Das gefährlichste Gerücht

Rotes Quecksilber soll den Bau von Atombomben ermöglichen. Auch der IS hat versucht, es zu beschaffen. Nur, ein solches Material gibt es nicht. Trotzdem sterben Menschen bei der Jagd danach.

Von dieser Waffe träumen Terroristen: Atombombentest in der Wüste von Nevada. Foto: Keystone/Science Photo/U.S. Air Force

Von dieser Waffe träumen Terroristen: Atombombentest in der Wüste von Nevada. Foto: Keystone/Science Photo/U.S. Air Force

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Ein Zauber sollte die Ausbeute verdoppeln – und niemand beherrschte diese Kunst besser als Speakmore Mandere. Er war nur 24 Jahre alt, aber im Slumgebiet Chitungwiza bei Harare, der Hauptstadt von Zimbabwe, berühmt als N’anga, als traditioneller Heiler. 15'000 Dollar bot ihm der Geschäftsmann Clever Kamudzeya für seine Zauberkräfte an – und der N’anga sagte zu. Eine fatale ­Entscheidung.

Manderes Aufgabe bestand darin, das sagenumwobene rote Quecksilber aus einer alten Landmine zu gewinnen. Dazu legte er diese in einen grossen Tontopf und behandelte sie mit magischen Mitteln. Zum Ritual gehörte, dass sich Kamudzeya über dem Topf ausstreckte. In diesem Moment explodierte die Panzerabwehrmine. Sechs Menschen ­kamen im Januar 2013 ums Leben, darunter der Heiler, sein Auftraggeber und ein siebenmonatiges Baby. Mehrere Häuser stürzten ein.

Als Michael P. Moore von dem Vorfall hörte, gründete er die «Kampagne gegen rotes Quecksilber», eine Website, die eine einzige Botschaft hat: «rotes Quecksilber existiert nicht, und jeder, der das Gegenteil behauptet, ist ein Betrüger.» Moore ist ein Aktivist im Kampf gegen Landminen, die in den ehemaligen Bürgerkriegsländern im südlichen Afrika noch zu Tausenden zu finden sind. Die Minen töten nicht nur, wenn man versehentlich auf sie tritt. «Jedes Jahr sterben 20 bis 25 Menschen ­allein in Zimbabwe, weil sie in alter Munition nach rotem Quecksilber suchen», sagt Moore. «In den Nachbarländern sieht es ähnlich aus.» Dabei sind die Minen oft jahrzehntealt, der Sprengstoff, den sie enthalten, sehr instabil. «Wer sich mit irgendwelchem Werkzeug an einer Mine zu schaffen macht, ist lebensmüde», sagt Moore.

Über die Todesfälle wie jenen von Speakmore Mandere wird umfangreich berichtet. Aber abschreckend scheint das nicht zu wirken. «Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge», sagt Moore. Die Armut in diesen Ländern ist so gross, dass die Hoffnung auf einen Riesengewinn alle Zweifel verschwinden lässt. Für rotes Quecksilber, so die Legende, werden auf dem Schwarzmarkt enorme Summen bezahlt. Der Stoff soll als Beschleuniger für Sprengstoff sogar eine nukleare ­Explosion auslösen können.

Ständige Spekulationen

Das Gerücht ums rote Quecksilber hält sich seit Jahrzehnten, nicht nur in Afrika. Und nicht nur Wunderheiler in Zimbabwe interessieren sich dafür. Im vergangenen Jahr hat der sogenannte Islamische Staat (IS) mehrfach versucht, rotes Quecksilber zu beschaffen. Das berichtete vor kurzem die «New York Times». Abu Omar, ein professioneller Schmuggler in der Türkei an der Grenze zum Irak, habe den Auftrag bekommen, für den IS den angeblich hochexplosiven Stoff zu beschaffen, hiess es in der Zeitung. Der IS sei bereit gewesen, sechs Millionen Dollar dafür zu bezahlen. Was der IS suchte, war eine Abkürzung zur Atombombe, die ihm in einem Handstreich den Sieg über alle Gegner bescheren könnte.

