«Die Existenz der Christen ist bedroht»

Menschenrechtsaktivist John Eibner machte sich in Syrien ein Bild über die Lage der Religionsminderheiten. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet er über Erkenntnisse und Eindrücke seiner Syrien-Reise.

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«Die Existenz der Christen und anderer Religionsminderheiten ist bedroht», sagt John Eibner, der kürzlich aus Syrien zurückgekehrt ist. Der Menschenrechtsaktivist von Christian Solidarity International (CSI), der als Projektleiter regelmässig den Nahen Osten bereist, wollte sich persönlich ein aktuelles Bild machen über die Notlage der religiösen Minderheiten im kriegsversehrten Syrien. Vor dem Bürgerkrieg lebten rund 2,5 Millionen Christen in Syrien. Etwa 30 Prozent der 21,5 Millionen Syrer, die 2010 in Syrien lebten, gehörten religiösen Minderheiten an. Wegen der chaotischen Zustände lässt sich laut Eibner nicht sagen, wie viele Christen heute noch in Syrien leben.

In Syrien führte Eibner viele Gespräche mit Kriegsflüchtlingen und anderen Betroffenen. Er besuchte das vor dem Krieg mehrheitlich von Christen bewohnte Städtchen Maaloula nördlich von Damaskus, einen historischen Wallfahrtsort mit bedeutenden Kirchen und Klöstern. Ausserdem reiste er in die Hauptstadt Damaskus und nach Homs, der einst drittgrössten Stadt Syriens. Maaloula und Homs sind im letzten Frühling von den Truppen von Diktator Bashar al-Assad zurückerobert worden.

Zunehmende Resignation in der Bevölkerung

«Die Menschen in Syrien realisieren zunehmend das Ausmass des Konflikts», sagt Eibner im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Sie glauben nicht mehr an ein baldiges Ende der Kriegsmisere.» Im Land selbst haben gemäss UNO-Schätzungen 7,6 Millionen Frauen, Kinder und Männer ihre Heimat verloren. Mehr als 3,2 Millionen Syrer sind in die Nachbarstaaten geflohen. Der Bürgerkrieg dauert bald vier Jahre. Wie Eibner aufgrund von Gesprächen mit Betroffenen weiss, ist es immer mehr Syrern klar, «dass sie nicht mehr so wie vor dem Krieg werden leben können».

Homs zum Beispiel ist nach den heftigen Kämpfen zwischen Rebellen und Assad-Truppen eine Geisterstadt. Eibner berichtet von immensen Zerstörungen und surrealen Zuständen in der früheren Millionenstadt. In der Altstadt von Homs, wo einst 150'000 Menschen lebten, hielten sich nur noch etwa 1500 bis 2000 Menschen auf, sagt Eibner. Ihre Lebensbedingungen seien äusserst prekär. Der Bürgerkrieg mit bislang rund 200'000 Toten hat Syrien nicht nur zivilisatorisch, sondern auch wirtschaftlich um Jahrzehnte zurückgeworfen. «Syrien bräuchte einen Marshallplan wie Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg», meint Eibner, «ein solcher Plan für einen Wiederaufbau ist aber nicht in Sicht.»

Minderheiten suchen Schutz in Assad-Gebieten

Eines der grossen Dramen des Syrien-Krieges sind die religiösen Säuberungen. In Homs und Maaloula zum Beispiel hatten die sunnitischen Extremisten innerhalb der Rebellengruppen Säuberungen gegen Christen und andere Religionsminderheiten durchgeführt. In diesen Gebieten wurden viele Christen Opfer von Morden und Enteignungen, es wurden Kirchen geschändet und religiöse Symbole zerstört. Nebst den Christen flohen Alawiten, aber auch moderate Sunniten vor den Rebellen. Ein Teil der Vertriebenen fand Zuflucht in den Gebieten, die von den Assad-Truppen kontrolliert werden. Der andere Teil floh in Nachbarländer wie Jordanien und den Libanon. Dort erhalten die Flüchtlinge humanitäre Hilfe, dort funktionieren die öffentliche Versorgung und die Wirtschaft vergleichsweise gut. Vor allem sind sie nicht religiös motivierter Gewalt ausgesetzt, wie Menschenrechtsaktivist Eibner betont.

