«Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus»

Massenweise kommen syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa in Mailand an. Die Situation in der lombardischen Hauptstadt gerät zunehmend ausser Kontrolle – logistisch, politisch und menschlich.

Hunderttausende entfliehen dem Bürgerkrieg im Heimatland: Syrische Flüchtlinge im Mailänder Hauptbahnhof. Foto: Luca Bruno (AP)

Hunderttausende entfliehen dem Bürgerkrieg im Heimatland: Syrische Flüchtlinge im Mailänder Hauptbahnhof. Foto: Luca Bruno (AP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Chaos in Milano Stazione Centrale – dem Hauptbahnhof Mailands – ist schon unter normalen Umständen gewaltig. Tausende von Menschen hetzen zu den Zügen, andere warten ungeduldig vor den Anzeigetafeln. Durch die hohen Hallen dröhnen ständig unverständliche Lautsprecherdurchsagen.

Doch in diesen Monaten ist das Chaos noch grösser als gewöhnlich. Auf den Abgängen in der Haupthalle hat die Stadt Mailand einen provisorischen Empfang für Flüchtlinge eingerichtet. «Emergenza Siria» – Notfall Syrien – steht auf weissen Blättern, die notdürftig an die Wand geklebt sind. Freiwillige kümmern sich um die Neuankömmlinge: Auf einer Seite werden die Flüchtlinge registriert, um sie am Abend mithilfe des Zivilschutzes auf die Durchgangszentren zu verteilen, auf der anderen Seite werden Speisen und Getränke abgegeben. Ein Wickeltisch steht neben einer Kiste mit Hygieneartikeln. Kleinkinder werden medizinisch betreut. Helfer geben auch Chips für den Gang zur Toilette ab. Jeder WC-Besuch kostet die Stadt einen Euro. «Da kommt etwas zusammen», sagt ein Helfer der Stiftung Progetto Arca.

Schlafen zwischen Abfall und Gepäck

Allein am Tag des Besuchs in Mailand sind 300 neue Flüchtlinge angekommen – sie erreichen die lombardische Hauptstadt mit Zügen aus Reggio Calabria, Lecce oder Rom, manche auch mit Fernbussen. Die Gemeinschaft der Syrer nimmt ein ganzes Zwischengeschoss im Bahnhof ein. Männer und verschleierte Frauen sitzen auf den Bänken oder auf dem Boden, einige schlafen zwischen Abfall und Gepäck. Dazwischen spielen Kinder. Freiwillige mit roten Westen der Kinderhilfsorganisation Save the Children haben eine Spielecke eingerichtet. Die Zeichnungen lassen keine Zweifel zu, was diese Kinder beschäftigt: Panzer und Feuerwaffen.

Es lässt sich kaum erfassen, was diese Menschen hinter sich haben, auch wenn sie bereitwillig und mit der Hilfe von Übersetzern ihre Geschichten erzählen. «Wir haben Syrien verlassen, weil unsere Stadt zerstört wurde», erzählt ein Mann aus Aleppo. Er ist mit seiner Familie über Ägypten nach Libyen geflohen, von dort ging es auf einem Schiff weiter übers Mittelmeer in Richtung Italien, bis sie von der Küstenwache aufgegriffen wurden. Die Überfahrt kostete 2600 Dollar: der Preis für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Das Wichtigste für die Familie war, Europa zu erreichen. Sie wollen nach Schweden, wie die meisten ihrer Landsleute, um ein neues Leben zu beginnen. Von Rückkehr ist keine Rede.

Ein älterer Mann in gelbem Hemd zeigt auf seinem Handy ein Foto: «Das ist mein 30-jähriger Sohn. Er wurde beim Bombenangriff auf unser Camp getötet.» Der Mann zeigt seinen Pass: Er ist Palästinenser und lebt seit 1948 im Flüchtlingslager Jarmuk südlich von Damaskus. Bis zum Bürgerkrieg sei es immer gut gegangen. Jetzt will er nach Deutschland, wo ein weiterer Sohn lebt.

Möglichst keine Fingerabdrücke

Ein 23-jähriger Syrer erzählt, dass er in Neapel von der Polizei geschlagen worden sei. Man habe auch seine Fingerabdrücke genommen. Das ist nun seine Hauptsorge. «Wie kann der Eintrag wieder gelöscht werden?», fragt er. Denn er weiss, dass er nach Italien zurückgeschafft werden kann, wenn er dort erstmals erfasst wurde. Er gehört zu den wenigen Flüchtlingen, die ihr Glück in der Schweiz versuchen wollen. Im Bahnhof erzählt man sich Geschichten von Familien, die an der Schweizer Grenze zurückgewiesen worden seien.

