Den USA droht bereits der nächste Blowback

US-Interventionen im Nahen Osten produzieren oft ungewünschte Nebeneffekte. Ein Ende dieser Politik ist nicht abzusehen. Im Gegenteil.

Eingriff in die Weltordnung: Operation Desert Storm im Jahr 1991. (Archivbild)

Eingriff in die Weltordnung: Operation Desert Storm im Jahr 1991. (Archivbild)

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Ob Wladimir Putins dreister Zugriff auf die Krim oder der Bürgerkrieg in Syrien: Barack Obama tue zu wenig, ja leichtfertig verspiele der laue Präsident die amerikanische Rolle als globale Ordnungsmacht, behaupten Kritiker im republikanischen und insbesondere im neokonservativen Lager. Dabei ist höchste Vorsicht geboten: Immerhin zeigt ein Blick auf Washingtons Aussenpolitik seit 1980, dass militärische Interventionen oder klandestine Aktionen von CIA und US-Sonderkräften nicht selten zu massiven Rohrkrepierern gediehen. Sie erzeugten «Blowback», so ein Begriff aus dem internen CIA-Sprachgebrauch.

«Blowback», das sind die unbeabsichtigten Folgen einer Politik, die auf den Handelnden zurückschlägt. Erstmals verwendet wurde das Wort 1954 in einem geheimen Bericht der CIA über den von Washington und London gesteuerten Coup gegen das nationalistische Mossadegh-Regime im Iran. Der daraus resultierende Blowback war historisch besonders bedeutsam: Die CIA-Aktion in Teheran gipfelte in der Rückkehr des verhassten Schah und inspirierte die islamische Revolution von 1979. Blowback signalisiere «ein Versagen, die sekundären und tertiären Konsequenzen von Aktionen durchzudenken», sagt Paul Pillar, ehemals stellvertretender Leiter der Terrorabwehrabteilung bei der CIA.

Wie zum Beispiel in Afghanistan: Washington unterstützte nach 1979 mit Hilfe der Saudis islamische Gotteskrieger bei deren Kampf gegen den sowjetischen Einmarsch und legte damit den Grundstein für radikalislamistische Gruppierungen wie al-Qaida oder die Taliban. Nach dem sowjetischen Abzug bliesen sie zum globalen Kampf gegen die USA, der zuerst im Bombenanschlag auf das «World Trade Center» 1993 und danach in 9/11 kulminierte. Womöglich hätten sich die schrecklichen Ereignisse an jenem Septembertag 2001 ohne die amerikanische Aufrüstung der Mudschaheddin in Afghanistan und Pakistan niemals ereignet.

Ähnlich verlief es im Irak: Die Behauptung, al-Qaida sei mit Saddam Hussein verbandelt und habe Stützpunkte im Irak, war frei erfunden. Ein Jahrzehnt und eine Billion Dollar später aber verfügen al-Qaida nahestehende Organisationen tatsächlich über eine Basis im Westen des Iraks und greifen von dort in den syrischen Bürgerkrieg ein - ein klassischer Blowback. Bereits 2005 auf der Höhe des amerikanischen Kriegs im Irak warnte die CIA in einem internen Memorandum vor diesem Blowback: Er könne sogar die unbeabsichtigten Folgen des Kriegs in Afghanistan in den Schatten stellen, befanden Analysten des Geheimdienstes. Zu einem ähnlichen Schluss kamen ebenfalls 2005 die Terror-Experten Peter Bergen und Alec Reynolds in einem Beitrag für die Zeitschrift «Foreign Affairs»: «Der gegenwärtige Krieg im Irak wird einen wilden Blowback entfachen», schrieben sie.

Im syrischen Bürgerkrieg fliessen jetzt sogar die unbeabsichtigten Konsequenzen von drei amerikanischen Interventionen ineinander: Gotteskrieger aus Pakistan, Afghanistan und dem Irak kämpfen gegen das Assad-Regime, ihre Waffen stammen teilweise aus Beständen des 2011 durch eine Intervention des Westens abgeräumten libyschen Diktators Muammar Gaddafi. Syrien ziehe «Al-Qaida-Veteranen aus Afghanistan und Pakistan ebenso an wie Extremisten aus anderen Krisengebieten wie Libyen und dem Irak», sagte Matthew Olsen, der Leiter des «National Counterterrorism Center», kürzlich vor einem Senatsauschuss in Washington.

Ein neuer Bericht einer UN-Expertengruppe kam zum Schluss, dass das riesige Arsenal Gaddafis mitterweile in 14 zumeist afrikanische Staaten exportiert worden ist und diese Staaten destabilisiert. Da konkurrierende Milizen, darunter radikale islamistische Gruppen, im anarchischen Libyien den Ton angeben, sind Kontrollen über den Verbleib der Waffen kaum möglich. «Befürchtungen, wonach sich terroristische Gruppen diese Waffen aneignen, sind eingetreten», konstatiert lapidar der UN-Bericht und beschreibt damit den Blowback einer militärischen Intervention, deren «sekundäre und tertiäre Folgen» nicht durchdacht wurden.

Libysche Waffen wurden unter anderem in Somalia und Niger, in Mali sowie der Zentralafrikanischen Republik gefunden. Die Regierung Katars holt Waffen in Libyen ab und bringt sie über die Türkei nach Syrien, wo sie von radikalislamistischen Gruppen eingesetzt werden. Schon wächst bei amerikanischen Diensten die Angst, Syrien werde sich zu einer Aufmarschbasis für al-Qaida entwickeln. «Wir sind besorgt über die Verwendung syrischen Territoriums durch Al-Qaida-Organisationen», informierte CIA-Direktor John Brennan neulich einen Auschuss des Washingtoner Repräsentantenhauses. Tatsächlich beobachten US-Geheimdienste einen organisierten Umzug altgedienter Al-Qaida-Kämpfer aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak nach Syrien. Sie alle sind Repräsentanten von drei Jahrzehnten Blowback. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.03.2014, 11:18 Uhr)

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