Abu Omar behauptet felsenfest, selbst rotes Quecksilber gesehen und eine Vorführung von ­dessen Wirkung miterlebt zu haben. Und er kennt Rebellen in Syrien, die einen Gefechtskopf einer Rakete mit rotem Quecksilber erbeutet hatten. Doch, so erzählt er der Zeitung, niemand wollte ihm das explosive Material verkaufen, weil man wusste, dass er im Auftrag des IS unterwegs war. Letztlich kam kein Geschäft zustande.

Grossen Auftrieb erhielt der Handel mit angeblichem rotem Quecksilber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990. Im Chaos des Zerfalls wurden lukrative Geschäfte gemacht mit Waffen, Drogen und anderen zwielichtigen Gütern, darunter auch Nuklearmaterial. Rotes Quecksilber, so hiess es damals, sei ein entscheidender Bestandteil von Neutronenbomben, jenen Atombomben, die durch eine besonders intensive Strahlung Leben zerstören, aber Gebäude unversehrt lassen. Das Material ermögliche den Bau von Neutronenbomben, die kaum grösser als ein Tennisball seien.

Eine gewisse Glaubwürdigkeit erhielten die Gerüchte durch zwei Dokumentationen des britischen TV-Senders Channel 4, der behauptete, «überraschende Hinweise» darauf gefunden zu haben, «dass russische Forscher mithilfe der mysteriösen Substanz rotes Quecksilber eine Minibombe gebaut haben». Hinzu kamen wiederholte Aussagen des 2010 verstorbenen US-amerikanischen Physikers Sam Cohen, der als «Vater der Neutronenbombe» bekannt war. Er sagte, rotes Quecksilber sei ein «nicht explodierender Sprengstoff», der derart hohen Druck und so hohe Temperaturen auslösen könne, dass damit eine «reine Neutronenbombe im Miniformat» denkbar sei.

Fast alle fallen auf die Legende herein

Der einzige Hinweis, dass irgendeine Substanz «­rotes Quecksilber» genannt wurde, stammte von einem russischen Forscher. Er sagte, das sei ein Codename für eine bestimmte Form von Lithium gewesen, das tatsächlich ein Bestandteil von Fusionsbomben ist. Und dann gibt es noch eine Anordnung des chaotischen russischen Präsidenten Boris Jelzin vom Februar 1992, in der er einer russischen Firma erlaubt, 84 Tonnen rotes Quecksilber nach Kalifornien zu verkaufen – für 24,2 Milliarden Dollar. Ob dahinter tatsächlich ein realer Handel stand, wurde nie bekannt; die Anordnung wurde 1993 wieder storniert.

Realer Handel mit Substanzen, die als rotes Quecksilber angeboten werden, fand in den letzten Jahren allerdings immer wieder statt. Ein saudischer Scheich soll Millionen für das mysteriöse ­Metall ausgegeben haben. Radovan Karadzic, der serbische Kriegsherr aus Bosnien, habe sechs Millionen Dollar bezahlt, um an eine Atombombe mit rotem Quecksilber zu kommen, berichtete die «New York Times» 1997. Aber eine solche Waffe besass Karadzic nie. Eine Rumänin soll einer Schweizer Firma 138 Kilogramm rotes Quecksilber angeboten haben – zum Preis von 340'000 Dollar pro Kilo. Auch dieser Deal lief ins Leere. Sogar der Chefterrorist Osama Bin Laden und seine al-Qaida sollen beim Handel mit rotem Quecksilber auf ­Betrüger hereingefallen sein.

Auch in Südafrika, das zu Apartheid-Zeiten immerhin ein erfolgreiches Programm zum Bau von Atombomben betrieben hatte, soll es Handel mit rotem Quecksilber gegeben haben. 1991 stahlen zwei Diebe einen BMW in Johannesburg. Als sie den Kofferraum öffneten, entdeckten sie die Leiche des Besitzers: Alan Kidgers Beine und Arme waren abgetrennt, den Torso hatte man mit einer schwarzen Substanz beschmiert. Kidger war Manager einer Chemiefirma, die gefährliche Substanzen an arabische Kunden geliefert hatte, darunter angeblich auch rotes Quecksilber. Drei weitere Manager aus dem südafrikanischen Chemie- und Rüstungsbereich wurden in den folgenden Jahren unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Sie alle hatten angeblich rotes Quecksilber geschmuggelt.

