Boko Haram überfällt Partnerkirche von Schweizer Hilfswerk

In Nigeria scheint der Vorstoss der islamistischen Terrorsekte unaufhaltsam. Nun hat sie ein Dorf erobert, in dem sich die Basler Mission 21 engagiert.

Boko Haram terrorisiert Nigeria mit Gewaltakten: Am 21. Mai dieses Jahres starben bei diesem Bombenanschlag in der Stadt Jos über 100 Menschen.

Boko Haram terrorisiert Nigeria mit Gewaltakten: Am 21. Mai dieses Jahres starben bei diesem Bombenanschlag in der Stadt Jos über 100 Menschen. Bild: Keystone

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Der Anruf kam am Mittwoch um 3 Uhr in der Früh. Markus Gamache erfuhr am Telefon, dass die nigerianischen Regierungstruppen ihren Checkpoint vor dem Dorf Kwarhi aufgegeben und sich davongemacht hätten. Damit war klar: Boko Haram ist im Anmarsch. Um 6.30 Uhr dann die Gewissheit: Die islamistische Terrorgruppe hat mit Kwarhi ein weiteres Dorf überrannt und das hier ansässige Hauptquartier der Church of the Brethren eingenommen.

Dort, bei der Kirche der Geschwister in Kwarhi, hatte Gamache gearbeitet, bevor die «Extremisten», wie er sagt, in die Offensive gingen. Inzwischen ist ihm seine Heimat abhandengekommen. Er darf als Kirchenmitarbeiter den Islamisten nicht in die Hände fallen, schon gar nicht als zum Christentum konvertierter Muslim: «Ich kann nicht zurück.» Deshalb leitet der 46-jährige Betriebswirt heute seine Projekte von Jos aus, einer Stadt an der Grenze zwischen dem muslimisch dominierten Norden und dem christlichen Süden Nigerias.

Die Kirche der Geschwister ist eine Partnerin der Basler Mission 21. Gamache war eben zu Besuch in der Schweiz. Auf dem Rückweg erhielt er in Nigerias Hauptstadt Abuja die verstörenden Anrufe aus Kwarhi. Im 4000-Seelen-Dorf leben vor allem Mitarbeiter der Kirche. «Sie versuchten, zu fliehen», berichtet Gamache am Telefon. Allerdings sei das schwierig und gefährlich, denn die Terroristen wollten die Bewohner aufhalten. «Sie umstellen eine Ortschaft und blockieren die Ausfallstrassen. Und dann dringen sie in die Dörfer und Städte ein. Das ist stets ihre Taktik.» Es habe Tote gegeben in Kwarhi, sagt Gamache, wie viele wisse er noch nicht.

Allein in diesem Jahr hat Boko Haram 2000 Zivilisten ermordet, Tausende sind auf der Flucht. Nun sei erstmals auch das Hauptquartier ihrer Partnerkirche angegriffen worden, sagt Armin Zimmermann, bei Mission 21 verantwortlich für Nigeria. Allerdings sei die Kirche der Geschwister seit Jahren im ­Visier von Boko Haram. Schweizer Mitarbeiter seien deshalb längst keine mehr vor Ort. «Die Terroristen haben immer wieder Einrichtungen der Kirche attackiert, vor allem Schulen.» Drei Viertel der im April entführten Mädchen gehören zu dieser protestantischen Kirche.

Angst um Mutter und Tochter

Von Kwarhi aus scheint die Terrorsekte den Marsch auf das 20 Kilometer entfernte Mubi zu planen, eine Bezirkshauptstadt mit 100'000 Einwohnern. Wer Mubi kontrolliert, beherrscht die Region. Markus Gamache befürchtet das Schlimmste: Seine Tochter lebt und studiert in Mubi. «Sie hat mich angerufen und sagte, sie sässe in der Falle. Die Stadt sei bereits umstellt.» Und weiter: «Klar, ich habe Angst, in erster Linie aber um meine Familie.» Er habe bereits den Bruder verloren. «Und seit Monaten habe ich nichts mehr gehört von meiner Mutter und meiner Schwester.» Sie leben im Bundesstaat Borno im äussersten Nordosten des Landes. Und das ist inzwischen schon fast Boko-Haram-Land – hier will die Terrorsekte einen Scharia-Staat errichten.

Derweil wirkt der nigerianische Staat hilflos im Kampf gegen die Terroristen. Die islamistische Revolte ist nun schon in ihrem fünften Jahr, und die Regierungstruppen machten bisher nur von sich reden, wenn sie das Weite suchten wie nun bei Kwarhi. Oder aber es werden ihnen grobe Menschenrechtsverletzungen gegenüber Zivilisten vorgeworfen. Demoralisierte Soldaten haben sich gegenüber Medienvertretern beklagt, sie seien den Extremisten waffentechnisch unterlegen und hätten zu wenig Munition. Ausserdem seien sie schlecht bezahlt und bekämen zu wenig zu essen. Das erstaunt nicht: Millionen von Dollar, die für den Kampf gegen den Terrorismus vorgesehen waren, sind im Korruptionssumpf verschwunden.

Die Führung unter Präsident Goodluck Jonathan hat jedes Vertrauen verspielt, auch das von Markus Gamache. Er erwartet gar nichts mehr. Am Tag vor dem Angriff auf Kwarhi hatte die Regierung mitgeteilt, die Verhandlungen mit Boko Haram würden gut verlaufen; sie versprach «konkrete und positive» Ergebnisse. Gamache entgegnet: «Es gibt keine Beweise, dass es überhaupt ernst zu nehmende Gespräche gibt.» Und er erinnert daran, dass auch die Befreiung der Mädchen grossspurig angekündigt worden sei. «Gleichzeitig wurden sechs Dörfer überfallen. Nein, wir Nigerianer glauben der Regierung kein Wort mehr.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.10.2014, 00:31 Uhr)

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