Die überwiegende Mehrheit der syrischen Kriegsflüchtlinge wird von den italienischen Behörden polizeilich gar nicht registriert. Sie gelten als «tempo­rär anwesende Personen». Von den 14'500 Flüchtlingen, die seit Oktober 2013 in Mailand haltgemacht haben, haben laut der Stadt Mailand nur 13 einen Asylantrag in Italien gestellt. Nicht einmal ein Promille.

Politischer Streit

Für Mailand ist die Situation kaum noch kontrollierbar. Als Transitstation steht es vor gewaltigen logistischen Problemen. Zudem gibt es politischen Streit. Die Rechte ist der Meinung, dass Mailand dank seiner grosszügigen Hilfspolitik zu einem Anziehungspunkt für Flüchtlinge geworden sei. Die Stadtregierung unter dem linksdemokratischen Stadtpräsidenten Giuliano Pisapia sieht sich in der Pflicht, humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge zu leisten. Die Stimmung ist aufgeladen. Eben hat der Stadtrat für Soziales, Pierfrancesco Majorino, im Stadthaus Palazzo Marino, gleich gegenüber des altehrwürdigen Opernhauses La Scala, der Sozialkommission die neuesten Zahlen des Flüchtlingsstroms präsentiert. Von den 14'500 Flüchtlingen, die seit Oktober im Durchschnitt für fünf Tage in Mailand Station machten, kamen 10'500 allein in den letzten beiden Monaten. 3836 waren Kinder.

Zuletzt sind vermehrt auch Eritreer in der lombardischen Hauptstadt gelandet. Mailand fühlt sich von anderen Institutionen im Stich gelassen. «Wir brauchen einen Krisenstab Tavolo Milano», fordert Majorino mit Blick auf die von der Lega Nord regierte Region Lombardei, die sich bisher nicht in der Flüchtlingsbetreuung engagiert hat.

Ein gewaltiges Engagement leisten hingegen zahlreiche Hilfswerke, NGOs und Freiwillige. Das zeigt sich auch beim Besuch in einem von insgesamt 10 Zentren für durchreisende Flüchtlinge. Unweit der Metro-Station Uruguay hat die zur Caritas gehörende Kooperative Farsi Prossimo ein Durchgangsheim mit 99 Plätzen im Seitenflügel eines Klosters katholischer Ordensfrauen eröffnet. Die Hilfswerke erhalten für die Betreuung pro Flüchtling und Nacht 30 Euro vom italienischen Staat.

Es kommen auch Doktoren

Rubina empfängt uns am Eingang des Zentrums. «Hier finden nur Familien Unterschlupf, keine Alleinreisenden. Die meisten sind gut situiert, sogar Doktoren, denn nur solche können sich die Flucht überhaupt leisten.» Die junge Italienerin hat Arabisch studiert – Sprachkenntnisse, die in dieser Situation gefragt sind. «Im Moment ist alles ein wenig komplizierter, weil wir im Fastenmonat Ramadan sind», sagt sie.

Vor ihrer Tür warten schon ungeduldig einige Syrerinnen, weil heute Kleiderausgabe vorgesehen ist. Durch die hohen Gänge rennen Kinder. Eine junge Frau und Mutter von zwei Kindern erzählt, warum sie mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen ist: «Ich hatte Angst, vergewaltigt zu werden.» Nun will auch sie ihr Glück in Nordeuropa versuchen.

Die Mitarbeitenden der Hilfswerke engagieren sich, aber sie wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf den heis­sen Stein ist. Annamaria Lodi, Präsidentin von Farsi Prossimo, glaubt jedenfalls, dass der Strom an Schutz suchenden Personen anhalten wird: «Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.07.2014, 23:45 Uhr)

Umfrage

Bekennen Sie sich zur humanitären Tradition der Schweiz?

Ja, wir tragen hier Verantwortung.

 
60.3%

Nein, Elend in anderen Weltregionen geht uns nichts an.

 
39.7%

941 Stimmen


Artikel zum Thema

Zeit, zu handeln

Kommentar Die Schweiz als Depositärstaat der Genfer Konventionen sollte ein ausreichend grosses Kontingent an syrischen Flüchtlingen aufnehmen. Mehr...

Die Schweiz will Flüchtlinge in Europa gerechter verteilen

Justizministerin Simonetta Sommaruga ist bereit, das Dublin-System neu zu diskutieren. Mehr...

Wie Zürich sich auf die Syrer vorbereitet

Wegen der vielen Flüchtlinge in Italien rechnet der Bund mit einem klaren Anstieg der Asylgesuche. Zürich glaubt, besser dafür vorgesorgt zu haben als andere Kantone. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Bei einer Parade anlässlich die malaysischen Unabhängigkeitstags marschieren Bürger durch Kuala Lumpur und schwenken Nationalflaggen. (29. August 2016)
(Bild: Ahmad Yusni/EPA) Mehr...