Das Kalkül der IS-Terroristen

Mit Anschlägen auf Touristen wollen Jihadisten Länder wie die Türkei oder Tunesien destabilisieren: Sie schüren Angst, die Gäste bleiben weg, die Wirtschaft nimmt Schaden.

Polizisten sichern nach dem Anschlag den Sultan-Ahmed-Platz im touristischen Zentrum Istanbuls. Foto: Can Erok (Getty Images)

Polizisten sichern nach dem Anschlag den Sultan-Ahmed-Platz im touristischen Zentrum Istanbuls. Foto: Can Erok (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erst Tunesien, dann der Anschlag auf einen russischen Ferienflieger in Ägypten. Und nun Istanbul: Mit Terror gegen Touristen verfolgen islamistische Extremisten eine perfide Strategie, die es ihnen ermöglicht, zwei ihrer Hassobjekte zugleich zu treffen: Sie töten Bürger westlicher Staaten oder auch Russlands, deren Lebensstil sie als sündhaft ablehnen und deren Regierungen sie zu Feinden erklärt haben. Und sie treffen die Urlaubsländer Ägypten, Tunesien oder jetzt die Türkei, gegen deren Regierungen sie kämpfen. Das Kalkül der Atten­täter ist es, diese Staaten durch eine verhängnisvolle Kettenreaktion zu desta­bilisieren: Die Anschläge schüren Angst, die Gäste bleiben weg, die Wirtschaft nimmt Schaden, was über steigende ­Arbeitslosigkeit wiederum zur Radikali­sierung beitragen kann.

Einträglicher als der Suezkanal

Tourismus ist für die Wirtschaft dieser Länder eine der wichtigsten Branchen. In der Türkei erzeugte er 2014 alleine 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, rechnet man indirekte Beiträge wie Investitionen oder die Ausgaben der in der Branche Beschäftigten hinzu, erreicht der Anteil laut dem World Travel & Tourism Council (WTTC) sogar 12 Prozent. In Ägypten waren es direkt 5,9 Prozent und insgesamt 12,8 Prozent, in Tunesien lagen die Zahlen noch höher: 7,4 und 15,2 Prozent.

Die Branche bietet vielen auch weniger gut ausgebildeten Menschen Jobs, von denen sie leben und oft auch noch ihre Familien ernähren können. In der Türkei hängt laut WTTC jeder zwölfte Job direkt oder indirekt am Geschäft mit den Touristen, in Ägypten ist es jeder achte, in Tunesien jeder siebte. Zudem sind die Einnahmen aus dem Tourismus ein wichtige Quelle harter Devisen, die in Ägypten mehr abwirft als die Gebühren für den Suezkanal.

Die Schäden, zumindest die kurz­fristigen, sind enorm. In Ägypten sind die Übernachtungszahlen nach dem Anschlag auf den russischen Ferienflieger mit 224 Toten eingebrochen, allein im November kamen 38 Prozent weniger Gäste: 2014 waren es noch 898'000 Besucher, 2015 gemäss der offiziellen ­Statistik nur noch 558 000, die Zahl der Übernachtungen halbierte sich. Und erst im Dezember dürfte der Effekt voll durchgeschlagen sein, weil seither weder russische noch britische Fluggesellschaften Sharm al-Sheikh und andere grosse Touristenorte am Roten Meer anfliegen.

«Die Frage ist nicht:  Wie schadet der Terror dem Tourismus?  Sondern: Wie schadet der ­Tourismus dem Terror?»Martin Lohmann, Tourismusforscher

Hoteliers rechnen mit Ausfällen von 60 Prozent oder mehr, die Verluste schätzen sie auf eine halbe Milliarde Dollar pro Monat. Tunesien hat nach den Anschlägen im März in Tunis und dem Massaker am Strand von Sousse im Juni schon bis Ende September eine Million Besucher verloren. Aber auch in Paris oder nach einer Attacke von Islamisten auf eine Universität in Kenia bleiben zumindest zunächst viele ausländische Gäste aus, auch wenn die Angriffe nicht gezielt Touristen galten.

Angesichts des Terrors in etlichen ­Ferienländern mutet es erstaunlich an, dass Deutsche und Schweizer reisen wie selten zuvor. Im Jahr 2015 nahmen die Veranstalter 27 Milliarden Euro ein – eine Milliarde mehr als 2014. «Die Leute bleiben nicht zu Hause», sagt Marcel Schlatter, Mediensprecher von Kuoni gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

Dafür gibt es psychologische Gründe: «Die meisten Touristen sind hoch er­fahrene Konsumenten», sagt der Tourismusforscher Martin Lohmann, «sie können Risiken einschätzen.» Es gebe längst ein Bewusstsein dafür, dass es überall auf der Welt gefährlich werden kann – also kann man auch reisen. Anderseits gibt es finanzielle Gründe für die Reiselust: Wirtschaftswachstum, gute Lohnabschlüsse und geringe Arbeitslosenquoten. Gerade ist Hauptbuchungszeit für die Sommerferien. Die Nachfrage ist sogar noch höher als 2015.

