Der «Vater der Taliban» wird zum Friedensstifter

Er war der Lehrer von Taliban-Grössen wie Mullah Omar und predigt den Kampf gegen die US-Truppen in Afghanistan. Und doch beweist Maulana Sami-ul-Haq, dass der Wille zum Verhandeln durchaus vorhanden ist.

«Blutvergiessen ist keine Lösung»: Maulana Sami-ul-Haq, Leiter einer pakistanischen Koranschule.

«Blutvergiessen ist keine Lösung»: Maulana Sami-ul-Haq, Leiter einer pakistanischen Koranschule. Bild: Keystone

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Der oberste Geistliche einer berüchtigten pakistanischen Koranschule, an der eine Generation von afghanischen Taliban-Führern ausbildet wurden, predigt weiter den Kampf gegen die Amerikaner in Afghanistan. Gleichzeitig sagt Maulana Sami-ul-Haq, er wolle dazu beitragen, die Aufständischen an den Verhandlungstisch zu bringen.

Das Angebot des «Vaters der Taliban» weckt Hoffnungen, dass die Versuche der USA, einen Ausweg aus dem zehn Jahre dauernden Krieg auszuhandeln, fruchten könnten. Selbst wenn Haq nicht als Mittelsmann auftreten sollte, seine Haltung verdeutlicht, dass es unter den Taliban tatsächlich den Willen zum Verhandeln gibt. «Es muss einen Ausweg geben», sagt Haq. «Blutvergiessen ist keine Lösung», fügt er hinzu.

Der Druck des Abzugs

In Anbetracht der Tatsache, dass die USA ihre Kampftruppen bis 2014 aus Afghanistan abgezogen haben wollen, ist der Wille zu verhandeln stärker denn je. Die USA üben Druck auf die Pakistaner aus, sie sollten die Aufständischen an den Verhandlungstisch drängen. Bisher waren die Ergebnisse jedoch dürftig.

Vertreter der USA glauben zudem, es sei weiterhin auch hoher militärischer Druck auf die Aufständischen nötig – durch Operationen in Afghanistan und Drohnen-Angriffe in Pakistan. «Reden und Kämpfen» nennen sie das Vorgehen.

«Wir hauen drauf, und es zeigen sich Hinweise, dass Leute gerne zu einer Übereinkunft kommen wollen», umschreibt ein US-Abgesandter, der sein Namen nicht öffentlich preisgeben will, die Strategie. «Die Pakistaner sagen uns, es gebe Typen, die reden wollen».

Berühmte Absolventen

Haq ist in seinen Siebzigern, er ist eine Respektsperson unter den Militanten auf beiden Seiten der Grenze. Seine Schule, Darul Uloom Hakkania, weist berühmte Absolventen vor. Sowohl der Oberste Talib, Mullah Omar, als auch der Führer des Hakkani-Netzwerkes besuchten seine Schule. Das Netzwerk, das aus der Grenzregion in Pakistan heraus operiert, gilt den Amerikanern als gefährlichster Feind.

Die Schule wurde 1947 gegründet und hat etwa 3.000 Schüler. Sie liegt in der Nähe der pakistanischen Stadt Peshawar, gleich neben einer Verbindungsstrasse zur Grenze nach Afghanistan. Haq lehrt etwa 500 junge Männer, die kurz davor stehen, die Schule abzuschliessen. Seine Schüler, die hier zur Schule gehen, seit sie kleine Jungen waren, sitzen im Schneidersitz in einer Halle vor ihm. Sie sollten sich auf den Jihad vorbereiten, predigt Haq.

Hier wird eine kompromisslose Variante des Islams gepredigt. Nicht nur der Aufruf zum Jihad, sondern die puristische Auslegung, die das Taliban-Regime in den 90er Jahren von hier aus nach Afghanistan exportierte und durchsetzen wollte.

Misstrauen und überzogene Forderungen

Haq hält den anhaltenden Widerstand gegen die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan weiter für rechtens und verweist darauf, dass andere Taliban den Gesprächen zudem überaus misstrauisch gegenüberstünden. Manche glaubten, die Verhandlungen seien eine Scharade, um den Aufstand in konkurrierende Fraktionen zu zersplittern.

Haq sagt, weder die pakistanische Regierung noch die Streitkräfte hätten ihn aufgefordert, als Unterhändler aufzutreten, aber er würde einwilligen, sollten sie ihn fragen. «Sie würden mir zuhören. Wir haben einen von Respekt und Wissen geprägten Umgang», sagt Haq über sein Verhältnis zu den Aufständischen. «Aber die Amerikaner müssen glaubhaft machen, dass sie die Taliban nicht hintergehen. Die Taliban sind kluge Leute. Sie kennen sich mit Täuschungsversuchen aus.»

Offiziell wollen die Taliban solange nicht verhandeln, wie die USA noch Truppen in Afghanistan stationiert haben. Aber es gab bereits erste Kontakte, beispielsweise zwischen Delegierten der USA und des Hakkani-Netzwerkes.

Verhandlungen über militärische Präsenz

Am Mittwoch findet in Kabul die grosse Ratsversammlung, die sogenannte Loja Dschirga, statt. Im Kern soll die Loja Dschirga die Rahmenbedingungen der Verlängerung der militärischen Präsenz der USA und ihrer Natio-Bündnispartner nach dem offiziellen Abzugstermin 2014 abstecken.

Auch wenn ein derartiges Abkommen bei der afghanischen Bevölkerung und in den Truppenstellerländern unbeliebt ist, strategisch ist der Pakt auch aus afghanischer Sicht geboten, denn es dürfte der Zentralregierung in Kabul schwer fallen, nach einem Komplettabzug aller ISAF-Truppen die Kontrolle über die Peripherie zu behalten.

Nach Abzug aller ISAF-Kampftruppen bis 2014 sollen die Afghanen alleine für die Sicherheit im Land sorgen. Die meisten Nato-Partner, wie in der vergangenen Woche die Schweden, bekennen sich weiterhin zum Abzugstermin, lassen sich aber die Option offen, militärisch präsent zu bleiben, wie die Bundeswehr auch. (kpn/dapd)

(Erstellt: 15.11.2011, 23:04 Uhr)

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Karsai fügte bei dem Treffen in Istanbul hinzu, ein Frieden in seinem Land ohne die Spitze der Taliban sei aussichtslos. «Wir hoffen, dass wir mithilfe unserer Brüder in Pakistan die Führung der Taliban von den etablierten Unterstützern ausserhalb Afghanistans lösen und sie in den Friedensprozess integrieren können», sagte Karsai in Istanbul.

Ein Frieden ohne die Aufständischen am Verhandlungstisch scheint aussichtslos und Pakistan - das bezeugt Karsais Vorgehen - verfügt über Einfluss auf die Taliban, deren Oberster Rat in der pakistanischen Stadt Quetta in Baluchistan residiert. (dapd)

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