Nicht nur der Islamische Staat (IS), der grosse Teile im Osten und Norden Syriens kontrolliert, ist eine tödliche Bedrohung für die Religionsminderheiten. Laut Eibner vertreten alle bedeutenden Rebellengruppen die Ideologie einer Überlegenheit der Sunniten. Ihrer Ansicht nach sei es ein Affront gegen den Islam, dass ein «Ungläubiger», der Alawit Assad, der Präsident Syriens sei. Für die Christen und andere Minderheiten erscheint Assad als das kleinere Übel, wie Eibner sagt. Sie wissen zwar um die brutalen Seiten des assadschen Polizeistaats, der schon immer jede Regung von politischer Opposition gnadenlos unterdrückte. Trotzdem suchen sie den Schutz der Regierung in Damaskus, weil diese die Ausübung der Religionsfreiheit erlaubt. Unter Assad gibt es schon seit Jahrzehnten mehr Religionsfreiheit als in anderen Ländern im Nahen Osten.

Grossmufti gegen sunnitische Überlegenheitsideologie

Nach Ansicht der moderaten Sunniten ist eine Koexistenz mit Christen und Alawiten möglich – so wie es vor dem Bürgerkrieg gewesen war. Bei seiner Syrien-Reise traf Eibner den offiziellen Repräsentanten der Sunniten in Syrien, Grossmufti Scheich Ahmad Badr al-Din Hassun. Der Grossmufti sei ein entschiedener Gegner der Überlegenheitsideologie der sunnitischen Extremisten. Die fixe Idee eines Gottesstaats weise er ebenso zurück wie die sture Forderung nach einem sunnitischen Regenten. Für den Grossmufti sei sogar ein Atheist als Präsident denkbar, sagt Eibner.

Nach Ansicht des CSI-Aktivisten wird der Kampf zwischen säkular orientierten Sunniten und extremistischen Sunniten die Zukunft Syriens massgeblich entscheiden und das Schicksal der Religionsminderheiten mitbestimmen. Scheich Ahmad Badr al-Din Hassun und die Exponenten anderer Minderheiten sind laut Eibner bestürzt über die Syrien-Politik der USA und ihrer Verbündeten wie Saudiarabien, Katar und der Türkei. Auch Eibner, selber ein Amerikaner, gehört zu den Kritikern der US-Politik.

USA sollen sich für Minderheitenschutz einsetzen

Grosse Sorge bereitet Eibner, dass sowohl im Irak als auch in Syrien weite Teile ihrer Territorien bereits frei von Christen sind, weil diese vom IS und anderen sunnitischen Extremisten vertrieben worden sind. Wenn diese völkermordähnliche Entwicklung nicht gestoppt werde und der frühere CIA-Direktor Leon Panetta mit seiner Prognose eines 30-jährigen sektiererischen Kriegs in Syrien und im Irak recht behalte, bestehe die Gefahr, dass die religiösen Minderheiten als funktionierende Religionsgemeinschaften aus der sunnitisch-muslimischen Welt eliminiert würden.

Eibner hatte schon letztes Jahr in einem Brief US-Präsident Barack Obama aufgefordert, sich aktiv für den Schutz der bedrohten religiösen Minderheiten in Syrien und im Irak einzusetzen. Bei einem Hearing vor einem US-Kongressausschuss in Washington sagte er, dass die Existenz der Religionsminderheiten auf dem Spiel stehe. Nach seiner jüngsten Syrien-Reise warnt Eibner erneut vor religiösen Säuberungen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.11.2014, 18:16 Uhr)

Maaloula und Homs

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