Ausland

Der unberechenbare Mann im Jemen

Aktualisiert am 05.01.2010

Im Kampf gegen den Terror setzen die USA auf Präsident Saleh. Doch dieser ist sprunghaft und hält sich mit einem äusserst umstrittenen System seit 31 Jahren an der Macht.

Paktiert gelegentlich auch mit Extremisten: Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh.

Paktiert gelegentlich auch mit Extremisten: Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh.
Bild: Keystone

Im Kampf gegen das Terrornetzwerk al-Qaida setzen die USA auf engere Zusammenarbeit mit dem Jemen, auf Ausbildung und Ausrüstung der Streitkräfte und Austausch von Geheimdiensterkenntnissen. Der jüngste Vorstoss gegen Terrorverdächtige am Montag mag ein Zeichen sein, dass der langjährige Präsident Ali Abdullah Saleh zur Kooperation bereit ist. Doch die Umarmungsstrategie Washingtons könnte sich als riskant erweisen.

Saleh, so sprunghaft wie umstritten, hält sich seit 31 Jahren an der Macht. Er stützt sich auf ein System der Manipulation, das Familienmitglieder an Schaltstellen der Macht bugsiert und Rivalen und aufmüpfige Stammesführer finanziell ruhigstellt. Zuweilen bedeutete das auch Bündnisse mit islamistischen Extremisten. Zum Missfallen der USA liess er in den vergangenen Jahren inhaftierte Al-Qaida-Mitglieder frei gegen Versprechen, vom Terror zu lassen. Nicht alle hielten sich daran.

Vor harten Entscheidungen

Beobachter warnen, dass Salehs Machtsystem unter der Last von Krisen, Armut und Korruption nachgibt. Die Regierung hat nur die Umgebung der Hauptstadt voll unter Kontrolle; ein grosser Teil des gebirgigen Landes bleibt waffenstarrenden Stämmen überlassen, von denen manche Al-Qaida-Kämpfern Unterschlupf gewähren.

«Saleh steht vor der schwierigsten Zeit seiner Präsidentschaft», sagt Ali Seif Hassan, Leiter einer jemenitischen Organisation, die zwischen Regierung und Opposition vermittelt. «Jetzt steht er vor der Wahl, so weiterzumachen wie bisher, bis am Ende ein gescheiterter Staat steht, oder die harten Entscheidungen zu treffen, um das abzuwenden.»

Für die USA ergeben sich Parallelen zum Irak und zu Afghanistan: Auch da musste Washington über das militärische Eingreifen hinaus wirtschaftliche Hilfe leisten und Politiker teils gegen ihren Willen zu Reformen drängen in der Hoffnung, Militanten das Wasser abzugraben.

Mit der Unterstützung der USA für seine Terrorabwehr und die Sicherheitskräfte hat der Jemen in den letzten Wochen versprochen, die schätzungsweise hunderte Al-Qaida-Leute zu bekämpfen, die sich in den abgelegenen Landesteilen eingenistet haben. Für zusätzliche Dringlichkeit sorgte der Anschlagsversuch auf ein US-Flugzeug an Weihnachten, zu dem sich der jemenitische Zweig des Terrornetzwerks bekannte.

Herrschaftssystem nicht mehr zu bezahlen

Die USA stockten ihre Antiterrorhilfe von 2008 auf 2009 von null auf 67 Millionen Dollar auf und wollen die Summe dieses Jahr verdoppeln. Doch die Regierung in Sanaa will auch Wirtschaftshilfe sehen, um der zunehmenden Armut unter den 22 Millionen Einwohnern entgegenzuwirken und den Terrorismus an der Wurzel zu bekämpfen. Viele Beobachter finden allerdings, dass sich Salehs Regime selbst ändern muss. «Die Herrschaftsweise, die Saleh über 30 Jahre lang gepflegt hat, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der jemenitischen Regierung geht das Geld aus», warnte Gregory Johnsen, Jemen-Experte an der Universität Princeton.

Die Erdöleinnahmen, die 70 Prozent des Haushalts ausmachen, sind von 4,2 Milliarden Dollar in der Zeit von Januar bis Oktober 2008 auf 1,5 Milliarden im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres eingebrochen. Damit schwinden Salehs Möglichkeiten, Anhänger wie Gegner bei Laune zu halten. Zugleich führt er kostspielige Kämpfe gegen schiitische Rebellen im Norden und Separatisten im Süden.

Drei Jahrzehnte lavieren und taktieren

Der Offizier kam 1978 an die Macht, nachdem zwei vorige Präsidenten Attentaten zum Opfer gefallen waren - einer nach nur acht Monaten im Amt. Mancher hatte erwartet, dass sich auch Saleh nicht viel länger halten würde. Doch der 67-Jährige festigte seine Position, indem er seinen Sohn und andere enge Verwandte auf militärische Spitzenposten brachte und auch in Politik und Wirtschaft die Fäden in der Familie bündelte. Darüber hinaus schmiedete er Bündnisse mit den Salafisten - islamistischen Extremisten mit beträchtlichem Einfluss, von denen manche eine nicht minder antiamerikanische Weltsicht hegen wie al-Qaida.

Der Politikwissenschaftler Mohammed Abdul Malik al Mutawakkil aus Sanaa bezweifelt, dass Saleh sich ändern kann. Wenn er zu hart gegen al-Qaida vorgehe, würden sich die Salafisten «gegen ihn erheben», und zu energisches Einschreiten gegen Korruption werde deren Nutzniesser vor den Kopf stossen, warnte er. Vermittler Hassan glaubt allerdings, dass sich die Unterstützung der USA für Saleh als Rettung erweisen könnte. «Der Jemen steht an einem Scheideweg, und es gibt Anzeichen dafür, dass er sich zur richtigen Seite wenden wird», sagt er über den Präsidenten. «Er hat keine anderen Optionen. Nach all seinem Lavieren hat er eine Sackgasse erreicht.» (sam/ap)

Erstellt: 05.01.2010, 16:24 Uhr

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