Bomben auf die Helfer in Syrien

Nach der Attacke auf einen Hilfskonvoi hat die UNO die Hilfe in Syrien eingestellt. Die USA erheben schwere Vorwürfe gegen Russland und das Regime in Damaskus.

Völlig ausgebrannt: Die Lastwagen transportierten Lebensmittel, Winterkleidung und Medikamente. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Völlig ausgebrannt: Die Lastwagen transportierten Lebensmittel, Winterkleidung und Medikamente. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

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Es gab ein bisschen Hoffnung, dass die Waffenruhe in Syrien noch gerettet werden könnte. Dass Not und Leid der Zivilbevölkerung vielleicht gelindert würden. Dass sich Amerikaner und Russen noch einmal zusammenraufen würden bei der UNO-Generalversammlung in New York. Um das Abkommen über eine Feuerpause und militärische Kooperation gegen Terroristen in Syrien nicht gänzlich abzuschreiben, das die Aussen­minister John Kerry und Sergej Lawrow vor nicht einmal zwei Wochen ausgehandelt hatten. Mehrere Konvois der Vereinten Nationen und des Roten Halbmonds ­hatten sich am Montag auf den Weg gemacht, um Zehntausende mit dem Nötigs­ten zu versorgen: Nahrungsmittel, Winterkleidung, Medikamente. 31 Lastwagen waren aufgebrochen, um über Frontlinien hinweg Hilfe in den Ort Urum al-Kubra zu bringen, der 20 Kilometer südwestlich von Aleppo liegt, in einem Gebiet, das Rebellen kontrollieren.

Am Abend dann, die Hilfsgüter wurden gerade abgeladen und in ein Lagerhaus des Roten Halbmondes gebracht, schlagen plötzlich Geschosse ein. Von vier oder fünf Explosionen sprechen Augen­zeugen, und davon, dass die Attacken aus der Luft kamen. Nach einer ersten Angriffswelle habe es eine zweite gegeben, sie galt offenbar den Helfern, die Verletzte retten wollten. Mindestens 20 Menschen kamen durch das Bombardement ums Leben, Mitarbeiter des Roten Halbmonds und Zivilisten. 18 Lastwagen wurden zerstört und ein Grossteil der Hilfsgüter, die sie geladen hatten.

«Es war ein Luftschlag»

«Unsere Wut über diesen Angriff ist enorm. Der Konvoi war das Ergebnis eines langen Verhandlungsprozesses mit dem Ziel, eingeschlossenen Menschen zu helfen», teilte der UNO-Sondergesandte Staffan de Mistura mit. Route und Ziel des Konvois waren laut UNO Russland und dem Regime von Bashar al-Assad bekannt; es hatte Durchfahrtsgenehmigungen erteilt. Sollte sich der Angriff vorsätzlich gegen die Helfer gerichtet haben, «läuft dies auf ein Kriegsverbrechen hinaus», sagte der Chef der UNO-Hilfseinsätze, Stephen O’Brien.

Die UNO stellten in der Folge alle Hilfslieferungen in Syrien vorüber­gehend ein; Konvois in die von Rebellen blockierten Orte Foua und Kefraya in Idlib fuhren ebenso wenig wie die geplanten Transporte für die von der Regierung belagerten Orte Madaya und Zabadani bei Damaskus. Weder die UNO noch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sagten direkt, wen sie für den Beschuss verantwortlich machen. Die USA dagegen schon: «Wir wissen, dass es ein Luftschlag war», sagte ein hoher Mitarbeiter der US-Regierung, und es sei keiner der von den USA geführten Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gewesen. «Wir wissen nicht, ob es die Syrer oder die Russen waren», sagte er – nur sie fliegen in dem Gebiet. Zugleich nahm er Russland in Haftung für das, was das Regime tue.

Die UNO verurteilt den Beschuss.

In Moskau dauerte es bis am Nachmittag, bis die Regierung eine Haltung fand. «Ich halte es nicht für richtig, irgendwelche unbegründeten Schlüsse zu ziehen. Im Moment prüft unser Militär Informationen über diesen Beschuss und ich hoffe, sie bekommen bald konkrete Informationen aus erster Hand und können eine Erklärung abgeben», sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Später dann teilte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit: «Weder die russische noch die syrische Armee hat einen Luftangriff auf den UNO-Konvoi bei Aleppo geflogen.» Man habe die von Aktivisten ins Internet gestellten Videoaufzeichnungen geprüft und keine Anzeichen festgestellt, dass die Wagenkolonne von Munition – welcher Art auch immer – getroffen wurde. «Alles, was wir im Video gesehen haben, ist eine direkte Folge eines Brandes der Ladung», sagte Konaschenkow. Der Brand sei ­«komischerweise zeitgleich» mit einer Offensive der Terrorgruppe Jabhat Fatah-al-Sham ausgebrochen, der einstigen Nusra-Front. Nur deren Kämpfer wüssten, was passiert sei.

Die Voraussetzungen für eine Rettung der Waffenruhe waren schon schlecht, nun aber ist die Lage nach Einschätzung internationaler Diplomaten prekär wie nie. Viele gaben sich am Dienstagmorgen in New York vor Beginn einer spontan einberufenen Sitzung der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe (ISSG) pessimistisch; die jüngste Eskalation könnte alle Bemühungen um eine baldige friedliche Lösung zerstören.

«Ein terroristischer Akt»

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, bislang stets um Zuversicht bemüht, sagte, vor allem der Angriff auf den UNO-Hilfskonvoi zeige, «dass wir in Syrien noch nicht am Ende der Entgrenzung der Gewalt angekommen sind». Er verurteilte den Angriff als «abscheulichen, terroristischen Akt». Der Konvoi habe allein zum Ziel gehabt, 80 000 Menschen mit humanitären ­Gütern zu versorgen.

Nach dem Treffen unter dem gemeinsamen Vorsitz von Kerry und Lawrow wurde deutlich, wie sehr das Klima vergiftet ist. Die Begegnung sei «von Em­pörung über die abscheulichen Angriffe auf die Vereinten Nationen und ihre humanitären Helfer» geprägt gewesen, sagte Steinmeier. In der Sprache der ­Diplomaten heisst das: Es hat gewaltigen Ärger gegeben. Und dazu die grosse Sorge, dass die Feuerpause und die amerikanisch-russische Vereinbarung nichts mehr wert ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2016, 22:08 Uhr

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