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Der Kanal von Sizilien wird zum Massengrab

Immer mehr Bootsflüchtlinge kommen auf der Überfahrt nach Italien ums Leben. Am Wochenende sind vermutlich Hunderte von Afrikanern ertrunken.

Verhängnisvolle Überfahrt: Mitarbeiter der Küstenwache helfen gestrandeten Afrikanern nach einem Sturm wieder an Land – drei ihrer Boote waren gekentert.

Verhängnisvolle Überfahrt: Mitarbeiter der Küstenwache helfen gestrandeten Afrikanern nach einem Sturm wieder an Land – drei ihrer Boote waren gekentert.
Bild: Keystone

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Flüchtlingsdramen im Meer

In der Hoffnung auf ein besseres Leben
in Europa haben schon viele Hundert
Bootsflüchtlinge aus Afrika ihr Leben
verloren. Im Folgenden eine Liste besonders
dramatischer Unglücke:

Februar 2009: Nur rund 20 Meter vor der Küste der spanischen Ferieninsel
Lanzarote kentern 24 nordafrikanische Flüchtlinge mit ihrem Boot und ertrinken.
Viele werden so unglücklich unter dem Schiffsrumpf eingeklemmt, dass sie sich nicht befreien können.

August 2008: Bei einer Flüchtlingstragödie vor der Mittelmeerinsel Malta kommen rund 70 Afrikaner ums Leben. Maltesische Fischer können nur acht Menschen retten.

Juni 2008: Vor der libyschen Küste kommen vermutlich rund 150 Menschen ums Leben. Ein überfülltes Schiff war auf seinem Weg nach Italien wegen eines
Motorschadens gekentert. Die Flüchtlinge stammen überwiegend aus Ägypten und anderen afrikanischen Staaten, aber auch aus Bangladesh und
Pakistan.

Juli 2007: Bei hoher See kentert vor der Küste Teneriffas ein Boot mit 135 Menschen an Bord, nur 48 von ihnen überleben. Die Flüchtlinge stammen vor allem aus Liberia, Ghana und Gambia.

August 2006: Zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln sinkt ein Flüchtlingsboot, mindestens 84 Menschen kommen ums Leben. Der aus dem
Senegal stammende Holzkahn war vor der Küste Mauretaniens gekentert. Zunächst
fiel der Motor aus, schliesslich gingen Trinkwasser und Nahrung aus. Schon vor dem Kentern verdursteten deshalb mehrere Menschen an Bord.

Juni 2003: Ein Schiff mit rund 250 afrikanischen Flüchtlingen sinkt bei stürmischer See vor der Küste Tunesiens. Die Küstenwache kann nur 41 Menschen retten.
(SDA)

Das Tor zwischen Afrika und Europa steht an einem unwirtlichen Ort. Fünf Meter ragt es in die Höhe, ein Torbogen aus Keramikplatten. Ein Besteck hängt daran, zerbrochene Schüsseln und Schuhe, Masken und Totenhände. Das Mahnmal «La Porta», am südlichsten Zipfel der Insel Lampedusa, ist den unbekannten Migranten gewidmet, das einzige seiner Art in Europa. Durch den Torbogen hinaus sieht man aufs Meer. Dahinter liegt Afrika. Immer mehr Menschen machen sich von dort auf, um nach Europa zu kommen. Und immer mehr verschluckt das Meer auf der Überfahrt.

Salzwasser, Urin, Motorenöl

Seitdem die Kontrollen der EU schärfer geworden sind, benutzen die Schlepper immer kleinere Boote, um den Radarschirmen zu entgehen. Meist sind diese total überfüllt und seeuntauglich, es gibt kein Wasser an Bord, und die Flüchtlinge sitzen oft tagelang in einer Brühe aus Salzwasser, Urin und Motorenöl. Kommt Sturm auf so wie am vergangenen Wochenende, kentern die Boote leicht. Mehrere Hundert Menschen hatten sich von Libyen aus aufgemacht, um nach Italien überzusetzen, trotz des schweren Sciroccos, der seit Tagen bläst.

Vermutlich drei Boote gingen unter, kaum 50 Kilometer von der libyschen Küste entfernt. Auf mindestens 300 schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM) die Zahl der Vermissten, und es besteht kaum Hoffnung, dass noch jemand gerettet wird. Auf einem der Holzkähne sollen fast 400 Menschen gewesen sein, Platz war dort für höchstens 75. Mehr Glück hatten 350 auf einem vierten Boot, die die italienische Küstenwacht sicher zurück an Land bringen konnte. Von einer «Tragödie der Verzweiflung» spricht der Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, Antonio Guterres. Und warnt davor, dass die «Schmuggelsaison» jetzt wieder beginnt.

Nur vor Sizilien schon 700 Tote

Anders als in früheren Jahren riss in diesem Jahr auch während der Wintermonate der Strom derer nicht ab, die trotz schlechten Wetters die gefährliche Überfahrt wagen. Mit Sorge beobachten Menschenrechtsorganisationen auch, dass die Reise immer öfter tödlich endet. Fast 700 Menschen, so schätzt die Organisation Fortress Europe, ertranken im vergangenen Jahr nur vor Sizilien – 100 mehr als im Jahr zuvor. 10’000, so glauben auch italienische Menschenrechtler, seien im vergangenen Jahrzehnt im Kanal von Sizilien ertrunken.

