Hintergrund

Die Armee der Masken

Abu Bakr al-Baghdadi hat in Syrien und im Irak mit brutaler Gewalt ein kleines Kalifat errichtet und bringt damit alle gegen sich auf: Den Westen, die Rebellen, die Bevölkerung – und den Rest der al-Qaida.

Haben in Raqqa eine Kapitale mit rudimentären Elementen eines richtigen Staates eingerichtet: Baghdadis Anhänger demonstrieren ihre Stärke.

Haben in Raqqa eine Kapitale mit rudimentären Elementen eines richtigen Staates eingerichtet: Baghdadis Anhänger demonstrieren ihre Stärke. Bild: Keystone

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«Von Diyala bis nach Beirut!» Das ist der Traum, den Abu Bakr al-Baghdadis Anhänger auf Twitter verkündeten. Er und seine Anhänger träumen von einem Reich, das sich vom Zweistromland des Irak bis zum Mittelmeer erstreckt. Die Einheimischen nennen seine Horden die «Armee der Masken» oder die «schwarze Macht». Die Vision, welche die stets schwarz maskierten und schwer bewaffneten Kämpfer antreibt, ist eine uralte: eine aus der goldenen Zeit der ersten islamischen Kalifate.

Von 661 bis 750 regierten die Omajjaden von Damaskus aus ein erstes islamisches Grossreich – danach war während fünf Jahrhunderten die Reihe an den Abbasiden, den Kalifen von Bagdad. In ihrer Nachfolge sehen sich die Visionäre der al-Qaida. Um den historischen Anspruch zu unterstreichen, hat Baghdadi seine Organisation letztes Jahr in «al-Qaida im Irak und der Levante» (Isis) umgetauft. Die Levante ist seit alters ein Begriff für den «fruchtbaren Halbmond» am Mittelmeer, der neben dem historischen Syrien Teile des heutigen Irak, Jordaniens, des Libanon, Israels und der Palästinensergebiete umfasst.

Acht Monate der Stärke

Seit der Gründung der al-Qaida vor 25 Jahren ist es ihr erklärtes Ziel, die Kalifate aus den grossen Zeiten der islamischen Geschichte wiederzubeleben. Diesem Ziel näher gekommen ist Osama Bin Ladens Bewegung seither nicht. Nie hat die al-Qaida auf Dauer ein zusammenhängendes Territorium regiert, weder in Afghanistan noch in Pakistan, im Irak, im Jemen oder in Somalia. Bis Abu Bakr al-Baghdadi kam. In acht Monaten hat er mit seiner Armee ein Gebiet unter Kontrolle gebracht, das entlang des Euphrats vom Westen des Irak bis in den Norden Syriens reicht, bis an die türkische Grenze und fast bis ans Mittelmeer. Die Zeit war günstig. In Syrien hat der Bürgerkrieg den Staat in unzählige mehr oder weniger unregierte Gebiete zerfallen lassen. Im Irak zerreissen nach dem Abzug der USA alte religiöse Konflikte den erst notdürftig gebildeten Staat.

Im syrischen Bürgerkrieg war Baghdadis Armee ein Spätankömmling. Umso zielstrebiger entwand er den erschöpften und oft zerstrittenen Rebellen strategisch wichtige Gebiete, sicherte sich Nachschubrouten, Gasfelder und Grenzstädte. Mit der einen Hand half er den Aufständischen, Assads Armee zurückzudrängen. Mit der anderen nahm er ihnen die befreiten Gebiete ab, um aus ihnen ein staatsähnliches Gebilde nach seiner Vorstellung zu formen. Stiess er dabei auf Widerstand, liess er Autobomben vor den Quartieren der Rivalen explodieren oder ihre Anführer liquidieren. Selbst vor den übrigen radikalen Islamisten, die ebenfalls der Al-Qaida-Doktrin anhängen, machte er nicht halt. Die mächtige Nusra-Front, die in Syrien über mehrere Tausend Jihadisten gebietet, forderte er im April letzten Jahres dazu auf, sich in seiner Truppe aufzulösen. Vier von fünf Nusra-Kämpfern folgten Baghdadis Ruf.

Assad als kleineres Übel

Besessen vom Traum des Kalifats, hat Baghdadi in Raqqa, einer Stadt mit einer Viertelmillion Einwohnern und derzeit dreimal so viel Flüchtlingen, eine Kapitale mit rudimentären Elementen eines richtigen Staates eingerichtet. Seine Truppe sorgt nicht nur für Ordnung, beruft Gerichte und zieht Steuern ein, sie verteilt auch Treibstoffe, Medikamente, Brot und Almosen an Bedürftige. Für die Bewohner ist das «Kalifat» dennoch alles andere als ein Idyll. Scharia-Gerichte sprechen Todesurteile aus, die auf dem zentralen Platz gleich vollstreckt werden. Sittenpolizisten terrorisieren Frauen, Raucher, Fluchende, Bartlose. Andersgläubige und Ungläubige werden misshandelt, verschleppt, ermordet. Könnten sie wählen, würden sie lieber die alte Assad-Diktatur wiederhaben, sagen viele Einwohner verbittert.

