Der Schweizer, der gegen den IS kämpft

Johan Cosar, ehemaliger Unteroffizier der Schweizer Armee, kommandiert in Syrien Kämpfer einer christlichen Miliz im Krieg gegen die Terroristen des Islamischen Staats.

Johan Cosar, alias Omit (Mitte), kommandiert ein Bataillon einer christlichen Miliz. Foto: Sophie Cousins (Deutsche Welle)

Johan Cosar, alias Omit (Mitte), kommandiert ein Bataillon einer christlichen Miliz. Foto: Sophie Cousins (Deutsche Welle)

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Auf einem abgelegenen Friedhof im Nordosten Syriens, knapp zehn Kilometer von der Stadt Qamishli entfernt, kauern rund ein Dutzend Soldaten unter einer aufgespannten Bettdecke und essen Erdbeerwaffeln. «Tagsüber bleibt es normalerweise ruhig, unsere Arbeit beginnt um acht Uhr Abends», erklärt Omit, der 32-jährige Kommandant der Gruppe, während er seine Kalaschnikow putzt. Omit, unter bürgerlichem Namen bekannt als Johan Cosar, ist Schweizer Bürger mit assyrischen Wurzeln. Der ehemalige Unteroffizier der Schweizer Armee wurde in St. Gallen geboren und hat seine Jugend im Tessin verbracht.

Auf einem Rundgang durch den Friedhof präsentiert der Kommandant die militärischen Stellungen, von denen aus die Angriffe des Islamischen Staats (IS) abgewehrt werden sollen. Patronenhülsen auf dem Boden zeugen von vergangenen Kämpfen. «Der hier ist nun sicher tot», sagt Cosar grinsend, während er auf die Überreste eines zerstörten Grabmals zeigt.

Vom Reporter zum Kämpfer

Vor rund zwei Jahren brach der Schweizer nach Syrien auf, um dort als freischaffender Journalist zu arbeiten. Internationale Bekanntheit erlangte er jedoch nicht durch die Berichterstattung über den Bürgerkrieg, sondern durch seine Involvierung in bewaffnete Gruppierungen im Land.

Kurz nach seiner Ankunft in Syrien begann Cosar, den Aufbau oppositioneller christlicher Sicherheitskräfte zu unterstützen. Mit seinem militärischen Hintergrund bildete er Mitglieder der assyrischen Sutoro-Miliz aus und wurde zu einer führenden Person in der Organisation. Die Sutoro, welche gemäss eigenen Angaben rund 1000 Mitglieder umfasst, nimmt polizeiliche Aufgaben in von Christen bewohnten Gebieten im Nordosten Syriens wahr.

Nach der Gründung des Militärrats der syrischen Christen im Januar 2013, bekannt unter dem assyrischen Akronym MFS, übernahm Cosar auch innerhalb des militärischen Arms der christlichen Einheitspartei Suryoye verschiedene Führungsaufgaben. Derzeit hält er unter anderem den Posten eines Bataillonkommandanten und ist Mitglied des zentralen Kommandorates der Organisation.

«Ich bin nicht nach Syrien gekommen, um zu kämpfen», stellt Cosar dennoch klar. Als er vor zwei Jahren nach Syrien gekommen sei, habe er die Leiden des syrischen Volkes miterlebt und gesehen, dass er vor Ort helfen könne. Bald danach begann er, den Kämpfern Tipps zum sicheren Umgang mit Waffen und zur Organisation von Kontrollposten zu geben. Auch zwei Jahre später gibt es laut Cosar nach wie vor Ausbildungs­bedarf bei den Truppen. «Haben Sie die Organisation der Checkpoints hier gesehen? Katastrophal.»