Auch in den letzten Tagen sind fast täglich Hunderte von Flüchtlingen an den Küsten Süditaliens gestrandet: 400 waren es allein gestern auf Sizilien, mehr als 200 vorgestern auf Lampedusa. 37’000 Menschen und damit 75 Prozent mehr als noch 2007 kamen nach Angaben des italienischen Innenministeriums im vergangenen Jahr über das Meer nach Italien – und davon betraten wiederum fast 31’000 auf Lampedusa zum ersten Mal europäischen Boden.

Die libyschen Behörden tun kaum etwas

Das dortige Auffanglager ist notorisch überfüllt, und in den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Aufständen, weil die italienische Regierung angedroht hat, die Flüchtlinge direkt in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Zugleich versprach Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord, dass in diesem Jahr «kein Flüchtling» mehr nach Lampedusa kommen werde.

Doch lässt sich dieses Versprechen kaum erfüllen – erst recht nicht, weil die libyschen Behörden kaum etwas tun, um die Flüchtlinge aus allen Teilen Afrikas aufzuhalten. Zwar haben beide Länder im vergangenen Jahr ein umfangreiches Kooperationsabkommen abgeschlossen.

Als Wiedergutmachung für die Verbrechen während der Kolonialzeit zahlt Italien innerhalb der nächsten 20 Jahre insgesamt 5 Milliarden Dollar Entschädigung an Libyen, überwiegend in Form von gigantischen Infrastrukturprojekten. Libyens Staatschef Moammar al-Qadhafi allerdings lässt sich Zeit mit der versprochenen Gegenleistung.

Italien hofft jetzt, dass ab Mitte Mai endlich gemeinsame Patrouillenboote ihre Arbeit aufnehmen. Ungeachtet der innenpolitischen Brisanz des Themas, hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi seinen Freund Qadhafi aber zum G-8-Gipfel nach Sardinien eingeladen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2009, 00:38 Uhr

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7 Kommentare

Ronnie König

01.04.2009, 17:28 Uhr
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@Ulrich Fischer: So viel Dummheit in so wenigen Zeilen ist der Grund warum die Situation so ist! Ich nehme sie gerne mit in diese Welt und sie werden sich schämen und traurig sein. Bezahlen müssen sie allerdings selber. Aber sie dürfen auf Krankenkassenkosten einen Psychiater oder Psychologen danach aufsuchen. Isch s Zwanzgerli gfalle? Antworten


Michael Meienhofer

01.04.2009, 11:20 Uhr
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Vielleicht müssten einige Leser einmal die Geschichte Afrika's studieren und sich darüber Gedanken machen, welche Konzerne und Unternehmen hier Raubbau treiben und getrieben haben.Mit Schmiergelder Diktatoren gefüttert, die ihrerseits ihre Landsleute so zur Auswanderung treiben.Wer da jammert soll doch einige von diesen Füchtlingen aufnehmen, oder solche Firmen boykottieren ! Andere Vorschläge ? Antworten


Ulrich Fischer

01.04.2009, 11:05 Uhr
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Danke für die herben Kommentare: Es geht doch in 1. Linie darum, dass die Leute diese selbstmörderischen Reisen gar nicht erst antreten, verführt durch die genannten Tatsachen ! Wenn wir sie ja tatsächlich hier haben wollten, müssten wir ihnen dann eben sichere Passagierschiffe oder Flugzeuge zur Verfügung stellen. Frage: Wer bietet diesen Leuten einen anspruchslosen Job an ? Antworten


casper steiner

01.04.2009, 10:47 Uhr
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eine anhaltende tragödie. auch die ärmsten sollen die möglichkeit haben gefahrlos auf dem planeten herumzureisen, stattdessen werden sie illegalisiert und kriminalisiert, und wenn wieder ein paar 100 ersaufen geht man zur tagesordnung über und baut die grenzsicherung weiter aus. man will ja gar nicht, dass alle menschen gleich sind. wann werden jene die gleicher sind endlich mal bezahlen müssen? Antworten


Cédric Grützner

01.04.2009, 10:21 Uhr
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ihm 9 Franken pro Tag fürs Leben zur Verfügung stellt und ihm sagt er müsse abwarten. Wie würden Sie reagieren?!? Wenn Sie wollen, dass diese Menschen keine Illegalen Machenschaften ausüben, sollte man Ihnen den Geldhahn bestimmt nicht zudrehen!!! Antworten


Cédric Grützner

01.04.2009, 10:18 Uhr
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Sie sind ein unglaublich herzloser Mensch. Was denken Sie, wie viel Qualen muss ein Mensch erleiden, um sich auf eine Reise zu begeben, die er mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50 % mit eine qualvollen Tod endet?!? Klar erhoffen Sie sich hier dann ein besseres Leben. Ganz verständlich! Und wieso diese Menschen dann herumlungern, ist auch klar. Wenn man jemandem keine Arbeitserlaubnis erteilt.. Antworten


Ulrich Fischer

01.04.2009, 09:59 Uhr
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Solange die EU und speziell die Schweiz die Leute mit offenen Armen willkommen heissen, hört das nicht auf. Sie wissen natürlich genau, wie sie bei uns verhätschelt werden, man sehe sich mal u. A. etwas in den grossen Bahnhöfen um ! Die Zunahme der umherlungernden Typen ist beängstigend. Anstatt den Geldhahn zudrehen, machen wir das Gegenteil. Die neue "Härtefall"- Kommission lässt grüssen ! Antworten



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