Nachdem er sich in Syrien etabliert hatte, blies Baghdadi auch in seiner Heimat Irak zum Angriff. Zum Jahreswechsel liess er die Städte Falluja und Ramadi besetzen, sodass die Regierung in höchster Not Kampfhubschrauber und Elitesoldaten schicken musste. Die al-Qaida gab ihre Positionen danach zum Teil wieder auf, dennoch bleibt die Situation höchst instabil. Attentate haben im Irak in den vergangenen fünf Monaten über 3000 Menschen getötet; zuletzt war die Gewalt 2008 vergleichbar schlimm gewesen. Im sunnitischen Westen hat der schiitische Zentralstaat seine Macht längst verloren. Baghdadis maskierte Armee ist gewillt, das Vakuum zu füllen.

Sie nennen ihn «Das Gespenst»

Über Abu Bakr al-Baghdadi ist so wenig bekannt, dass ihn Geheimdienstler vor Ort nur «Das Gespenst» nennen. Unter Sympathisanten zirkulieren zwar biografische Steckbriefe, die behaupten, er sei 1971 in der irakischen Stadt Samarra (nicht in Bagdad, wie sein Kampfname nahelegt) geboren worden, als Sohn religiöser Schriftgelehrter, und sei, nach langen Studien, selber ein solcher. Diese Angaben dienen aber offenkundig eher den Zwecken der Legendenbildung als der Wahrheit. Ein einziges Foto existiert, die Amerikaner haben es 2011 veröffentlicht, als sie 10 Millionen Dollar auf seinen Kopf aussetzten.

Als gesichert gilt, dass Baghdadi seine persönliche Sicherheit über alle Erfordernisse der Propaganda stellt. Anders als von anderen Al-Qaida-Führern gibt es von ihm so gut wie keine öffentlichen Auftritte, kein einziges Video und erst eine Handvoll Mitteilungen oder Tondokumente. Selbst vor seinen Kommandanten soll er nur verhüllt auftreten. Dafür liebe er es, unverhofft an der Front aufzutauchen, um seine Anhänger zu motivieren. Die Geheimdienste gehen davon aus, dass er sich seit längerem nicht mehr im Irak, sondern in Syrien aufhält. Eine seiner Stärken soll es sein, sein Arabisch übergangslos «irakisch», «syrisch», aber auch «saudisch» klingen zu lassen, ganz wie es ihm beliebt.

Unbestritten sind seine militärischen Fähigkeiten. Dutzende von gezielten Attentaten werden ihm zugeschrieben. Besonderen Ruhm hat ihm bei Anhängern aber der Überfall auf Abu Ghraib eingebracht. Im letzten Sommer liess er das grösste, berüchtigtste und am stärksten bewachte Gefängnis des Irak in einer minutiös koordinierten Aktion von Kommandos stürmen. Mehr als 500 inhaftierte Al-Qaida-Kämpfer wurden dabei befreit, Dutzende von Wachen getötet. Ideologisch kann Baghdadi als Erbe von Abu Musab al-Zarqawi gelten, dem 2006 von US-Bombern getöteten Begründer der al-Qaida im Irak. Wie Zarqawi geht Baghdadi mit brutaler Gewalt gegen die Schiiten vor, um den Irak in einen Bürgerkrieg zu treiben, obwohl der Islam Gewalt gegen Glaubensbrüder verbietet und auch Bin Laden vehement vor diesem Schritt gewarnt hat. Sein Aufstieg an die Spitze der Iraker al-Qaida liegt im Dunkeln, jedenfalls hatte er nicht zum bekannten Führungspersonal gehört, als er 2010 seinem ebenfalls bei einem US-Angriff getöteten Vorgänger Abu Omar al-Baghdadi nachfolgte.

Unbestrittene militärische Fähigkeiten

Was auch immer aus Baghdadis Traum des Kalifats wird, am meisten Folgen wird seine Vision wohl in Syrien hinterlassen. Die Art, wie seine Brigaden den Aufstand im Land zur Geisel nahmen, hat diesen grundlegend neu formatiert. Zum wachsenden Entsetzen der westlichen Unterstützer der Rebellion haben die Al-Qaida-Kämpfer in unmittelbarer Nähe zur Türkei, einem zentralen Verbündeten und Nato-Mitglied, faktisch eine dritte Front errichtet, an der sie Ziele verfolgen, die den westlichen Interessen diametral entgegenlaufen.