Hin und wieder wurde angeblich rotes Quecksilber beschlagnahmt, das auf dunklen Kanälen beschafft worden war. Wann immer seriöse Labore die Gelegenheit hatten, das Zeug zu untersuchen, stellte es sich als weitgehend harmlos heraus – explosiv oder gar radioaktiv war es nie. Mal war es ­irgendein Pulver, das rot gefärbt worden war, mal wurde echtes Quecksilber (eine giftige Substanz) geliefert.

Selbst Nähmaschinen sollen es enthalten

Über einen der jüngsten Fälle wurde 2013 in der Türkei berichtet. TV-Bilder zeigten Ermittler in Schutzanzügen, die sich einem Fahrzeug näherten und aus diesem einen silbernen Doppelkonus in der Grösse eines Fussballs bargen. Das Auto war in der Stadt Kayseri angehalten worden, drei Syrer wurden festgenommen. Raunend berichteten die Medien, das mysteriöse Objekt sei ein Raketensprengkopf, der rotes Quecksilber enthalte. Die türkische Atomenergiebehörde sei an den Ermittlungen beteiligt, der Wert des roten Quecksilbers betrage eine Million Dollar. Eine Bestätigung für all diese Behauptungen gab es nicht. Nur das Bild des Doppelkonus machte Karriere: Über soziale Medien landete es beim IS und weckte dessen Interesse an einer leicht erhältlichen Atombombe.

Das, so meinen manche Beobachter, sei vielleicht die schlüssigste Erklärung für die Erfindung der Legende vom roten Quecksilber: dass die Geheimdienste damit Personen und Gruppen auf die Spur kommen, die es auf grösstmögliche Zerstörung abgesehen haben. Denn wenn der IS (oder ­al-Qaida oder die bosnischen Serben) nach rotem Quecksilber suchen, haben sie ein zweifellos ernsthaftes Interesse daran, eine Terrorbombe ungekannten Ausmasses zu bauen.

Für Hunderte, die vor einigen Jahren im arabischen Raum den Markt für ältere Nähmaschinen austrockneten, gilt das natürlich nicht. Bei ihnen handelte es sich schlicht um Glücksjäger, die gehört hatten, dass die Russen in Tausenden Nähmaschinen (vielleicht auch in Radio- und TV-Geräten) ­rotes Quecksilber versteckt hatten, damit es nicht den Amerikanern in die Hände fallen könne. Dass gerade Singer-Maschinen, ein amerikanisches ­Fabrikat, plötzlich Preise von Tausenden Dollar erzielten, schien niemanden zu stören. Die legendäre Substanz wurde natürlich nicht gefunden. Doch Abu Omar, der Informant der «New York Times», ist überzeugt, dass Singer-Maschinen – «besonders jene mit einer Schmetterlingsmarkierung» – überaus wertvoll sind.

Bis heute wird rotes Quecksilber angeboten. Einer Journalistin des US-Senders CBS wurden kürzlich Bilder von einem aufwendig gestalteten Metallkanister geschickt, der mit «Red Mercury» beschriftet ist. Ein Blog in der Türkei existiert nur, um Interessenten eine Übersicht der möglichen Darbietungsformen zu geben – und eine E-Mail-Anschrift. Ähnliches gilt für etliche Youtube-Videos. Auch Anbieter in China oder Malaysia bieten den Stoff an. Und im südlichen Afrika erlischt das Interesse trotz aller Aufklärungskampagnen nicht.

Der Aktivist Michael P. Moore hat jüngst analysiert, woher die Besucher auf seiner Warn-Website stammen: Die meisten kamen aus dem südlichen Afrika, sehr viele auch aus Europa. Auffällig, so Moore, sei auch die Anzahl Anfragen aus Indien. Ob dort der nächste grosse Markt für die Quecksilberbetrüger entsteht? Die häufigste Suchanfrage ­lautete: «Wo finde ich rotes Quecksilber?»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.02.2016, 23:29 Uhr)

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