Der Terrorist, der Familienmensch war

Für Israelis war er ein Verbrecher, Palästinenser hingegen verehrten ihn: Abu Jihad, dessen Ermordung Israel nun eingestanden hat. Gemeinsam mit Arafat entschied er über das Schicksal der Palästinenser.

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Eine Strasse in Tunis, am 15. April 1988: Ein Pärchen, offensichtlich Touristen, nähert sich einem Mann, der vor einem Hauseingang steht. Die Frau hält eine Strassenkarte in der Hand und fragt nach dem Weg. Was harmlos scheint, ist in Wirklichkeit eine geplante Exekution: Im Haus befindet sich Abu Jihad, Fatah-Mitbegründer und zu dieser Zeit Nummer zwei in der PLO hinter Yassir Arafat. Der Mann vor dem Haus ist sein Bodyguard. Die Touristen sind zwei israelische Kommandosoldaten. Als sich der Wachmann der vermeintlichen Frau zuwendet, öffnet der andere Soldat die Pralinenschachtel in seinen Händen, zieht eine Pistole mit Schalldämpfer hervor und schiesst dem Wachmann in den Kopf. Minuten später sind auch ein weiterer Bodyguard, ein Gärtner und Abu Jihad tot.

So detailliert wurde diese Szene noch nie beschrieben: Die israelische Militärzensur erlaubte erst jetzt der Zeitung «Jediot Ahronot», ihre Recherchen zu dem Fall zu veröffentlichen, darunter ein Interview mit dem Kommandosoldaten, der Abu Jihad in Tunesien erschossen hatte und der 2000 bei einem Motorradunfall starb. «Ich habe ihn mit einer langen Feuersalve getötet», zitierte die Zeitung Nahum Lev. «Ich habe aufgepasst, dass ich seine Frau nicht verletze, die da auftauchte. Abu Jihad war in furchtbare Akte gegen Zivilisten verwickelt. Er war ein Todeskandidat. Ich erschoss ihn ohne Zögern.»

Mit der Erlaubnis des Abdrucks hat Israel damit nach fast 25-jährigem Schweigen die Tötung des Arafat-Stellvertreters eingeräumt. Klar ist jedoch auch, dass schon damals kaum jemand daran zweifelte, dass die Israelis Abu Jihad ermordet hatten. Bereits vier Tage nach seinem Tod titelte die britische Tageszeitung «The Guardian» unter Berufung auf ungenannte israelische Quellen: «Israel gibt PLO-Ermordung zu».

«Wir waren jung und naiv damals»

Abu Jihads Tod war von höchstem Interesse für die Israelis: Mit ihm schalteten sie eine zentrale Figur der Palästinenserbewegung aus. Khalil al-Wazir, wie Jihad richtig hiess, war der Mann, der gemeinsam mit Arafat den bewaffneten Kampf beschlossen hatte. «Unsere erste Entscheidung war, dass wir uns organisieren und bewaffnen müssen», erzählte Wazir dem BBC-Korrespondenten Alan Hart, der 1984 für seine Arafat-Biographie ausführlich mit Wazir gesprochen hatte.

Die beiden künftigen PLO-Führer hatten sich gemäss Hart in Kairo kennengelernt, wo Wazir studierte. 1957 seien die beiden die massgeblichen Stimmen in der Debatte über die Ausrichtung der Palästinenserbewegung gewesen. Wazir erinnerte sich: «Wir glaubten, Arafat und ich, dass wir nur mit militärischen Aktionen die palästinensische Identität festigen könnten. Das war unser Slogan. Was wir damit meinten? Wir waren überzeugt, dass wir die arabischen Regimes und die Welt überzeugen mussten, dass wir Palästinenser immer noch existierten und unser Problem nicht unter den Teppich gekehrt werden konnte. (…) Wir waren in vielen Dingen jung und naiv damals (…) Aber wir wussten, dass in der Welt der Grossmächte Waffen lauter sprachen als Worte. Man könnte sagen, dass wir uns entschieden, dass wir dieselbe Sprache sprechen müssten wie jene, die uns zum Verschwinden bringen wollten.»

Sein wichtigster Coup

Die «zweite grundlegende Entscheidung» war jene, dass die Palästinenser sich keiner anderen arabischen Bewegung oder Partei anschliessen sollten wie zum Beispiel den Muslimbrüdern. Der Kampf der Palästinenserorganisation Fatah und später der bewaffneten PLO war damit vorgezeichnet. Während Arafat das Symbol für den Widerstand wurde, der mit seinem Volk mitlitt, war Wazir der Mann, der den bewaffneten Widerstand organisierte. 1955 bereits war Wazir an der Sprengung des Wasserreservoirs in der israelischen Stadt Beit Hanun beteiligt, 1975 soll er hinter einer Geiselnahme in einem Hotel in Tel Aviv gestanden haben und 1978 schliesslich hinter einem Angriff auf einen israelischen Bus, bei dem 38 Israelis getötet wurden.

Wazirs zentrale Rolle aber war nicht die Planung oder Ausführung von Anschlägen. Wazir war vielmehr dafür verantwortlich, finanzielle, logistische und diplomatische Unterstützung zu sichern. Als sich die PLO-Führung aus dem Libanon zurückziehen musste, liess sich Wazir in Algerien nieder und eröffnete dort das erste offizielle Büro der Fatah. Dabei gelang ihm sogar ein wichtiger Coup: Der algerische Präsident Ben Bella sicherte dem Büro, das mit dem Lehrerinnenlohn von Wazirs Ehefrau finanziert wurde, den Status einer diplomatischen Mission. «Vom jenem Moment an, als die Algerier uns ihren offiziellen Segen gaben, hatten wir die Möglichkeit, ein Problem zu lösen», sagte Wazir. «Der Fakt, dass wir Algerien zum Freund zu haben schienen, gab uns eine revolutionäre Glaubwürdigkeit, die mehr wert war als Gold und Waffen zusammen.»

Ein leichtes Ziel für die Israelis

Anders als viele andere PLO-Führer galt Wazir zu seinen Lebzeiten als aufrichtig und nicht korrupt und genoss dadurch grosse Glaubwürdigkeit und Beliebtheit unter den Palästinensern. Wazir galt auch als Familienmensch – was ihm schliesslich offenbar zum Verhängnis wurde. Er entschied sich, mit seiner Familie offen in Tunis zu leben anstatt im Untergrund, und war dadurch ein leichtes Ziel für die Israelis, die nur noch herausfinden mussten, wie sie ihr Exekutionskommando ins Land bringen konnten. Auch dies ist nun bekannt: Laut den veröffentlichten Interviewpassagen gelangten 26 israelische Soldaten mit Schlauchbooten von einem Schiff aus nach Tunesien.

An der Aktion waren auch zwei israelische Persönlichkeiten beteiligt, die heute Regierungsmitglieder sind: Verteidigungsminister Ehud Barak, der damals stellvertretender Streitkräftechef war, und der stellvertretende Ministerpräsident Mosche Jaalon, damals Leiter der Einheit Sajeret Matkal.

(Erstellt: 02.11.2012, 15:15 Uhr)

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