Baghdadi stellt aber auch die Kräfteverhältnisse unter den Rebellen auf den Kopf. Längst sind nicht mehr die säkulare «Freie Syrische Armee» oder gemässigt islamistische Gruppen die stärksten Kräfte, sondern die Jihadisten. Das hat nicht nur mit Baghdadi zu tun, sondern auch damit, dass den Gotteskriegern aus dem Ausland ohne Unterlass Tausende von Rekruten und Unsummen von Geld zukommen, Letzteres vor allem aus den Golfstaaten. Wie dramatisch die Lage ist, unterstrich kürzlich ein Vertreter der US-Regierung: «Syrien hat in zweieinhalb Jahren Aufstand so viele ausländische Kämpfer angezogen wie Afghanistan in zweieinhalb Jahrzehnten.»

Die vom Bürgerkrieg entkräfteten Rebellen sind militärisch zunehmend von den Jihadisten abhängig. Auch weil diese als Einzige in grosser Zahl über die mächtigste Waffe im Lager der Aufständischen verfügen: über Selbstmordattentäter. Gleichzeitig terrorisieren die Maskierten die Bevölkerung, auf deren Unterstützung die Rebellion eigentlich zwingend angewiesen wäre.

Statt mit den Rebellen gegen Assad vorzugehen, kämpfen Baghdadis Leute zunehmend gegen andere Aufständische, die ihnen bei der Landnahme in die Quere kommen oder ihre radikalen Ansichten nicht teilen. In Syrien macht deshalb längst das böse Gerücht die Runde, die al-Qaida sei eine Schöpfung Assads. Belegen lässt sich das nicht, Beobachtern fällt aber auf, dass insbesondere Assads Luftwaffe die Jihadisten oft verschont. In der Rivalität mit den Radikalen der Nusra-Front hat sich Baghdadi überdies direkt gegen die Al-Qaida-Spitze gestellt. Seine «unfreundliche Übernahme» im letzten Sommer wurde von Zawahri persönlich in einem Schreiben «annulliert». Baghdadi setzte sich über den Befehl des höchsten Al-Qaida-Führers kühl hinweg: «Ich muss zwischen der Herrschaft Allahs und der Herrschaft Zawahris entscheiden, also entscheide ich mich für die Herrschaft Allahs.»

Den Westen das Fürchten gelehrt

Seit einigen Wochen hat nun eine mächtige Gegenbewegung eingesetzt. Eine ganze Reihe von säkularen, gemässigt und radikal islamistischen Rebellengruppen hat sich verbündet, um Baghdadi in die Schranken zu weisen oder nötigenfalls aus dem Land zu vertreiben. Seither toben, ganz unabhängig vom Aufstand, in Syriens Norden Bruderkriege, in denen seit Anfang Jahr 1000 Militante ums Leben gekommen sind. Baghdadis Kämpfer metzeln ihre Rivalen nieder, wenn sie ihrer habhaft werden, während ihre Gegner noch Rücksicht walten lassen. Der Ausgang dieses Kräftemessens ist völlig unklar.

In westlichen Hauptstädten hat Baghdadi ein Umdenken in Gang gesetzt. Der ehemalige Botschafter der USA in Afghanistan, Pakistan, im Irak und Syrien hat kürzlich ausgesprochen, was viele denken, nicht nur in Washington: «So schlecht Assad ist, er ist nicht so schlecht wie die Jihadisten, die das Land übernehmen wollen», sagte Ryan Crocker. Das «Wall Street Journal» hat vergangene Woche berichtet, dass eine Reihe westlicher Nachrichtendienste mit dem Assad-Regime darüber spricht, wie der al-Qaida in Syrien gemeinsam zu begegnen wäre. Eine Annäherung an Assad oder gar eine Anerkennung von dessen Unrechtregime bedeute das zwar nicht, beschwichtigten anonyme Regierungsvertreter. Falls sich Baghdadi jedoch dauerhaft etabliere, bestehe durchaus die Gefahr, dass aus Europa stammende Syrien-Söldner den Terror in ihre westliche Heimat zurückbringen könnten. Das ist wahrscheinlich Abu Bakr al-Baghdadis nächste Vision. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2014, 08:53 Uhr

Verbreitungsgebiet der «Armee der Masken». (Bild: TA-Grafik)

Auf seinen Kopf haben die USA 10 Millionen ausgesetzt. Nur für vier Terrorfürsten winkt eine derart hohe Belohnung.

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