Die Frage ist allerdings, wohin die Reise geht. Schweizerinnen und Schweizer buchen vermehrt Reisen in kleine Städte statt in grosse Metropolen. In einer Umfrage nach den Anschlägen auf das russische Passagierflugzeug auf dem Sinai und den Attentaten von Paris gaben 20 Prozent der Befragten an, ihre Reisepläne ändern zu wollen. Destinationen in islamisch geprägten Ländern, etwa Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, wurden kritischer beurteilt als andere Ziele. Die Türkei da­gegen mit ihren All-inclusive-Kampfpreisen genoss zum Zeitpunkt dieser Umfrage, im November, weiter Sympathien. Ob sich das nach dem Anschlag von Istanbul ändert, ist noch unklar.

Beliebt sind Strandferien. So austauschbar die Ziele sind, so schnell wird eben umgebucht, wenn ein Land nicht mehr sicher scheint. Dabei ist das Gedächtnis der Touristen kurz. In der Branche gilt die Daumenregel: Nach ein bis zwei Jahren ist eine Katastrophe vergessen – es sei denn, es ereignet sich ein weiterer Vorfall oder die Sicherheitskräfte tun nichts, um der Lage Herr zu werden.

In Tunesien hatte sich der Tourismus vom Anschlag 2002 auf Djerba wieder erholt, in Ägypten machte sich die Branche nach dem Niedergang in Folge der Umbrüche in den Jahren 2011 bis 2013 gerade berechtigte Hoffnung auf kräftige Wachstumsraten. Beide Länder haben Werbekampagnen für Millionen Dollar gestartet, die auf den europäischen Markt zielen.

Allerdings ist fraglich, ob die alten Gesetze der Branche noch gelten oder ob die an westlicher Popkultur orientierte Propaganda der IS-Terroristen und die zumindest gefühlte Zunahme von Anschlägen nicht eine Atmosphäre der Angst schafft, die Touristen auf Dauer abschreckt. Die grausamen Videos der Jihadisten sind in den Köpfen wesentlich präsenter, als es die langen arabischen Audiobotschaften eines Osama bin Laden aus einer Höhle in den afghanischen Bergen je waren. Die grosse Frage in der Türkei, aber auch für Ägypten und Tunesien also wird sein, ob die Folgen der Anschläge eher kurz- oder langfristig sein werden.

Wissenschaftler wie Martin Lohmann betonen die positiven Seiten des Tou­rismus, die Offenheit, den kulturellen Austausch, den er im Idealfall auch zum Nutzen von Krisenregionen bringen kann. Er sagt: «Die Frage darf nicht nur lauten: Wie schadet der Terrorismus dem Tourismus? Sondern: Wie schadet der Tourismus dem Terrorismus?»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 22:54 Uhr)

Artikel zum Thema

Fünf Verdächtige im Netz der Istanbul-Ermittler

Nach dem Anschlag in Istanbul wurden vier neue Verdächtige gefasst. War die Tat gezielt gegen jemanden gerichtet? Mehr...

Zahl der deutschen Opfer auf zehn gestiegen

Beim Anschlag in Istanbul starben zehn Deutsche. Sie gehörten zu einer Reisegruppe, deren Tour noch in zwei weitere Länder führen sollte. Die Herkunft einiger Opfer ist nun bekannt. Mehr...

Anschlag in Istanbul
Nicht gezielt gegen Deutschland

Alle zehn beim Bombenanschlag von Istanbul Getöteten waren Deutsche. Aber der Anschlag richtete sich nach Erkenntnissen der deutschen Regierung nicht gezielt gegen Deutschland. Es gebe nach bisherigem Ermittlungsstand keine Hinweise darauf, sagte Innenminister Thomas de Maizière am Mittwoch nach einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Efkan Ala in Istanbul. Er sehe zudem keinen Grund, von Reisen in die Türkei abzuraten.

Angeblich starben zwei Deutsche inzwischen an ihren Verletzungen. Zunächst war am Dienstag von acht toten und neun verletzten deutschen Bürgern die Rede gewesen. Angeblich lagen sieben Verletzten am Mittwoch in Istanbul noch im Spital, fünf von ihnen auf der Intensivstation. Insgesamt wurden 15 Menschen beim Anschlag verletzt. Schweizer sind offenbar nicht betroffen. Beim EDA seien keine Suchmeldungen eingegangen, hiess es in Bern. (SDA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Der Morgen nach dem Brexit: Pendler sitzen in einem Bus, der über die Waterloo Bridge in London fährt. (24. Juni 2016)
(Bild: Toby Melville) Mehr...