Ausland

«Der Einsatz ist in jeder Hinsicht ein Debakel»

Interview: Amir Ali. Aktualisiert am 07.10.2011 27 Kommentare

Zehn Jahre Krieg in Afghanistan haben den Westen und besonders die USA geschwächt. Ein Gespräch mit Publizist Erich Schmidt-Eenboom über die weltpolitischen Folgen.

1/25 7. Oktober 2001: Kriegsbeginn. Ein Flugkapitän weist dem Piloten einer E-2C Hawkeye mit Leuchtstäben den Weg.
Bild: Stefanie A. Schap/Keystone

   

Der Gesprächspartner

Erich Schmidt-Eenboom ist Geheimdienstexperte und Autor zahlreicher Bücher. An seinem Forschungsinstitut für Friedenspolitik beschäftigt er sich mit bewaffneten Konflikten und der Entwicklung von Sicherheitsapparaten und Strategien.

Zehn Jahren Krieg

Nur gut drei Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begannen die ersten Angriffe der USA und Grossbritanniens auf Afghanistan, das damals von einer Regierung der radikalislamischen Taliban beherrscht wurde. Ziel war es, die Hintermänner der Anschläge aus den Reihen der Terrororganisation Al-Kaida zu fassen, die in Afghanistan ungehindert agieren konnten und deren Auslieferung die Taliban abgelehnt hatten.

Inzwischen dauert der Krieg dort zehn Jahre an, entschieden ist er noch nicht. Der Kampf hat aber auf allen Seiten viele Opfer gefordert, Tausende Menschen kamen ums Leben, darunter mindestens 1.700 US-Soldaten und 52 Soldaten der Bundeswehr, die das drittgrösste Kontingent an ausländischen Truppen nach den USA und Grossbritannien stellt. (dapd)

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Der Countdown zum Afghanistan-Krieg

Der Countdown zum Afghanistan-Krieg
Auf den Terror folgte der Krieg: Weniger als ein Monat nach dem 11. September 2001 marschierten amerikanische und britische Truppen in Afghanistan ein. Eine Chronik in Bildern.

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Der frühere Kommandeur der Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, hat gerade erst eine ernüchternde Bilanz über den Krieg in Afghanistan gezogen. Sehen Sie das auch so?
Der Einsatz ist in jeder Hinsicht ein Debakel. Am offensichtlichsten auf der militärischen Ebene, wo die Amerikaner ihr Hauptziel, nämlich die Taliban zu besiegen, nicht erreicht haben. Die jüngsten Anschläge belegen ihre Schlagkraft. Und das wird sich mit dem Fortschreiten des Abzugs ja nicht etwa verbessern. Im Gegenteil, ich glaube, dass wir uns da zukünftig auf grössere Verluste einstellen müssen.

Sind nicht die finanziellen Probleme der USA und ihrer Verbündeten der Hauptgrund für den Abzug?
Das hatte lediglich beschleunigende Wirkung. Denn eigentlich war klar: Man hätte schon vor zwei Jahren aus Afghanistan raus müssen – ganz einfach deshalb, weil die Strategie gescheitert ist. Dass man sich Zeit liess, ist reine Gesichtswahrung.

Muss man nicht sagen, dass viele Probleme, mit denen die USA heute konfrontiert sind, ihre Ursprünge zumindest teilweise in den Kriegen haben?
Zehn Jahre Krieg haben die USA geschwächt, das ist klar. Aber nicht nur finanziell, auch politisch. Nach dem Einsatz werden sie weniger Einfluss haben am Hindukusch als davor.

Dafür werden andere Kräfte diese Lücke füllen?
Natürlich. Pakistan als Mentor der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit steht ja schon mehr als in den Startlöchern. Auch Russland wird sich wieder an die einstigen Partner von der Nordallianz annähern. Und dann kommt man natürlich an China nicht vorbei.

Was wollen die Chinesen in Afghanistan?
Sie haben sowohl materielle als auch politische Interessen. Bei ersteren geht es natürlich um Bodenschätze, wo die Chinesen bereits jetzt im Rennen sind: Eine einzige der zahlreichen Erzminen in Afghanistan wird von Ausländern betrieben, und das sind Chinesen. Politisch ist Afghanistan für Peking wegen der uigurischen Minderheit in China wichtig. Für die Separatistenbewegung der Uiguren ist Afghanistan ein Rückzugs- und Trainingsgebiet. Man darf nicht vergessen: China spielte auch schon im Krieg der Afghanen gegen die Sowjets eine Rolle, als sie den Mujahedin Waffen lieferten.