Sein Engagement in Syrien und den Kampf gegen den Islamischen Staat sieht Cosar als die Verteidigung humanitärer Grundsätze und demokratischer Werte. «MFS wurde gegründet, um die assyrische Identität in Syrien zu beschützen. Wir sind nicht einfach irgendeine Minderheit, weder in Syrien noch im Ausland. Wir sind ein Volk, und unsere Wurzeln sind hier», sagt Cosar. Für die Durchsetzung politischer Interessen seien auch militärische Streitkräfte wichtig. «Natürlich haben wir auch politische Parteien, aber um hier ernst genommen zu werden, braucht man Leute auf dem Feld.»

Obwohl der MFS organisatorisch unabhängig ist, arbeiten seine Kämpfer in der Praxis eng mit den kurdischen Einheiten zusammen. Diese sehen sich als Opposition zum Assad-Regime, haben in der Vergangenheit jedoch hauptsächlich andere oppositionelle Gruppierungen wie die Nusra-Front, den IS und Harakat Ahrar al-Sham bekämpft. Grosse Gefechte mit den Streitkräften der Regierung haben sie sich bisher nicht ge­liefert. In der Stadt Qamishli leben ­Regime- und Kurdentruppen sogar ziemlich friedlich zusammen.

Die Kurden kontrollieren seit dem mehrheitlichen Abzug des syrischen Militärs aus dem Nordosten Syriens im Sommer 2012 weite Teile der Region. Sie verteidigen derzeit die syrische Stadt Kobane gegen einen Angriff des Islamischen Staates.

Truppe modern ausgebildet

Mit nur wenigen Hundert Kämpfern ist der MFS ein zahlenmässig unbedeutender militärischer Akteur in Syrien. Dennoch sagt Cosar, zusätzliche Truppen würden nicht benötigt. Viel wichtiger sei die Unterstützung mit hochwertigen Waffen durch das Ausland.

In der Tat scheint es fraglich, ob die jungen Kämpfer mit ihren Kalaschnikows, Granatwerfern und Maschinen­gewehren einen Angriff der Islamisten abwehren könnten. Dass der MFS dennoch bisher keine Tote zu beklagen habe, sei der modernen Ausbildung der Truppen zu verdanken. «Der Schweiz sei Dank!», fügt er lachend hinzu.

Cosar ist es wichtig, nicht als Kriegsfanatiker abgestempelt zu werden. Er habe im Internet Befürchtungen gelesen, dass er nach einer Rückkehr in die Schweiz dort weiterkämpfen und Menschen umbringen könnte. «Das ist einfach nur Bullshit. Jeder, der so was schreibt, soll seine nächsten Ferien hier in Syrien verbringen und sich anschauen, was wir hier tun. Keiner von uns hat Freude an Krieg oder Waffen.»

In der Schweizer Armee habe er gelernt, dass Waffen nur zur Verteidigung eingesetzt werden sollen. Dass im syrischen Bürgerkrieg Angriff und Verteidigung nahe beieinander liegen, überrascht wenig: Seit Anfang September kommandiert Cosar eine Gruppe von MFS-Kämpfern in einer gemeinsamen Offensive mit den kurdischen Einheiten gegen die vom Islamischen Staat gehaltene Stadt Tal Hamis. Die Ortschaft nahe der irakisch-syrischen Grenze gilt als Hochburg der Islamisten in der Region.

In der Schweiz droht Haft

Laut dem Schweizer Militärstrafgesetz wird ein «Schweizer, der ohne Erlaubnis des Bundesrates in fremden Militärdienst eintritt, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft». Angst vor den rechtlichen Konsequenzen seiner militärischen Aktivitäten im Ausland hat Cosar nicht. «Ich habe nichts gegen die Schweiz unternommen, und ich bin sicher, dass die Schweizer dies verstehen.»

Auch wenn Cosar keine baldige Rückkehr in die Schweiz plant, hat er mit seiner Heimat nicht abgeschlossen. Während ihn sein Fahrer vorbei an zerbombten Häusern zum nächsten Treffen chauffiert, weichen die Erzählungen von nächtlichen Feuergefechten den Schilderungen von durchzechten Nächten im legendären Zürcher Club Spidergalaxy. «Das war eine gute Zeit!»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.10.2014, 19:03 Uhr)

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