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Der Staat Nigeria droht völlig auseinanderzubrechen

Von Dagmar Wittek, Johannesburg. Aktualisiert am 22.01.2010 8 Kommentare

Die Konflikte zwischen Christen und Muslimen, zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, zwischen Regierung und Rebellen zerreissen ein Nigeria ohne funktionierende zentrale Autorität.

Ein weiterer Versuch: In der Unruhestadt Jos in Zentralnigeria sorgt mittlerweile die Armee für Ruhe und Ordnung.

Ein weiterer Versuch: In der Unruhestadt Jos in Zentralnigeria sorgt mittlerweile die Armee für Ruhe und Ordnung.
Bild: Reuters

Es herrscht wieder Ruhe in den Strassen von Jos. Nachdem sich in den vergangenen Tagen christliche und muslimische Gangs blutige Schlachten geliefert hatten, haben jetzt schwer bewaffnete Soldaten in ihren gepanzerten Fahrzeugen die Kontrolle über die zentralnigerianische Stadt übernommen. Trotzdem getraut sich kaum jemand aus dem Haus. «Wir bleiben drinnen, auch wenn uns langsam Wasser und Essen ausgehen», berichtet ein Einwohner.

Die Bilanz der blutigen Auseinandersetzungen: mehr als 200 Tote und Tausende Vertriebene. Was genau die Gewaltwelle verursacht hat, ist noch immer unklar. Einige Beobachter sagen, Auslöser sei der Bau einer Moschee in einem vorwiegend christlichen Stadtteil gewesen, andere behaupten, dass ein Streit zwischen benachbarten Muslimen und Christen eskaliert sei. Es sei um den Wiederaufbau von Häusern gegangen, die bei Unruhen vor zwei Jahren zerstört wurden. In Jos ist es in den letzten zehn Jahren immer wieder zu tödlichen Konflikten gekommen. Seit dem Ende der Militärherrschaft 1999, so die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sind rund 13'500 Menschen Opfer religiös oder ethnisch motivierter Kämpfe geworden. «Die meisten Täter werden nicht bestraft. Es ist schockierend, wie die Regierung versagt», urteilt die Human-Rights-Watch-Mitarbeiterin Corinne Dufka.

Der Präsident schweigt

Der seit über zwei Monaten in einem saudischen Krankenhaus liegende Präsident Umaru Yar'Adua hat sich zu den neusten Ausschreitungen bislang nicht geäussert. Sein Vize liess zögerlich das Militär verstärken. Ein Armeesprecher teilte jetzt mit, dass die Situation unter Kontrolle und ruhig sei. Allerdings berichtet der Haussa-Dienst der BBC, dass sich die Gewaltwelle weiter ausbreite. Auch in der 100 Kilometer von Jos entfernten Stadt Pankshin gebe es Kämpfe.

Aber Nigerias Regierung schweigt. «Nigeria ist lahmgelegt, die Regierung arbeitsunfähig», sagt Vincent Nmehielle, Leiter des Programms Rechtsentwicklung in Afrika an der Johannesburger Witwatersrand-Universität. Afrikas bevölkerungsreichstes Land, das zudem über die grössten Ölvorkommen des Kontinents verfügt, ist führungslos.

«Schlimmer als eine Bananenrepublik»

Offiziell hätte der 58-jährige Präsident Yar'Adua seinem Vize Goodluck Jonathan schriftlich das Amt übertragen müssen. Das hat er nicht getan, daher hält sich Jonathan bedeckt. «Nigeria steht schlimmer da als eine Bananenrepublik», schimpft Chidi Odinkalu von der Nichtregierungsorganisation Open Society Initiative in West Africa. Die USA haben nach dem versuchten Terroranschlag des nigerianischen Unterhosenbombers das Land auf die Terrorliste gesetzt. Rebellen im ölreichen Nigerdelta drohen mit neuen Anschlägen, der höchste Richter des Landes wurde von seinem Vorgänger vereidigt statt verfassungskonform vom Präsidenten.

Jurist Nmehielle macht sich Sorgen um sein Heimatland. Die Situation sei prekär. Die Angst, dass es einen Militärputsch gebe, schwinge immer mit. Nigeria hat seit 1966 sieben Militärcoups hinter sich und wird erst seit gut zehn Jahren demokratisch regiert. Das Land ist zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden gespalten. Zwar stammt der Präsident aus dem Norden und sein Vize aus dem Süden, aber zwischen den beiden Regionen herrscht ein tiefes Misstrauen. «Es sind sowohl der Nord-Süd-Konflikt, als auch ethnische Differenzen, die die Situation in Nigeria heikel machen», sagt der nigerianische Politologe Ben Okolo. Denkt man zudem an das ölreiche, von Kidnappings, Morden und Anschlägen auf Pipelines geprägte Nigerdelta, sitzt Nigeria auf einer Zeitbombe.

Ohne Präsident kein Frieden

Präsident Yar'Adua hatte einen Waffenstillstand mit den Rebellen im Nigerdelta erwirkt, aber bereits jetzt zeichnet sich ab, dass dieser gefährdet ist. «Die Abwesenheit des Präsidenten bringt den Friedensprozess ins Wanken, da es keinen Ansprechpartner mehr gibt», schreibt der Sprecher einer der grössten Rebellengruppen, der Bewegung für die Emanzipierung des Nigerdeltas, in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AFP. «Ich glaube, die meisten Regierungsmitglieder versuchen zurzeit nur ihre Position zu sichern, um an der Macht zu bleiben», sagt Okolo.

Eigentlich gibt es ein Übereinkommen, dass Nord- und Südnigeria alternierend immer für zwei Amtszeiten den Präsidenten stellen. Yar'Adua hätte noch eine weitere Amtszeit nach den nächsten Wahlen im Mai 2011 vor sich. Sein Vize Goodluck Jonathan stammt aus dem Süden – seine Ernennung war ein symbolischer Akt. Rod Alence vom Johannesburger Zentrum für internationale Beziehungen in Afrika spekuliert, dass es innerhalb der regierenden People's Democratic Party (PDP) Kräfte gebe, die verhindern wollen, dass der Süden durch Jonathan als amtierender Präsident an die Macht kommt.

«Parteiquerelen und Machtkämpfe», sagt Politologe Okolo. Keiner denke im Interesse der Menschen und des Landes. Stattdessen verharrt Nigeria in einem Machtvakuum, das schnell explodieren kann, falls sich die verschiedenen lokalen Unruhen zu einem Flächenbrand ausweiten sollten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2010, 04:00 Uhr

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8 Kommentare

Rene Wetter

22.01.2010, 10:16 Uhr
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Wir werden noch meh solche Fälle kriegen, denn Saudi Arabien exportiert allerorten seine wahabitische extremistische Variante des Islams. Sie haben viel Geld bauen Moscheen und Koranschule und helfen auch sonst, gewinnen somit die Herzen der Bevölkerung. Der saudische Export hat in der Welt schon viel Unheil angestiftet, die USA sollten da Druck aufsetzen um das zu unterbinden. Antworten


Charles Dupond

22.01.2010, 06:48 Uhr
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So gehts in Theokratien. Im Kanton Glarus teilten sich auch einmal eine papistische und eine ketzerische das gleiche Staatsgebiet, samt Trennung der pseudoweltlichen Gewalten (von separater Landsgemeinde bis zu separater Juxtiz) ueber die effektiv religioes Vergewaltigten. Einzigartig war nur, dass der Religionskampf da sehr lange offiziell auf politischer statt kriegerischer Ebene blieb.... Antworten



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