Wie wird Chinas Politik nach dem Abzug aussehen?
In meinen Augen deutet leider alles darauf hin, dass es erst einmal zum Bürgerkrieg kommt. Das Regime Karzai wird nicht überleben. Die Soldaten der afghanischen Armee sind gewissermassen Leihgaben der ehemaligen Warlords, sie werden zurückkehren in ihre Milizen, die alten Fronten werden wieder aufbrechen. Dass mit den Taliban kein Konsens möglich ist, hat der Mord an Ex-Präsident Rabbani gezeigt.

Das heisst, auch die Chinesen können dann erst einmal nur zuschauen?
Sie werden natürlich versuchen, in den rohstoffreichen Regionen Allianzen zu schmieden mit den Warlords. Aber das wird eine schwierige Phase, denn der Bürgerkrieg wird bis zur totalen Erschöpfung des Landes gehen.

War der Einsatz wirklich auf der ganzen Linie ein Fehler?
Ja, das war er. Man hätte eine internationale Intervention starten müssen, um Osama Bin Ladens Nebenregierung in Kabul zu verdrängen. Aber die Besatzung danach war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Am besten hätte man das Land entlang der ethnischen Linien aufgeteilt: Einen Pufferstaat im Norden, wo Usbeken, Tadschiken und Hasara leben – und den Rest für die Paschtunen. Aber dafür wäre ein UNO-Beschluss nötig gewesen, der wohl von China und den Russen blockiert worden wäre.

Wie wird sich das Debakel auf die Rolle der USA als Weltpolizist auswirken?
Das hängt stark vom Ergebnis der nächsten Wahlen ab. Kommt Obama zu einer zweiten Amtszeit, dürften die USA nur eine sehr geringe Neigung zu Interventionen jeglicher Art zeigen – was ja angesichts des Staatshaushalts auch angezeigt ist. Kommen die Konservativen an die Macht, erwarte ich, dass sie zum Modell Bush zurückkehren. Sie werden sich über das Budget hinwegsetzen und Krieg führen. Das müssen sie, denn ihre Klientel will ein starkes Amerika vorgeführt bekommen.

Was bedeutet das Versagen am Hindukusch für die Nato?
Die Nato hat sich ja politische Ziele auf die Fahne geschrieben. Für das Bündnis war es kein Rachefeldzug, das Ziel war die Demokratisierung des Landes und die Stärkung der Frauenrechte. Nach dem Krieg wird Afghanistan davon noch weiter entfernt sein als zuvor. Hinzu kommt die moralische Niederlage: Unter dem mit der Nato verbündeten Regime Karzai wurde gefoltert und gemordet wie eh und je.

Wird es solche Interventionen in Zukunft weniger häufig geben?
Viel weniger. Je nach der politischen Orientierung und den strategischen Interessen werden Staaten mitmachen oder eben nicht. Libyen ist ein Beispiel, wie diese neue Art der geopolitischen Eingriffe aussehen könnte: Drei, vier Bündnispartner führen die Operation durch, in diesem Fall noch unterstützt vom externen Alliierten Katar. Am Boden sind vor allen die britischen und französischen Geheimdienste aktiv, die Amerikaner halten sich zurück.

Könnte es auch sein, dass ein Umdenken stattfindet? Dass man statt auf Krieg eher auf gewaltlose Formen der Intervention setzt?
Das kommt ganz stark auf den betroffenen Staat an. In Afghanistan wäre eine humanitäre oder wirtschaftliche Intervention kaum möglich gewesen. Sie müssen sich vor Augen halten: Ein Drittel der ganzen Entwicklungshilfe ist in Afghanistan irgendwo versickert. Bei den Taliban, bei der Regierung oder sonst irgendwo. Eine derart korrupte Struktur kann man nicht aufbrechen.

Also kein Umdenken?
Man wird im Vorfeld von Interventionen intensiver prüfen und die Lage langfristiger beurteilen. Und man wird sicherlich zusehen, dass man eine Strategie hat, um da auch wieder rauszukommen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.10.2011, 17:02 Uhr

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27 Kommentare

Kurt Meili

07.10.2011, 17:34 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Es wurde vermutlich nie ein dermassen nutzloser und dummer Krieg geführt wie dieser. Am falschen Ort, mit den falschen Waffen, der falschen Strategie gegen einen unsichtbaren Feind mit viel zu vielen Fehleinschätzungen, zu vielen Opfern und horrend unveranwortlichen Kosten. Das wird der letzte Krieg der USA sein, ein Protokoll des endlosen Versagens und der totalen Lernunfähigkeit. Antworten


Michael Palomino

07.10.2011, 18:25 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Demokratisierung und Frauenrechte sind nur vorgeschobene Argumente der NATO gewesen. In Tat und Wahrheit galt die Geopolitik des alten Engländers Curzon mit der Behauptung: Wer Afghanistan beherrscht, der hat einen wichtigen "Fuss in Asien". Schon England hat sich im 19. Jh. 10 Jahre in Afghanistan versucht und verloren, und nun hat auch die "USA" diese Niederlage. Selber schuld. Antworten



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