Der «ultimative Israeli»

Israel hat einen neuen mächtigen Mann: Yair Lapid. Seine gemässigte Partei Yesh Atid ist seit gestern zweitstärkste Kraft im Land. Warum sich an den politischen Fähigkeiten des Ex-TV-Stars die Geister scheiden.

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Er stellte sämtliche Wahlprognosen auf den Kopf und sorgte für die grösste Überraschung bei den israelischen Parlamentswahlen: Der Politneuling Yair Lapid hat mit seiner Partei Yesh Atid 19 von insgesamt 120 Knesset-Sitzen geholt. Sie etabliert sich damit als zweitstärkste Kraft und wird zu einem möglichen Koalitionspartner von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Dessen rechtskonservativer Block holte nur 60 Sitze und wird darum bei der Regierungsbildung auf Allianzen mit Parteien der Opposition angewiesen sein.

«Als die Wahllokale in Israel schlossen, war klar, dass Lapid sich als einer der mächtigsten politischen Anführer des Landes wieder erfunden hat», schreibt die «New York Times» (NYT) heute. Und die israelische Nachrichtenplattform Haaretz.com urteilt: «Seit gestern haben wir einen neuen König: Yair.»

Es könne nun keine annehmbare neue israelische Regierung geben ohne eine Beteiligung von Lapid, ist Haaretz.com überzeugt. Bereits gestern Abend hat Netanyahu laut seiner Partei denn auch mit Lapid telefoniert und ihn dazu aufgefordert, sich an einer Regierungskoalition zu beteiligen. Schon in wenigen Wochen könnte der 49-Jährige also einen Platz im Kabinett einnehmen – rund ein Jahr nachdem er seine politische Karriere gestartet hat.

«Wo ist das Geld?»

Beim rasanten politischen Aufstieg kam Lapid seine Bekanntheit als Journalist, Autor und Schauspieler zugute. Er arbeitete zunächst als Zeitungsreporter und schrieb Gedichte, Lieder und Bücher. 2008 übernahm er die Moderation einer der beliebtesten wöchentlichen Nachrichtensendungen Israels. Der charismatische Lapid gehört darum schon länger zur Prominenz des Landes und knüpfte Kontakte zu Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft. Im Januar 2012 gab er dann bekannt, seinen TV-Job zugunsten einer politischen Karriere an den Nagel zu hängen.

Damals habe er es sich zum Ziel gesetzt, Israels gebeutelter und verstummter Mittelklasse eine Stimme zu geben, schreibt die NYT. «Where's the money?» («Wo ist das Geld?»), diese Frage stellte Lapid ins Zentrum seiner Kampagne. Damit sprach er den Hunderttausenden mittelständischen Israelis aus dem Herzen, die im Sommer 2011 auf die Strasse gegangen waren, um für mehr soziale Gerechtigkeit und gegen ihre Marginalisierung zu demonstrieren. Viele von ihnen setzten ihre Hoffnungen danach in Lapid und seine neu gegründete Partei. Der israelische Kolumnist Yossi Verter bezeichnete Lapid damals als «den ultimativen Israeli. Ein Mann, der uns versteht, der in der Armee diente und Steuern zahlt. Ein Mann, der unsere Sprache spricht und unsere Wünsche ausdrückt, der blutet, wenn er gestochen wird, der lacht, wenn er gekitzelt wird, und stirbt, wenn man ihn vergiftet.»

Ein Sieg der modernen Politik

Ebendiese Einfachheit und Verbundenheit mit dem «Durchschnitts-Israeli» kreiden ihm allerdings viele Experten und Journalisten an. Lapids Sieg sei auch ein Sieg der modernen Politik, schreibt Haaretz.com – der Politik des Internets und der Realityshows. Er sei zweifellos ein netter, wohlgesinnter Mann, «doch seine Erfahrung beginnt und endet mit der Moderation von TV-Shows und dem Schreiben von Drehbüchern und Zeitungskolumnen». Dieser «nette Mann» könnte sich nun also bald in der Regierung des israelischen Staates wiederfinden, wo er sich mit Themen auseinandersetzen müsste, «von denen er vorher nicht einmal wusste, dass sie existierten».

Auch der «New Yorker» äussert Zweifel an den politischen Fähigkeiten Lapids: Er habe sich als Journalist stets den seichteren Themen gewidmet und bediene sich einer einfachen Sprache. Zudem habe er während seiner Schulzeit Lernprobleme gehabt und sei sogar einmal von der Highschool geworfen worden. Noch härter geht der israelische Journalist Asher Schechter mit Lapid ins Gericht: Er bezeichnet ihn als «notorischen Möchtegern», als Zigarren-rauchenden TV-Star, dessen Bildungsstand höchstens als mittelmässig bezeichnet werden könne.

Der Sohn des Justizministers und der Schriftstellerin

Mit seinem Werdegang wandelt Lapid auf den Spuren seines Vaters: Yosef Lapid, ein ungarischstämmiger Überlebender des Holocaust, arbeitete 44 Jahre lang als Journalist, bevor er 2003 israelischer Justizminister und Vizepremier wurde. Schon Yosef Lapid hatte sich gegen die ultraorthodoxen Parteien gestellt und eine Trennung von Religion und Politik gefordert. Er starb vor vier Jahren. Lapids Mutter Shulamit ist eine bekannte israelische Schriftstellerin.

Geboren wurde Lapid in Tel Aviv, wo er auch die breiteste Wählerbasis hat. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Neben seiner Leidenschaft fürs Amateurboxen zeichnet er sich vor allem durch seinen legeren, aber schicken schwarzen Kleidungsstil aus. Gut aussehend sei er, schreibt der «New Yorker», selbstbewusst und fast eingebildet, «ein Bluffer». Welche Art von Politiker nun aus ihm werde, «das wird interessant zu beobachten sein». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.01.2013, 11:02 Uhr)

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