Der Soldat, der nicht zur Armee passt
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 26.10.2010 1 Kommentar
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Bradley Manning: Der 22-jährige Soldat ist auf dem
Militärstützpunkt Quantico inhaftiert und wartet auf seinen Prozess.
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Die Website Wikileaks.org und ihr australischer Gründer Julian Assange haben für Schlagzeilen gesorgt, nachdem sie Ende letzter Woche nahezu 400'000 amerikanische Geheimdokumente über den Krieg im Irak veröffentlicht hatten. In seiner Zelle auf dem Militärstützpunkt Quantico etwa 70 Kilometer südlich von Washington wird der Gefreite Bradley Manning, 22, die Aufregung aufmerksam registriert haben. Denn das Pentagon mutmasst, er sei die Quelle des grössten amerikanischen Geheimnisverrats seit Daniel Ellsbergs Übergabe der Pentagon-Papiere 1971 an die «New York Times», welche die gezielte Irreführung der amerikanischen Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg offenbart hatten.
Angeklagt ist Manning vorerst nur wegen des schockierenden Videos eines amerikanischen Helikopterangriffs auf zwei Reuters-Journalisten und andere Unschuldige in Bagdad, das Wikileaks im April dieses Jahres veröffentlicht hatte. Es sorgte für einen Sturm der Entrüstung. Was den Gefreiten Manning zur Weitergabe des Videos bewogen hat, bleibt unklar. Er muss, falls wegen Geheimnisverrats verurteilt, mit einer jahrzehntelangen Haftstrafe in einem US-Militärgefängnis rechnen. Bis zu 52 Jahre müsste Manning hinter Gittern verbringen, wenn er tatsächlich Video und Dokumente an Wikileaks transferiert hätte.
«Was hättest du getan, wenn du täglich 14 Stunden, 7 Tage die Woche über mehr als 8 Monate Zugang zu Geheiminformationen gehabt hättest?», fragte Bradley den berühmten Computerhacker Adrian Lamo, den er im Mai kontaktierte, um sich zu offenbaren. Obschon Lamo dem Gefreiten Vertraulichkeit zugesagt hatte, schaltete er umgehend das FBI ein und übergab der Bundespolizei belastende E-Mails sowie Protokolle von Internet-Chats, die er mit Bradley Manning geführt hatte.
Ikone Ellsberg gratuliert
Der Gefreite wurde festgenommen und zunächst in Kuwait inhaftiert, ehe er nach Quantico überstellt wurde. Für das Pentagon ist er ein Verräter, für Gegner der Kriege im Irak und Afghanistan hingegen ein Held, der mit der Ikone Ellsberg verglichen wird. «Falls Manning getan hat, was ihm zur Last gelegt wird, gratuliere ich ihm», sagt Ellsberg.
Dabei ist der Gefreite Manning eine verlorene Seele, einer, der nirgendwo hineinpasst und überall aneckt. «Ich bin schon so lange isoliert: Die Ereignisse haben mich immer gezwungen, Überlebensstrategien zu entwickeln», schreibt er an Lamo. Trotzdem sei er «emotional zerrissen», ja ein «Wrack», offenbart er sich seinem Vertrauten. Manning befindet sich zu jenem Zeitpunkt auf einem US-Stützpunkt 60 Kilometer östlich von Bagdad. Als Aufklärungsanalyst hat er Zugang zu geheimen Datensammlungen und Aufzeichnungen. Er bringt CDs zur Arbeit und täuscht vor, Lady Gaga auf seinem Kopfhörer zu hören. In Wirklichkeit transferiert er Daten auf die CDs. Der Krieg im Irak ist ihm längst ein Gräuel. Zudem ist Bradley Manning schwul: Er muss sich einrichten in einer Truppe, die Homosexualität mit sofortiger Entlassung quittiert. Die Armee passt so wenig zu ihm wie er zur Armee.
Aber Bradley Manning passte eigentlich nie in seine Umgebung. Als Kind im Hinterland in Oklahoma fiel er als Streber und Sonderling auf. Nach der Scheidung der Eltern zog er mit seiner walisischen Mutter nach Haverfordwest in Wales, wo er auf der Schule als Homo gehänselt wurde. Er fiel durch Wutausbrüche auf, flirtete mit Girls und mit Boys. Das Leben war die Hölle, und es wurde nicht besser, als Bradley Manning zurück zum Vater nach Oklahoma zog. Aus einer Software-Firma flog er schnell heraus. Der Vater, ein Ex-Soldat, wies ihm die Tür, weil er keinen Schwulen im Haus haben wollte.
Selbstmordgefährdet
Um etwas Ordnung in sein chaotisches Leben zu bringen, trat Bradley Manning 2007 in die Armee ein. Eine Heimat fand er auch dort nicht. Seine Vorgesetzten «ignorierten» ihn, schrieb er. Er müsse «Kaffee holen und den Raum fegen». Der Gefreite Manning sehnte sich nach Boston, wo er vor seiner Verlegung in den Irak Tyler Watkins getroffen hatte, einen Studenten und Musiker. Und eine gelegentliche Dragqueen.
Nachdem das Video der Helikopterattacke um die Welt gegangen war, schrieb Manning an Watkins. Ob er etwas ausgelöst habe, wollte er wissen: «Hat es wirklich einen Unterschied gemacht?» An Lamo schrieb er, es sei ihm «egal, ob ich den Rest meines Lebens in einem Gefängnis verbringe oder hingerichtet werde, wenn dafür überall auf der Welt Bilder von mir erscheinen». Was er an Geheimdokumenten weitergegeben habe, werde «bei Hillary Clinton und mehreren Tausend Diplomaten rund um die Welt Herzinfarkte auslösen», versicherte er.
Nun wartet Bradley Manning auf seinen Prozess. Er gilt als selbstmordgefährdet und wird rund um die Uhr beobachtet in Quantico. Ein Foto von ihm ist um die Welt gegangen: Es zeigt einen jungenhaften Mann mit einem freundlichen Gesicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.10.2010, 22:21 Uhr
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