reicher Scheichs. Dabei konzentrieren wir uns auf die Flüchtlinge ausserhalb der Lager. Dort sieht niemand, wenn eine Kindsbraut weggegeben wird. Die Familien können das Geld für Essen ausgeben, oder für Schuhe, oder für was sie wollen. Ein Vater erzählte mir, dass er damit seiner Tochter endlich Slipper kaufen konnte. Sie wollte die schon lange, und ihm sei es so peinlich gewesen, dass er ihr bisher keine habe kaufen können.

Welchen Gefahren sind Buben ausgesetzt?
Viele junge Burschen wollen zurück in den Krieg. Es geht ihnen um die Ehre. Sie fühlen sich schuldig, weil sie ihren Kameraden nicht helfen. Wir versuchen zu verhindern, dass sie Kindersoldaten werden. Doch sie wissen genau, was in Syrien läuft. Sie benützen Whatsapp, sie schauen Nachrichten, und das Handynetz funktioniert immer noch über die Grenze hinweg.

Kommen Milizionäre aus Syrien, um junge Flüchtlinge als Kämpfer anzuwerben?
Wir haben keine offizielle Bestätigung, aber das findet natürlich statt. Wir geben mit Bildung Gegensteuer. Auch bieten wir den Jugendlichen Sportmöglichkeiten an. Sie können Fussball spielen oder etwa ringen, was sehr populär ist in Syrien. Wir haben das Glück, den nationalen syrischen Meister, Mohammad al-Karad, im Lager Zaatari zu haben. Er ist Trainer und sehr populär. Auch ein Boxer ist bei uns. Sie dienen als Vorbilder, damit die Jungs nicht das Gefühl haben, sie müssten zurück in den Krieg, um ihre Ehre zu retten. Dennoch haben die Rekrutierer leichtes Spiel, wenn sie einem Jungen 500 Dollar anbieten. Damit kann er seiner Familie echt helfen.

Mohammad al-Karad, der Ringer im Flüchtlingslager. Video: Unicef

Lässt sich das nicht verhindern?
Der jordanische Geheimdienst engagiert sich erfolgreich. Agenten haben sich unter die syrischen Flüchtlinge gemischt, um Milizionäre aufzuspüren, die Kindersoldaten anheuern. Seit Jordanien zur Koalition gehört, die Stellungen des Islamischen Staats (IS) bombardiert, ist der Geheimdienst aktiv. Die Regierung will unbedingt verhindern, dass IS-Terroristen einsickern oder rekrutiert werden.

Sie waren früher für Unicef in Liberia. Ist die Arbeit in Jordanien anders?
Ja. In Afrika sind die Flüchtlinge oft zufrieden mit einer Decke und etwas Wasser. Aus Syrien aber ist die Mittelklasse geflohen. Diese Menschen sind oft gebildet und haben etwas Vermögen mitgebracht, obwohl sie es inzwischen aufgebraucht haben. Entsprechend muss auch die Hilfe anders sein. Nothilfe ­alleine reicht nicht, wir wollen diesen Menschen auch etwas Würde zurückgeben. Sie sollen einmal etwas kaufen können, das ihnen oder ihrem Kind einfach gefällt. Andererseits brauchen auch die Syrer Wasser, um anständig leben zu können. Heute bekommt jede Person 35 Liter pro Tag. Aber es wird knapp. Wasser ist jedoch wichtig, gerade für Muslime. Wasser gibt Sauberkeit, Sauberkeit gibt Würde, und Würde hilft, das Trauma zu verarbeiten.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.06.2015, 18:42 Uhr)

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Miraj Pradhan

Über 300'000 Flüchtlingskinder

Der 41-jährige Kommunikations­spezialist stammt aus Bhutan. Pradhan arbeitet seit 11 Jahren für das UNO-Kinderhilfswerk Unicef. In Jordanien kümmert er sich um Fragen zu den syrischen ­Flüchtlingskindern. Derzeit sind in Jordanien 630'000 Flüchtlinge registriert, die Hälfte von ihnen sind Kinder unter 18 Jahren. Allerdings leben nur 20 Prozent der Flüchtlinge in einem der fünf Lager in Jordanien. Das grösste ist Zaatari mit gut 80'000 Menschen, gefolgt vom Lager Azraq mit 17'000 Menschen, das die meisten Neuankömmlinge aufnimmt. Die grosse Mehrheit lebt daher verteilt auf ganz Jordanien. Miraj Pradhan hat die Schweiz auf Einladung der Unicef und der «Schweizer Familie» besucht. (chm)

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